Der Kuhhirt und die Weberin
Legenden nach hatte der Himmelskaiser sieben Töchter. Alle sieben Mädchen waren klug und geschickt. Die jüngste war jedoch die hübscheste, gutmütigste und fleißigste unter ihnen und auch die tüchtigste im Weben. So wurde sie Weberin genannt.
Die Weberin arbeitete tagtäglich an ihrem Webstuhl, das Schiffchen flog zwischen ihren Händen nur so hin und her, Aber was sie webte, war kein Stoff, sondern bunter Wolkenbrokat! Sind nicht morgens, wenn der Tag heraufdämmert, am östlichen Himmel bunte, herrliche Wolken zu sehen? Das ist das Werk der Weberin! Und keine Weberin auf Erden hätte je so schöne Gebilde hervorbringen können. Auch im Sommer und Herbst schwebten ab und zu am heiteren, blauen Himmel weiße Wolken, die mit ihren sich stets ändernden Formen den Himmel noch mehr Liebreiz verliehen. Auch diese Wolken entstammten der Arbeit der Weberin. So arbeitete sie das ganze Jahr über am Webstuhl und lieferte dem Himmel je nach der Jahreszeit seine schönste Verzierung. Ohne diese Arbeit der himmlischen Weberin wäre der nackte Himmel sicher viel eintöniger gewesen!
Mit der Zeit aber fand die Weberin das Leben im Himmel einsam und langweilig. Sie sah auf die Erde hinab. Was gab es da alles zu sehen: Grüne Berge und klare Flüsse... Die Männer arbeiteten auf den Feldern, die Frauen halfen mit. Die Weberin beneidete die Menschen. Einmal, als sie müde von der Arbeit war, lud sie daher ihre Schwestern ein, zusammen in einem klaren Fluß auf der Erde zu baden.
In der Nähe des Flusses lebte ein Jüngling, dem die Eltern früh gestorben waren. Er wohnte mit seinem älteren Bruder und dessen Frau zusammen. Von morgens bis abends weidete er auf den Bergen sein Rind und wurde von den Dorfbewohnern daher Kuhhirte genannt. Mit über zwanzig Jahren war er noch immer Junggeselle. War er nicht mit seinem Tier auf der Weide, so arbeitete er tagsüber auf dem Feld. Nur bei seinem Rind konnte der arme Kuhhirte Trost für seine Einsamkeit finden. Die beiden arbeiteten zusammen und verstanden sich auch gut. Die vielen Jahre machten sie zu guten Freunden.
Eines Tages, nachdem der Kuhhirte ein Stück Feld gepflügt hatte, führte er sein Tier zur Tränke am Fluß. Da sah er sieben Feen im Fluß baden. Sie lachten und spielten voll Freude im Wasser. Alle waren schön, insbesondere die jüngste, die mit einem feinen Haarknoten und ihrem geröteten Gesicht im klaren Wasser stand. Sie war so anziehend wie eine Lotosblume, die eben aus dem Wasser emporwuchs. Wie gebannt starrte der Kuhhirte sie an. Der alte Ochse, der den Hirten nur zu gut verstand, riet ihm: "Schnell, nimm ihre Kleider an dich! Dann muß sie deine Frau werden."
Der Kuhhirte machte ein paar Schritte vorwärts, blieb aber dann stehen; er schämte sich, einen solchen Raub zu begehen. Aber der Ochse ermutigte ihn; "Beeile dich, du Narr, Ihr werdet ein gutes Paar!" Da lief der Hirte schnell hin und holte sich die Kleidung einer der Feen her. Als die Feen einen Fremden herankommen sahen, kleideten sie sich sofort an und flogen wie die Vögel fort. Im Wasser blieb nur die Weberin zurück, die vor Scham errötete, weil sie doch ohne Kleidung nicht an Land gehen konnte.
"Gib mir meine Kleider zurück, Kuhhirte!" rief sie daher, während der Hirte am Ufer stehenblieb.
"Nur wenn du einwilligst, meine Frau zu werden", erwiderte der Kuhhirte treuherzig voller Liebe.
Die Weberin war zwar etwas verärgert, doch las sie dem schlichten, aufrichtigen Jungen an den Augen ab, welche Liebe er zu ihr hegte. Auch war sie unzufrieden mit den strengen Vorschriften im himmlischen Palast und wollte sich nicht länger mit dem einsamen, eintönigen Leben dort abfinden. Genau wie die Mädchen auf der Erde träumte sie auch von einem glücklichen Leben in der Zukunft. Als sie nun die Bitte des Hirten hörte, tat sie mit einem Nicken ihr Einverständnis kund.
