Diskussion über die natürliche Lebensweise der Menschen des hohen Altertums

 

In alter Zeit, als der Gelbe Kaiser geboren wurde, war dieser bereits mit einem überragenden Geist ausgestattet.

Schon in frühester Kindheit konnte er sprechen; als junger Mann hatte er eine schnelle Auffassungsgabe und einen durchdringenden Verstand; als Erwachsener war er ernsthaft und besaß ein umfassendes Wissen. Als er vollkommen war, stieg er gen Himmel. Dort nun stellte Huang Di seinem himmlischen Meister Qi Bo folgende Fragen:

"Ich habe gehört, daß in alten Zeiten die Menschen über 100 Jahre wurden und dabei aktiv blieben, ohne hinfällig zu werden. Heute jedoch erreichen die Menschen nur die Hälfte ihrer Jahre und werden frühzeitig hinfällig und schwach. Haben sich die Zeiten geändert oder liegt es daran, daß der Mensch heute die Gesetze der Natur mißachtet?"

Qi Bo antwortete: "In alten Zeiten lebten die Menschen nach dem Dao. Sie richteten ihr Leben nach den Gesetzen von Yin und Yang aus und lebten im Einklang mit zahlenmäßigen Berechnungen. Sie mäßigten sich im Essen und Trinken, ihre Wach- und Schlafperioden waren geregelt und ausgeglichen. So hielten die Menschen des Altertums Leib und Seele zusammen und konnten ihre Lebensspanne vollständig erfüllen. So konnten sie 100 Jahre alt werden. Die Menschen heute sind anders: sie trinken übermäßig Alkohol und leben leichtsinnig und rücksichtslos. Sie üben Geschlechtsverkehr in betrunkenem Zustand aus und erschöpfen damit ihre vitale Essenz (Jing). Sie wissen nicht, wie sie in innerem Frieden leben und ihren Geist (Shen) pflegen können. Ihre ganze Aufmerksamkeit ist darauf ausgerichtet, ihren Leiden-schaften nachzugehen. So beschneiden sie sich selbst von den Freuden eines langen Lebens. Ihr Aufstehen und Schlafen ist ohne Regelmäßigkeit. Deshalb erreichen sie nur die Hälfte ihrer Lebensspanne und werden früh hinfällig.

Im Altertum wurden die Anweisungen der Weisen befolgt. Diese betonten wiederholt, daß zu bestimmten Zeiten üble Einflüsse (Xie Qi) und Leere-Winde zu meiden seien.

Diese Weisen waren gelassen und mit allem zufrieden, und ihre ursprüngliche Lebenskraft (Yuan Qi) blieb ihnen erhalten. Sie bewahrten ihre Essenz und ihren Geist (Jing Shen) gut auf. Wie konnten sie da jemals krank werden? Sie zähmten ihren Ehrgeiz und mäßigten ihre Leidenschaften. Ihr Herz war in Frieden und ohne Furcht. Ihr Körper konnte schwer arbeiten und wurde trotzdem nicht müde. Ihr Geist befand sich im Einklang mit der Natur, so war alles ihren Wünschen entsprechend und sie lebten in vollster Zufriedenheit. Ihr Essen schmeckte ihnen, ihre Bekleidung genügte ihnen, sie waren glücklich in allen Lebenslagen. Es war ihnen egal, oh ein Mensch von vornehmer oder niedriger Herkunft war. Man kann sagen, diese Leute hatten ein reines Herz. Keine Begierden konnten die Augen solcher Menschen blenden, ihr Geist wurde nicht durch exzessives Verhalten verwirrt. In solch einer Gesellschaft gab es keinen, der irgend etwas zu befürchten hatte, egal, ab er klug oder dumm, tugendhaft oder verdorben war. Denn sie alle lebten in Harmonie mit Dao, dem rechten Weg. Auf diese Weise konnten die Menschen des Altertums über 100 Jahre alt werden und aktiv bleiben, ohne hinfällig zu werden. Das lag einfach daran, daß ihre Wirkkraft vollständig erhalten blieb und niemals gefährdet war."

