Zhao Hun – Das Zurückrufen der Seele

Udo Lorenzen , Vorabdruck us der 2. Auflage des Buches: Lorenzen/Noll: die Wandlungsphase Holz, aus der Serie die Wandlungsphasen in der traditionellen chinesischen Medizin

Das Zurückrufen, eigentlich Zurückwinken der Seele Zhao Hun ist ein in China noch heute hier und dort geübter, in seinen Wurzeln sicher bis in die fernste Urzeit zurückreichender Brauch. Er gründet sich auf den wohl allen Naturvölkern gemeinsamen Glauben, daß beim Tod die Seele den Körper verlasse und dann ruhelos umherirre. Man suchte deshalb der Seele zu helfen, zu ihrer Heimstätte zurückzufinden.

Zhao bedeutet winken, herbeirufen, auffordern, suchen; das Schriftzeichen zeigt eine Hand und einen Mund, die zusammen überzeugen wollen.

Hun ist die Geist-Seele, die nach dem Tod umherschweift; ein Dämon Gui;, der ausgehaucht Yun wird.

Nachdem nun ein Mensch gestorben war, wurde dieses nicht etwa akzeptiert, sondern mit allen Mitteln versucht, rückgängig zu machen. Deshalb erstieg, wenn alle Versuche, den Toten wachzurütteln, mißlungen waren, eine Schamanin Wu , einen erhöhten Ort: das Dach des Sterbehauses oder, wenn der Tote fern der Heimat verschieden war, einen Wagen, um für die umherschweifende Seele weithin sichtbar zu sein.

Dann wandte sie sich gen Norden, wo sich die alten Chinesen, gleich manchen anderen Völkern, die Unterwelt dachten, und winkte unter dreimaligem Ruf nach der Seele des Verstorbenen mit dessen Staatsgewändern, in der Hoffnung, die Seele werde ihre Kleider erkennen und wieder hineinschlüpfen. Danach warf sie die Kleider hinab, und man legte sie auf die Leiche, um die Seele aus dem Gewande in den Körper eingehen zu lassen.

Das Zhao Hun

Zum Anderen gibt es aber auch sprachliche Schwierigkeiten, die den Zugang zum Text in einer Übersetzung erschweren.

Als Verfasser des ältesten Gedichtes über das Zhao Hun bezeichnet man wohl einstimmig den Dichter Song Yu. Über das Leben dieses Dichters ist nur sehr wenig bekannt, er wirkte in der Periode der streitenden Reiche, ca. 290 v. Chr. Sein Gedicht über das Zhao Hun ist nun eine ganz eigenartige Schöpfung, die nicht bloß als Zeugnis für das Zurückrufen der Seele in Südchina, sondern überhaupt als kulturgeschichtliches Dokument höchst bedeutungsvoll und interessant ist.

Es beginnt mit der Klage des verstorbenen Ku Yuan, dessen umherirrende Seele ihr Unglück und ihre traurige Verlassenheit beklagt. Der oberste Gott Shang Di hört dies und befehlt der Zauberin Wu Yang die Seele zurückzurufen. Wu Yang, nach anfänglichen Zögern, in den Bereich des Chang Meng, einer geisterhaften Erscheinung, einzugreifen, beginnt dann ihr Rirual: sie winkt der Seele zu und beginnt den Klageruf.

Unter dem immer wieder ertönenden Hun Xi Gui Lai "Oh Seele, kehre zurück" malt sie der Seele in den schwärzesten Farben die Gefahren aus, die ihrer in den vier Weltgegenden, im Himmel und in der Hölle warten. Sie warnt die Seele vor dem Osten, wo die Riesen nach Seelen jagen und die Glut der zehn Sonnen alles verbrennt; vor dem Süden, wo menschenfressende Wilde, Raubtiere und Schlangen Gefahr drohen und die neunköpfige Kobra – vielleicht ein Ungetüm indischen Ursprungs – ihre Opfer verschlingt.

Sie warnt vor dem Westen, wo in öder Wüste, im Bereich des Donnerschlundes riesenhafte Insekten Tod und Verderben bringen; vor dem Norden, wo auf dem ewigen Eise der Schneesturm tobt; dann vor dem Himmel, darin reißendes Getier die Seele zerfleischt, und der Hölle, in der Tu Peh, der Erdfürst, und das tigerköpfige Dreiauge sie hetzen.

