
Lǐ Shí Zhēn 李時珍 (1518-1593) auch bekannt als Lǐ Bīn Hú 李瀕湖 oder Lǐ Dōng Bì 李東壁 ist bis heute berühmt als ein bemerkenswerter chinesischer Wissenschafter, Arzt und Naturforscher. Er lebte in der Region Qízhōu 蘄州 (heute Qíchūn 蘄春) in der Provinz Húběi 湖北.1 1983 zelebrierte China seinen 390sten Todestag.
1 Li Shi Zhen’s Geburtsort liegt am größten Fluss Chinas, dem Yangtze. Noch heute ist diese Stadt, die gegenwärtig nur 162000 Einwohner hat, ein größeres Zentrum für Chinas Kräuterindustrie. Über 40% der Bauern in dieser Region sind mit dem Anbauen von Heilkräutern beschäftigt. Die Region Qichun ist ebenfalls bekannt als die “Region der Gelehrten”, weil von hier mehr Ärzte und Professoren herkommen als von irgendeinem anderen Gebiet Chinas. Wir sehen die große Vernetzung einer ganzen Region mit der Popularität einer historischen Persönlichkeit!
Aufbau und Struktur des Ben Cao Gang Mu:
Zusammengenommen umfasst das Ben Cao Gang Mu in 52 Kapiteln insgesamt 1892 medizinische Substanzen und über 10.000 Rezepturen. Detailliert wird jede Droge aus der Sicht der älteren Literatur dargestellt und von Li Shi Zhen kommentiert, kritisiert und ergänzt. Die Zusammenstellung der Kräuter und ihre Zubereitung bei den verschiedenen Krankheiten (Rezepturenlehre) umfasst den weitaus größten Teil der Materia Medica.
Li Shi Zhen klassifiziert alle Arzneimittel in 16 Kategorien nach ihrer natürlichen Quelle und Herkunft. Er schreibt in seinem Vorwort:
„In früheren Ben Cao-Büchern herrscht ein Mischmasch unter den Kategorien der Steine, Jade, Wasser und Feuer, Insekten, Fische und Schlangen. Manchmal wird ein Insekt den Kräutern zugeordnet und manchmal eine Holzart ebenso den Kräutern zugeschrieben. In meinem Buch bekommt jede Substanz ihren richtigen Platz.
Wasser und Feuer kommen zuerst, dann folgt Erde. Dies, weil dass Wasser und Feuer als erste Elemente die Erzeuger für alle anderen Dinge auf der Welt sind, während Erde die Mutter aller Dinge ist. Als Nächstes kommen die Metalle und Steine, da sie zur Erde gehören. Dann kommen die Kräuter, die Getreide, die Gemüsesorten, die Früchte und Hölzer, da sie die Entwicklung vom Kleineren zum Größeren ausdrücken. Dann folgen die brauchbaren Dinge aus den Kräutern und Hölzern, dann geht die Evolution zu den Insekten, Geschuppten, Gepanzerten, Vögel, Säugetiere und schließlich zu den Menschen, in der Reihenfolge der weniger Entwickelten zu den am höchsten Entwickelten“.2
Die Ordnung vom Einfachen zum Komplexen, vom Unteren zum Höheren und von den leblosen Mineralien bis zu den lebendigen Organismen, deren höchste Komplexität der Mensch darstellt, zeigt deutliche Parallelen zu den Darwinschen Gesetzen der Evolutionstheorie oder zu den Ordnungsprinzipien von Carl von Linné, dem Begründer einer Taxonomie der Lebewesen. So erscheint das Ben Cao Gang Mu als ein klar strukturiertes, systematisches und logisch durchdachtes Werk.
2 Li Shi Zhen: Compendium of Materia Medica, Foreign Languages Press, 6 Bände, Beijing 2003, Band 1, S. XXXI.
Um dem Leser einen Eindruck über dieses monumentale Werk zu vermitteln, möchte ich Teile aus dem 52. Kapitel vorstellen, welches die Sektion über den Menschen rén bù 人部 mit 37 Drogen beinhaltet.
Für den Medizinhistoriker ist interessant, dass hier eine Reihe Heilmittel aus dem Menschenkörper vorgestellt werden, von denen einige seit dem Mittelalter als „Dreckapotheke“ bekannt waren und in der westlichen Volksmedizin zu Heilzwecken verwendet wurden. Die Nutzung menschlicher und tierischer Exkremente war und ist in der Volksmedizin vieler Kulturen tief verwurzelt. In ägyptischen Papyri wurden bereits 2000 v. Chr. entsprechende Rezepte gefunden, ebenso in Babylonien, Assyrien und Nord- und Südamerika. Bei den antiken Griechen, Römern und Arabern gehörte die Dreckapotheke zum Bestandteil ihrer Heilkunst. Theriak, ein großes Panacea3 („Allheilmittel“) im Mittelalter, bestand aus über 60 Zutaten, darunter waren u. a. Schlangen- und Krötenteile, Elefantenläuse, Magensteine von Wiederkäuern, Bernstein und Honig.