Der Gelbe Kaiser fragte: "Wenn die Menschen alt werden, können sie keine Kinder mehr erzeugen. Liegt das daran, daß ihre Lebenskraft Qi erschöpft ist, oder ist das ihre natürliche Bestimmung?"

Qi Bo antwortete: "Wenn ein Mädchen 1 x 7 Jahre alt ist, vollendet sich ihr Nieren-Qi, ihr Zahnwechsel beginnt und ihre Haare werden länger. Mit 2 x 7 Jahren erreicht sie die Geschlechtsreife. Ihr Ren Mai-Gefäß ist nun durchgängig und ihr Chong Mai-Gefäß vollendet (in Fülle). Die Blutungen erscheinen jetzt regelmäßig und das Mädchen kann Kinder bekommen. Mit 3 x 7 Jahren ist das Nieren-Qi der Frau ausgeglichen. Die letzten Zähne treten hervor, und der Körper ist nun voll ausgewachsen. Mit 4 x 7 Jahren sind die Knochen und Muskeln der Frau fest. ihre Haare sind in voller Pracht, ihr Körper ist kräftig und robust. Mit 5 x 7 Jahren beginnen ihre Yang Ming-Leitbahnen schwächer zu werden. Das Gesicht der Frau bekommt Falten, und ihre Haare beginnen auszufallen. Mit 6 x 7 Jahren erschöpfen sich die Energien aller Yang-Leitbahnen im oberen Bereich. Ihr Gesicht wird immer faltiger, und ihre Haare werden grau. Mit 7 x 7 Jahren ist das Ren Mai-Gefäß der Frau erschöpft und ihr Chong Mai verringert seine Aktivität. Die Geschlechtsreife ist nun beendet und die Leitbahnen der unteren Region verschließen sich. Ihr Körper wird nun alt und sie kann keine Kinder mehr bekommen.

Wenn ein Junge das Alter von 1 x 8 Jahren erreicht, ist sein Nieren-Qi angefüllt. Seine Haare werden länger, und der Zahnwechsel setzt ein. Mit 2 x 8 Jahren ist sein Nieren-Qi vollendet und er erreicht die Geschlechtsreife. Er hat Samen im Überfluß, den er ausfließen lassen möchte. Wenn er sich nun mit einer Frau vereinigt, kann er schon Kinder zeugen. Mit 3 x 8 Jahren ist sein Nieren-Qi voll ausgerichtet. Der Mann hat feste Muskeln und starke Knochen, seine letzten Zähne kommen heraus, und er ist voll ausgewachsen. Mit 4 x 8 Jahren ist er im Vollbesitz seiner Kräfte. Alle Sehnen, Muskeln und Knochen sind robust und stark. Im Alter von 5 x 8 Jahren wird sein Nieren-Qi schwächer. Der Mann beginnt, Haare zu verlieren, und seine Zähne werden schlecht. Mit 6 x 8 Jahren erschöpft sich seine Yang-Energie in den oberen Regionen, sein Gesicht beginnt, Falten zu bekommen und sein Schläfenhaar wird grau. Mit 7 x 8 Jahren schwächt sich das Leber-Qi des Mannes ab; seine Muskeln werden schlaffer, seine Geschlechtskraft (Potenz) wird schwächer, und seine Essenz verringert sich. Sein Nieren-Qi ist jetzt in einem erbärmlichen Zustand, der Mann ist an seinem Wendepunkt angelangt. Mit 8 x 8 Jahren verliert er sein Kopfhaar und seine Zähne. Die Nieren kontrollieren den Wasserhaushalt und speichern die Essenzen aller Zang-Fu-Organe. Wenn die fünf Zang übervoll sind, kann der Überfluß in den Nieren gespeichert werden. Im Alter jedoch trocknen alle fünf Zang-Organe aus: Die Muskeln und Knochen werden schwächer, und natürlicherweise läßt auch die sexuelle Energie nach. Kopfhaar und Schläfenhaare des Mannes ergrauen, sein Körper wird schwerfällig, seine Haltung beim Gehen krumm, und er kann keine Kinder mehr zeugen."