Dann entwirft sie im Gegensatz dazu ein lockendes Bild von den häuslichen Freuden: in der stillen Halle steht das Bild des Toten, reichgeschmückt ist das prächtige Haus, das Mahl – dessen Genüsse mit einer für den chinesischen Volksgeist äußerst bezeichnenden behaglichen Breite vorgeführt werden – wartet auf den Herrn, Wein, Weib und Gesang und Tanz, rauschende Musik, Spiel und Jagd sollen ihn erfreuen. Wie die Schilderung des Weltbildes die mythologischen, geographischen und ethnographischen Vorstellungen Altchinas in interessanter Weise beleuchtet, so gibt die eingehende und anschauliche Darstellung des häuslichen Lebens ein lebendiges Bild von der Lebensführung eines vornehmen Südchinesen der damaligen Zeit – ein Gebiet, über das wir sonst nur wenig unterrichtet sind.

Das folgende Gedicht ist entnommen und modifiziert nach der Inaugural Dissertation von Eduard Erkes: Das Zurückrufen der Seele, Leibzig 1914. Einige Teile wurden gekürzt oder weggelassen.

In dieser Dissertation sind die chinesischen Zeichen parallel zur Übersetzung eingefügt, so daß der sinologisch Interessierte auch selbstständig übersetzen kann.

Das Zurückwinken der Seele

;Als ich jung war, war ich unschuldig und rein;

meine Wesen war rechtschaffen und noch nicht umnachtet.

Ich folgte der vollkommenden Tugend und lies mich nicht vom

Zeitgeist verführen.

Aber der oberste Fürst beachtete nicht meine vollkommene Tugend,

so bin ich schon lange ins Elend gestoßen, voll Kummer und Gram.

Da sprach Shang Di, der oberste Gott, zur Zauberin Wu Yang:

Da unten ist ein Mensch, dem wünsche ich zu helfen.

Seine Geist- und Körperseele haben sich getrennt und sind zerstreut.

Befrage das Orakel, wo die Seelen hin sind!

Die Zauberin Wu Yang antwortete:

Dies ist eigentlich die Sache des Traummeisters Chang Meng,

Shang Di, Dein Befehl ist schwer zu befolgen!

Wenn ich das Orakel befragen und ihm die Seelen wiedergeben muß,

dann befürchte ich, für die Nachwelt nicht wieder als Zauberin Yang wirken zu können. Doch dann winkte sie hinab und rief:

Oh Seele, kehre zurück!

Nachdem du deinen gewohnten Leib verlassen hast, was tust du in den vier Weltgegenden?

Du verließest dein fröhliches Heim und irrst umher in dem Unglück dort.

Oh Seele, kehre zurück!

Dem Osten kannst du nicht vertrauen! Riesen von tausend Klaftern, nur nach Seelen suchen sie. Die zehn Sonnen gehen nacheinander auf, sie schmelzen das Metall und verbrennen das Gestein. Die dort leben sind daran gewöhnt, du aber, oh Seele, wirst dort schmelzen!

Kehre zurück, kehre zurück, du kannst dort nicht bleiben!

Oh Seele, kehre zurück!

Im Süden kannst du nicht bleiben! Die Menschen dort haben tätowierte Gesichter und schwarze Zähne. Sie opfern Menschenfleisch und machen aus deren Knochen eine Suppe. Vipern und Schlangen wimmeln dort nur so, und riesige Füchse schnüren durch die Gegend. Und die neunköpfige Kobra kommt plötzlich, um dich als Leckerei zu verschlingen.

Kehre zurück, kehre zurück, du kannst dort nicht bleiben!

 

Oh Seele, kehre zurück!

Im Westen lauert der Treibsand, der sich tausend Meilen erstreckt.

Im Wirbel stürzest du in den donnernden Abgrund und wirst zu Staub zermalmt. Du kannst dich nicht festhalten! Glückt es dir dennoch, zu entrinnen, so ist draußen die endlose Einöde. Rote Ameisen gibt es dort, so groß wie Elefanten, schwarze Wespen so groß wie Kürbisse. Die fünf Getreide wachsen dort nicht, du mußt Gras essen. Dies Land dörrt den Menschen aus, er sucht nach Wasser und findet keins! Unsicher umherirrend, hast du nichts, an dem das Auge haften kann, nur die endlose Weite.

Kehre zurück, kehre zurück, du kannst dort nicht bleiben!

Oh Seele, kehre zurück!

Im Norden kannst du nicht bleiben! Das Eis türmt sich dort berghoch, es ist Schneetreiben auf tausend Meilen hin.Oh Seele, kehre zurück, du kannst im Norden nicht überleben! O Seele, kehre zurück, steige nicht zum Himmel empor! Tiger und Leoparden an den neun Toren zerfleischen und verwunden die Menschen, die von unten kommen! Ein Mann mit neun Köpfen reißt Bäume aus, neuntausend Stück! Wilde Wölfe mit schrägen Augen streunen in Massen hin und her. Sie hängen die Menschen auf, um mit ihnen zu spielen und werfen sie dann in eine tiefen Abgrund. Nur auf Befehl des höchsten Gottes geben sie Ruhe!

