Über Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit großer Ärzte

Qian Jin Fang, Kap. 1, Absatz 2

 

"Chang Chan sagt: Die schwierigen Anteile und die Feinheiten der medizinischen Klassiker sind alten Ursprungs.

Heute gibt es Krankheiten, die innerlich in verschiedenen Menschen gleichartig ablaufen, doch äußerlich voneinander abweichend erscheinen; und es gibt andere Krankheiten, die in verschiedenen Menschen innerlich voneinander abweichend ablaufen, doch äußerlich gleichartig erscheinen.

Daher reicht es keinesfalls aus, die Fülle- (Shi) oder Mangelerscheinungen (Xu) in den fünf Zang- und sechs Fu- Organen, sowie Durchgängigkeit (Tong) oder Stockung (Sai) von Blut (Xue), Gefäßen (Mai) sowie Ying- und Wei Qi allein mit Ohren und Augen zu untersuchen. Zuerst einmal müssen die in den Pulsen tastbaren Äußerungen der Krankheiten untersucht werden, um das jeweilige Leiden zu bestimmen. Nur wer mit seiner ungeteilten geistigen Aufmerksamkeit auf selbst die letzten Feinheiten achtet, die mit den Unregelmäßigkeiten der Pulse an den verschiedenen Pulstaststellen am Handgelenk verbunden sind, wer die zeitlichen Abweichungen für das Einfließen von Qi und Blut in die Akupunkturpunkte berücksichtigt und die Absonderlichkeiten der Stärke von Fleisch und Knochen beachtet, der kann auch daran gehen, sich mit Worten darüber auszulassen.

Heutzutage jedoch herrscht ein Bemühen vor, die subtilsten Feinheiten mit den oberflächlichsten Gedanken zu erfassen. Das ist wirklich gefährlich! Wenn eine Fülle besteht und noch hinzugefügt wird, wenn ein Mangel existiert und noch mehr fortgenommen wird, wenn eine Stockung herrscht und weiter gestaut wird, wenn Durchfluß vorhanden ist und noch zusätzlich abgeleitet wird, wenn im Falle von Kälte noch weiter gekühlt oder im Falle von Hitze noch weiter erwärmt wird, so muß sich die betreffende Krankheit sehr verschlimmern. Wo dann noch Hoffnung auf Leben vorhanden ist, da sehe ich den Tod nahen!

Nun war es ja noch nie so, daß das Verständnis für die schwierigen Anteile und die Feinheiten, welches Medizinern, Wahrsagern und Zauberern vonnöten ist, durch Geister verteilt wurde.

Wie sonst aber kann man in diese Geheimnisse eindringen? Schon immer gab es die Törichten, die drei Jahre lang Vorschriften studierten und dann einfach behaupteten, auf der Welt gebe es keine Krankheit, die nicht zu heilen sei. Doch anschließend behandelten sie drei Jahre lang Krankheiten und gelangten zu der Ansieht, daß es auf der Welt keine brauchbare Vorschrift gebe.

Daraus ergibt sich, daß es für den Studierenden absolut notwendig ist, die Grundlagen der Medizin in weitestem Sinne zu beherrschen und energisch und unermüdlich zu arbeiten. Er darf nicht herumschwatzen, sondern muß seine Worte allein der medizinischen Lehre widmen. Nur so hält er sich von Irrtümern weit entfernt.

Wenn ein Großer Arzt (Da Yi) Krankheiten behandelt, muß sein Geist ruhig und sein Sinn fest sein. Er darf keine Wünsche und Begierden entfalten, sondern muß zu allererst eine tiefausgeprägte mitleidsvolle Gesinnung entwickeln. Er soll sich fest verpflichten, willens zu sein, die Mühe, ein jedes Lebewesen zu retten, auf sich zu nehmen. Wenn jemand wegen einer Krankheit oder auf Grund anderer Schwierigkeiten Hilfe sucht, so darf ein Großer Arzt nicht nach Rang, Reichtum oder Alter fragen und auch nicht darauf achten, ob der Betreffende hübsch oder unansehnlich, Feind oder Freund, Chinese oder Ausländer, oder, schließlich, ungebildet oder wissend ist. Jeder sei ihm gleich; stets handle er so, als denke er an sich selbst. Er soll sich nichts ersehnen und alle Konsequenzen außer Acht lassen; nicht über eigenes Glück oder Unglück nachsinnen und so Leben erhalten und bemitleiden. Er sollte auf den, der in Not geraten ist, schauen, als sei er selbst betroffen, und in tiefstem Herzen Sympathie empfinden. Weder Berge noch eine Tageszeit, weder das Wetter noch Hunger, Durst oder Ermüdung sollten ihn davon abhalten, mit ganzem Herzen zur Hilfe zu schreiten. Wer sich so verhält, ist für die Lebenden ein Großer Arzt. Wer diesen Forderungen zuwiderhandelt, ist ein großer Dieb!

Seit alten Zeiten haben berühmte Beispielhafte vielfach zur Behandlung von Krankheiten bestimmte Lebewesen verwendet, um so anderen aus Notlagen zu helfen. Zwar heißt es: "Geringschätzung dem Vieh und Hochachtung dem Menschen", doch bezüglich der Liebe zum Leben sind Mensch und Vieh gleichgestellt. Schädigt man sein Vieh, so ist kein Nutzen mehr davon zu erwarten; Gegenstand und Gefühle leiden gleichermaßen. Um wievielmehr gilt das für einen Menschen! Wer Leben tötet, um Leben zu erretten, der verschiebt das Leben in nur noch weitere Ferne.