Nicht nur Epilepsie und Krebs sollte Bärengalle heilen, sondern auch Zahnschmerzen beseitigen. Die Dresdner Apothekertaxe von 1652 führte rund 50 tierische Fette als Heilmittel auf, u. a. von Fischen, Affen und Menschen („Armsünderfett“). Urin war Universalmedizin, menschlicher Kot galt als besonders heilsam, Speichel, Ohrenschmalz und Frauenmilch wurden viel verwendet. Tauben und ihr Kot dienten der Augenstärkung, veraschtes Igelfleisch war ein Mittel gegen Fettsucht.
Häufig wurde durch Zusatz von Wein, Honig, Pflanzenöl, Kräutern, Gewürzen und Früchten beabsichtigt, den therapeutischen Effekt der wirksamen Bestandteile aus der Dreckapotheke zu verstärken oder den Geschmack zu verbessern.4
Besonders der in Eisenach geborene Gelehrte, Dichter, Arzt und Theologe Christian Franz Paullini war im Zeitalter der Aufklärung ein berühmter Verfechter dieser Volksmedizin. Er veröffentlichte 1696 erstmalig eine große Zusammenstellung menschlicher und tierischer Heilmittel und ihre Anwendung bei Krankheiten.5
3 Panakea, griech. Panakeia; aus dem griechischen Mythos die Tochter des Asklepios und Göttin der Heilkunst.
4 Siehe Barbara I. Tshisuaka: Dreckapotheke in: Enzyklopädie Medizingeschichte, Berlin 2005, S. 322-323.
5 C. F. Paullini: „Neu-Vermehrte heilsame Dreck-Apothecke, wie nemlich mit Koth und Urin fast alle - ja auch die schwerste - gifftigste Kranckheiten, und bezauberte Schaden vom Haupt bis zun Füssen, inn- und äusserlich, glücklich curiret worden; mit allerhand raren, so wohl nütz- als ergötzlichen Historien und Anmerckungen - auch andern feinen Denckwürdigkeiten – nochmahls bewährt, nun zum vierdten Mahl um ein merckliches verbessert, und mit dem anderen Theil vermehrt“, Frankfurt am Mayn 1734. Aus dieser vierten Auflage, die als Reprint vorliegt, sollen Vergleiche zum Ben Cao Gang Mu gezogen werden.
Paullini wollte mit dieser lange Zeit beliebten Sammlung, die einfache Heilmittel und die Krankheiten zu ihrer Verordnung nannte, Arme und Kranke zur Selbsthilfe anleiten. Er wurde aber schon bald heftig kritisiert, weil die in deutscher Sprache abgefasste Schrift Einblick in das ärztliche Tun gestattete und so manchen Arzt in Verlegenheit und Erklärungsnot brachte. Für die Erfolge der Dreckapotheke besonders im Mittelalter waren religiöser Glaube, ein magisch-mythisches Weltbild und auch Placeboeffekte für eine befriedigende Wirkung unverzichtbar.
Ganz anders stellt sich die chinesische „Dreckapotheke“ dar. Eingebettet in eine systematische Medizin, die alle Substanzen unter vergleichbaren Kriterien (Temperatur, Geschmack, Leitbahnbezug, Organzugehörigkeit) kategorisiert, nimmt die Darstellung der hier aufgeführten Arzneimittel beinahe einen wissenschaftlichen Status an. Und doch finden wir an einigen Stellen ebenfalls magisch-mythische Anschauungen als Erklärungsansätze (siehe später).
In der nun folgenden Übersetzung von Teilen des 52. Kapitels des Ben Cao Gang Mu sollen, wo es möglich ist, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten gleichartiger Substanzen bei Li Shi Zhen und Paullini aufgezeigt werden.
Die Heilmittel der „Kategorie der Menschen“ im Ben Cao Gang Mu sind:
Eine ausführliche Darstellung dieser Heilmittel aus dem Ben Cao Gang Mu kann aus Platzgründen hier nicht erfolgen. Um Besonderheiten hervorzuheben und Interesse zu wecken, möchte ich einen repräsentativen Querschnitt vorstellen.
Li Shi Zhen schreibt im Vorwort zum 52. Kapitel:
„Im Buch Shen Nong Ben Cao Jing gibt es nur ein Mittel zhǒng 種 6 vom menschlichen Körper: Fa Bei – Menschenhaare. Der Mensch ist eine besondere Spezies von Lebewesen im Vergleich mit anderen Organismen, wenn man ihn als Quelle von Drogen betrachtet. Später betrachteten die daoistischen Alchimisten viele Teile des menschlichen Körpers als potenzielle Heilmittel, wie z. B. Knochen, Fleisch, Gallenblase und Blut. Ist das nicht sehr gefühllos bù rén 不仁?
6 Der Text hat hier ausdrücklich nicht yào 藥 = Arznei, Heilmittel, sondern zhǒng 種 = Art, Mittel oder Sorte gewählt. Es scheint, als ob Li Shi Zhen sich schämt, diese Substanzen als Heilmittel vorzustellen.