Kehre zurück, kehre zurück, du kannst dort nicht bleiben!

Oh Seele, kehre zurück!

Steige nicht zu jener dunklen Stadt hinab, wo der Fürdt der Erde, neunfach gwunden und mit spitzen Hörnern haust. Er hat gewaltige Muskeln und blutige Daumen, er jagt die Menschen rasend schnell. Er hat drei Augen und einen Tigerkopf, sein Leib ist der eines Stieres.

Kehre zurück, kehre zurück, du kannst dort nicht bleiben!

Oh Seele, kehre zurück!

Tritt herein durch das Xiu Tor. Der geschickte Priester winkt dich zurück und schreitet rückwärts vor dir her. Sieh hier das Gewand aus Qin, das Seidengewebe aus Xi und den weichen Seidengürtel aus Cheng! Alle Dinge sind hier zur Stelle, um dich zu empfangen. Oh Seele, kehre zurück, komm zum alten Heim!

In Himmel, Erde und den vier Weltgegenden sind viele Gefahren und Übel. Aber dein Bildnis ist aufgestellt in deinem Haus, das ruhig, geräumig und friedlich ist. Da ist die hohe Halle, die tiefen Zimmer und die Stockwerke mit den Balkons. Die aufgeschichteten Terassen mit den mehrstöckigen Pavillions schauen auf die hohen Berge hinab. Für den Winter sind tiefe Gemächer da, die Sommerwohnung ist kühl. Bäche und Rinnsale fließen vorbei und strömen klar und hell. Der sanfte Wind bewegt das duftende Gras und läßt die hohen Orchideen schwanken. ...

Die guten Töchter der neun Reiche sind der Menge weit überlegen. Mit wunderbaren Frisuren, jede für sich einzigartig, füllen sie das Frauengemach. Von Antlitz zärtlich, von Figur schön, lösen sie gehorsam bis zum Ende einander ab. Zart ist ihre Farbe, doch fest stehen sie da und sprechen offen ihre Meinung aus. Schön anzusehen und mit schlanker Figur füllen sie das innere Gemach. Von feinen Zügen und geschmeidigen Wesen verstohlen blickend äugen sie, hinter langen Vorhängen harren sie deiner Muße. ....

Orchideengestrüpp ist an den Toren gepflanzt, glücksbringende Bäume bilden die Hecke.

Oh Seele, kehre zurück, was brauchst du in die Ferne zu schweifen?

Da die Familienmitglieder kommen, um dich zu ehren, hat das Mahl viele Gänge. Reis, Hirse und junger gelber Weizen sind vertreten, Bitteres, Salziges, Saures, Scharfes und Süßes sind harmonisch vorhanden. Das Fleisch eines fetten Ochsen ist weich gebraten und wohlriechend.

Zur weichgekochten Schildkröte gibt es in der Haut gekochtes Lamm, Brühe von Zuckerrohr, saure Schneeganssuppe, Wildentensuppe, gebratenen Wildschwan und Kranich. Mehlreiskuchen und Honigkuchen, auch süßes Brot ist da. Mit Honigmet füllt man die Becher. Man serviert gekühlte Weine, der herrliche Trank steht bereit, ein Getränk wie ein Juwel.

Komm zurück! Kehre um ins alte Haus, da wirst du geehrt und nicht gefährdet!

Noch ehe Zukost und Nachspeise aufgetragen sind, stellen sich die Sängerinnen schon in Reihen auf. Sie schlagen die Glocke, sie rühren die Trommel, sie tragen neue Lieder vor: "über den Jiang gehen", "die Wasserkastanien sammeln", den "Lotos pflücken" u.v.m.

Sind die Schönen berauscht, so wird ihr Gesicht rosig. Im Spiele glänzen ihre Leiber und von der Seite blicken sie mit funkensprühenden Augen. Sie tragen gemusterte Seidengewänder ihr langes Haar ist schön und fällt anmutig.

Sechzehn Frauen, alle gleich gekleidet, beginnen einen Tanz von Cheng. Die Aufschläge gleichen gekreuzten Bambusschlägen, sie schlagen den Takt und schreiten langsam. Die Bambusflöte, die Laute klingen wild durcheinander, man schlägt die tönende Trommel. Alle im Palast beben und zittern, man stimmt ein schnelles Tanzlied an. Danach spielt man klassische Musik. Damen und Herren sitzen durcheinander, ganz unordentlich und ohne Trennung. .....

Man schenkt ein, man trinkt, man beendet die Freude, so gefällt man den Vorfahren und Alten ......

Oh Seele, kehre zurück! Wende dich wieder zum alten Heim!