So heirateten die beiden. Der Mann bestellte die Felder und die Frau webte. Sie führten ein glückliches Leben. Die Weberin brachte ihre Kunst den Mädchen in der Nachbarschaft bei, so daß diese verschiedenartige Seidengewebe herstellen konnten. Die Technik verbreitete sich schnell.
So verging die Zeit. Einige Jahre später schenkte die Weberin ihrem Mann zwei liebliche Kinder, einen Jungen und ein Mädchen. Aber der Himmelskaiser hatte inzwischen erfahren, daß die Weberin sich auf die Erde begeben hatte! Empört darüber, daß seine Tochter die himmlischen Vorschriften verletzt hatte, schickte er seine Himmelsgeneräle auf die Erde, um die Weberin vor das himmlische Gericht zu stellen. Der Strenge des Himmelskaisers mußte sich die Weberin beugen. Schweren Herzens nahm sie von ihrem Mann und ihren Kindern Abschied.
Kaum war die Weberin fort, da packte den Hirten große Sehnsucht nach seiner Frau und die Kinder weinten um ihre geliebte Mutter. So setzte er die beiden Kinder in Körbe und trug sie an einer Tragstange der Weberin nach. Er hatte sie fast erreicht, da trat die Mutter der Weberin, die Himmelskaiserin, hervor. Sie schwang ihren Arm, und schon entstand zwischen dem Hirten und der Weberin ein breiter, tiefer Fluß mit reißendem Wasser – die Milchstraße. Und dieser Fluß trennte den Hirten und die Weberin, die sich so sehr liebten!
Der Hirte war sehr traurig und wollte das Ufer nicht verlassen. Und die Weberin weinte, daß ihre Tränen sich ergossen wie der reißende Fluß. Sie webte keine Wolken mehr, auch wenn der Himmelskaiser sie dazu zwingen wollte. Nachdem dieser alle Mittel versucht hatte, mußte er nachgeben. Er versprach, seine jüngste Tochter nicht weiter zu bestrafen und sie jedes Jahr einmal mit ihrem Mann zusammenkommen zu lassen. Am siebten Tag des siebten Monats jeden Jahres schlugen dann die gutherzigen Elstern eine Brücke über den silbernen Fluß, auf der die Weberin mit ihrem Mann und ihren Kindern zusammentreffen konnte. Wieviel Freude und Trauer zugleich brachte diese jährliche Zusammenkunft den liebenden Ehepartnern! Man sagte, daß es in der Morgendämmerung dieses Tages oft regnete. Das waren die Tränen, die die Weberin vergoß, weil sie sich von ihrem Mann und ihren Kindern wieder trennen mußte.
Glück und Trauer der beiden bewegte auch die Menschen. Die Erdbewohner nahmen Anteil an ihrem Geschick. In alten Zeiten gingen viele Menschen am siebten Tag des siebten Monats nicht zu Bett, sondern sahen lange zu den zwei strahlenden Sternen auf – dem des Hirten und dem der Weberin, die durch die Milchstraße getrennt wurden. Dem Kuhhirten zur Seite sahen sie auch zwei kleinere Sterne, die dem Hörensagen nach die beiden Kinder der Weberin darstellten. Man kann sich die Freude der Kinder vorstellen, die ihre Mutter wiedersehen konnten!
In manchen Gebieten brachten die Menschen am siebten Tag des siebten Monats in den Höfen ihrer Häuser der Weberin frische Blumen und Obst dar. Damit wollte man ihr Dankbarkeit dafür aussprechen, daß sie ihre ausgezeichnete Webkunst auf die Erde gebracht hatte und die Hoffnung zum Ausdruck bringen, daß die Weberin die Menschenwelt nicht vergessen und den Mädchen weiterhin geschickte Hände verleihen möge. Dies bezeichnete man als Gebet um Geschicklichkeit.
Es gab auch lustige Mädchen, die sich an jenem Tag unter Weinspalieren versteckten und still zum Himmel emporblickten. Man sollte nämlich in tiefer Nacht den Kuhhirten und die Weberin sich zärtliche Worte zuflüstern hören.
Die Sympathie der Menschen gehört seit Jahrtausenden dem Kuhhirten und der Weberin, die sich nur einmal im Jahr treffen können. Für den Himmelskaiser dagegen haben sie nur tiefe Abneigung, weil er die glückliche Ehe des Kuhhirten und der Weberin zerstört und das Zusammensein von Mutter und Kindern verhindert hat.