Huang Di fragte: "Aber es gibt doch Menschen, die noch im hohen Alter Kinder zeugen können. Wie ist das möglich?"

Qi Bo antwortete: "Diese Menschen haben von Natur aus eine längere Lebensspanne erhalten. Ihre Qi-Gefäße bleiben durchgängig und ihr Nieren-Qi ist noch ausreichend vorhanden. Sie können zwar im Alter noch Kinder erzeugen, doch ihre Söhne werden nicht älter als 64 Jahre (8 x 8) und ihre Töchter nicht älter als 49 Jahre (7 x 7). Dann ist ihr angeborenes Vermögen vom Himmel u. Erde (Vater und Mutter) gänzlich erschöpft".

Der Gelbe Kaiser fragte: "Die, die im Einklang mit dem Dao leben und über 100 Jahre alt werden, können sie im Alter noch Kinder zeugen?"

Qi Bo antwortete: "Wer im Einklang mit dem Dao lebt, kann dem Alter entfliehen und seinen Körper in einem perfekten Zustand erhalten. Deshalb können diese Menschen auch im hohen Alter noch Kinder zeugen."

Huang Di sagte: "Ich habe gehört, daß es in alten Zeiten die vollkommenen Menschen gab. Sie hatten Kontrolle über Himmel und Erde und somit über Yin und Yang. Durch Ein- und Ausatmen (Atemübungen) pflegten sie ihre Essenz (Jing) und bewahrten ihren Geist (Shen). So blieben ihre Muskeln und ihr Fleisch unverändert (stark). Sie erfreuten sich eines langen Lebens, ebenso dauerhaft wie das Sein von Himmel und Erde. All das war das Ergebnis ihrer Wahl, im Einklang mit dem Dao zu leben.

Im Mittelalter gab es dann die perfekten Menschen. Ihre Wirkkraft (De) war tadellos, auch sie gingen vollständig im Dao auf. Sie lebten im Einklang mit Yin und Yang und richteten sich nach den vier Jahreszeiten aus. Diese Menschen entzogen sich allen weltlichen Verpflichtungen. Sie sammelten ihre Essenz und bewahrten ihren Geist. So konnten sie sich über die Grenzen von Zeit und Raum hinwegbewegen und hörten und sahen Dinge noch jenseits der acht Himmelsrichtungen. Durch ihre Lebensführung verlängerten sie ihr Leben und gewannen Kraft. Schließlich wurden auch sie zu vollkommenen Menschen (Zhen Ren).

Als nächste kamen dann die heiligen Menschen. Auch sie lebten in Harmonie mit der Natur und richteten sich nach den Bewegungen der acht Winde. Sie waren in der Lage, ihre Bedürfnisse den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen, ihr Herz kannte weder Zorn noch Ärger. Sie wollten ihre Aktivitäten nicht von dieser Welt trennen, gaben jedoch nicht viel auf Sitten und Gebräuche. Sie überanstrengten ihren Körper nicht mit übermäßiger Arbeit und schwächten ihren Geist nicht mit unnötigen Grübeleien. Sie kümmerten sich nicht um fremde Angelegenheiten, für sie waren innere Freude und ruhige Gelassenheit die wichtigsten Errungenschaften. Ihre Körper konnten nie verletzt und ihr Geist nie erschöpft werden. So vermochten auch sie 100 Jahre und älter zu werden.

Schließlich gab es noch die vorbildlichen Menschen. Auch sie lebten in Harmonie mit Himmel und Erde. Sie eiferten dem Verlauf von Sonne und Mond nach und legten die Sternenbilder fest. So konnten sie das Wirken von Yin und Yang voraussehen und sich danach ausrichten. Auch sie konnten die vier Jahreszeiten unterscheiden. Sie folgten den Regeln des Altertums und hofften, so in Einklang mit dem Dao zu gelangen. Dadurch konnten sie ihre volle Lebensspanne erfüllen."