Das ist mein guter Grund für die Tatsache, daß ich in vorliegendem Vorschriftenwerk keine Lebewesen als Arzneimittel verwende. Das betrifft nun nicht die Viehbremsen und Blutegel. Sie sind schon verendet, wenn sie auf den Markt gelangen, und es ist daher statthaft sie anzuwenden. Zu den Hühnereiern ist folgendes zu sagen. Bevor deren Inhalt ausgebrütet ist, darf man sie in sehr dringenden Fällen anwenden. Sonst sollte man sich nicht damit belasten. Die Vermeidung ihrer Anwendung ist ein Zeichen großer Weisheit, doch solche wird nie erreicht.

Wer unter abscheulichen Dingen, wie Geschwüren und Durchfall, leidet, wird von den Leuten als ein Übel angesehen. Doch in solchen Fällen, so ist meine Ansicht, muß eine Gesinnung des Bedauerns, des Mitleids und der Fürsorge erwachsen; ganz bestimmt darf keine ablehnende Einstellung den Betroffenen gegenüber aufkommen.

Ein Großer Arzt sollte daher einen klaren Geist besitzen, um sich selbst zu betrachten; er sollte eine würdige Erscheinung abgeben, weder leuchtend noch düster. Es ist seine Pflicht, die Krankheiten zu verringern und die Leiden zu diagnostizieren und zu diesem Zweck sorgfältig äußere Anzeichen und im Pulse zutage tretende Symptome der Patienten zu untersuchen. Dabei muß er alle Einzelheiten einbeziehen und darf nichts außer Acht lassen. Bei der Entscheidung über die folgende Behandlung mit Akupunktur oder Arzneien dürfen keine Regelwidrigkeiten vorkommen. Zwar heißt es: "Im Krankheitsfall muß man schnell helfen", doch ist es dennoch unerläßlich, sich mit der jeweiligen Situation vollauf vertraut zu machen, so daß keine Zweifel bestehen bleiben. Es ist wichtig, daß man die Untersuchung mit Beharrlichkeit vornimmt. Wo es um ein Leben geht, darf man nicht in Hast und im Vertrauen auf die eigene überlegenheit und Fähigkeit handeln und schon gar nicht seinen eigenen Ruf im Auge halten. Das entspräche nicht den Forderungen der Menschlichkeit!

Und dann der Krankenbesuch. Wo schöne Sommerseiden das Auge erfüllen, ist es dem Arzt nicht gestattet, links oder rechts danach Ausschau zu halten. Wo Saiten- und Bambusinstrumente in den Ohren erklingen, darf er nicht den Eindruck aufkommen lassen, daß er sich daran erfreue. Wo köstliche Speisen in bunter Folge gereicht werden, da soll er essen, als verspüre er keinen Geschmack. Und, schließlich, wo die kostbarsten Gemälde eines neben dem anderen hängen, da wird er sie betrachten, als seien sie nicht vorhanden.

Solche Verhaltensweisen haben ihre Ursache darin, daß eine ganze Gesellschaft nicht fröhlich sein kann, wenn es einem einzigen Gsst nicht recht gemacht wird. Leid und Schmerz eines Kranken entlassen erst recht nicht aus dieser Verpflichtung! Wenn ein Arzt jedoch seelenruhig und mit freudigen Gedanken, dazu noch hochmütig und selbstzufrieden handelt, so gereicht das einer menschlichen Gesinnung zur Scham. Ein derartiges Verhalten steht Menschen nicht an und verdeckt den eigentlichen Sinn der Medizin.

Nach den Regeln der Medizin ist es nicht statthaft, redselig zu sein und provokative Reden zu führen, sich über andere lustig zu machen und eine laute Sprache zu gebrauchen, über Recht und Unrecht zu entscheiden und über andere Leute und deren Angelegenheiten zu diskutieren. Schließlich ist es unangebracht, den eigenen Ruhm herauszustellen, alle übrigen Ärzte zu schmähen und nur die eigene Tugend zu loben. Allerdings sieht die Wirklichkeit so aus, daß einer, der zufällig eine Krankheit geheilt hat, dann mit erhobenem Kopf herumspaziert, dünkelhaftes Wesen zeigt und erklärt, auf der ganzen Erde gebe es nicht seinesgleichen. In diesem Punkt sind die Mediziner offenbar unheilbar.

Lao Zi hat gesagt: Wenn die Menschen in ihrem Verhalten leuchtende Verdienste offenbaren, so werden sie von den Menschen selbst dafür belohnt. Wenn die Menschen jedoch versteckte Übeltaten begehen, so werden ihnen die Geister zur Vergeltung Schaden zufügen. Vergleicht man diese Alternativen und die entsprechenden Belohnungen, die einem in der Zeit nach diesem Leben und noch während dieses Lebens zuteil werden, wie könnte man da auch nur eine falsche Entscheidung treffen?

Demnach sollten Mediziner sich nicht auf ihre eigenen Vorzüge verlassen und auch nicht mit ganzem Herzen nach materiellen Gütern streben. Im Gegenteil, sie sollten eine Gesinnung der Hilfsbereitschaft entwickeln. Wenn sie sich (den Augen der Mitmenschen) verborgen auf dem richtigen Pfad bewegen, so wird ihnen von selbst großes Glück als Belohnung zuteil werden. Der Reichtum anderer sollte kein Anlaß sein, kostbare und teure Arzneien zu verschreiben und so den Zugang zur Hilfe zu erschweren und die eigenen Verdienste und Fähigkeiten hervorzuheben. Solches Verhalten muß man als der Lehre der Großherzigkeit Zhong Shu entgegengesetzt betrachten.