In dieser nun folgenden Kategorie sind alle Teile des menschlichen Körpers beschrieben, die jemals als Heilmittel aufgezeichnet wurden. Diejenigen Teile vom menschlichen Körper, die unschädlich wú hài 無害 und rechtschaffen yì 義 sind, werden hier ausführlich beschrieben. Jene Drogen, die schwer zu dulden cǎn rěn 慘忍 oder unrecht xié 邪 sind, werden nur kurz dargestellt. Aber alle sind hier in dieser Kategorie aufgelistet worden! Zusammen sind es 37 Heilmittel.“7
Erklärung der Namen:
Li Dang Zhi sagt: Fa Bei ist das Haar eines Knaben. Tao Hong Jing sagt: Niemand weiß, was Fa Bei eigentlich meint. In alten Zeiten wurde damit gelocktes Haar bezeichnet. Su Gong sagt: Dies sind die Haarwurzeln. Die, welche lange gelegen haben, sind die Besten. Kou Zong Shi sagt: Fa Bei und Luan Fa sind nicht gleich. Fa Bei hat einen bitteren Geschmack, es ist Haar, was lange gelagert hat.
Li Shi Zhen sagt: Fa Bei ist menschliches Haar, das vom Kopf abgeschnitten ist. Luan Fa ist das Haar, das im Kamm hängen geblieben ist. ... Haare sind der Überfluss des Blutes. Wenn man sie in der Erde vergräbt, verfaulen sie sogar in 1000 Jahren nicht. Auch wenn man sie so sorgfältig wie möglich abkocht jiān 煎, kommt immer noch Flüssigkeit aus den Haaren. Wenn sie fälschlicherweise als Speise in den Bauch gelangen, wandeln sie sich in Würmer um. Nimmt man sie in medizinischer Dosis als Heilmittel, verhindern sie, dass die Haare grau werden.8
Temperaturverhalten und Geschmack:
Menschenhaar ist bitter, etwas warm und nicht giftig. Das Ming Yi Bi Lu sagt: etwas kalt.
Indikationen:
Menschenhaar ist gut zur Behandlung von Störungen beim Wasserlassen, Stuhlverstopfung und den 5 Arten der Harnverhaltung. Es ermöglicht die Zirkulation der Flüssigkeiten in den Wasserwegen.
7 Li Shi Zhen (wie Anm. 2), Band 6, S. 4133.
8 Wie hier am Beispiel des Menschenhaares werden auch bei allen anderen Drogen im Ben Cao Gang Mu bedeutende Autoren medizinischer Bücher zitiert und deren Meinungen gegenübergestellt. Danach resümiert Li Shi Zhen und gibt seinen eigenen Standpunkt wieder, der oft die anderen Gelehrten widerlegt. Das auch er nicht ohne magische Erklärungen auskommt, zeigt die vorgestellte Transformation der Haare im Inneren zu Würmern.
Es ist auch gut zur Behandlung von kindlichen Krampfanfällen und Wundstarrkrampf bei Erwachsenen. Es löst diese in wunderbarer Weise!
Su Gong sagt: Verbrenne Menschenhaar zu Asche; Es ist wirksam bei blutigen Durchfällen, bei Karbunkeln, allen entzündlichen Haut-erkrankungen und Geschwüre. Zhu Zhen Heng sagt: Menschenhaare lösen eine Blutstagnation. Sie sind ein sehr wirksames Yin-Tonikum!
Verschreibungen:
Koche Menschenhaare zusammen mit Eigelb, bis sich das Haar in der Flüssigkeit aufgelöst hat. Diese Zubereitung heilt zuverlässig kindliche Krampfanfälle mit Fieber und 100 andere Krankheiten. Da Ming sagt: Verbrenne die Haare und koche sie in Flüssigkeit ein, bis eine Paste entstanden ist. Nimm diese Paste in den Mund, sie fördert das Wachstum der Muskeln und löst Blutstagnationen. Sun Si Miao sagt: Nimm 30 Strähnen von den eigenen Haaren und verbrenne sie; nimm die Asche mit Wein. Dies heilt akute Bauchschmerzen! Ebenso: Verbrenne Luan Fa (ausgekämmte Haare) und mische die Asche mit Wasser; dies heilt schweres Nasenbluten mit Schwindel. Ebenfalls kann die Asche auch in die Nasenlöcher geblasen werden. Tao Hong Jing sagt: Ein Heilmittel für Kinder entsteht nach Überlieferung der alten Frauen wie folgt: Man sammelt die Haare aus des Vaters Kamm und koche sie mit Eigelb. Nach einer langen Zeit entsteht eine Art Saft. Diesen gibt man dem Kind zu trinken bei Schleim, um Hitze auszuleiten und bei vielen anderen Krankheiten.
Erklärung des Namens:
Li Shi Zhen sagt: Das Nieren-Qi folgt der Milz auf der rechten Seite nach oben und dringt in das Ohr ein, dort wird es zu Ohrenwachs umgewandelt. Das Ohr ist der Öffner der Niere. Wenn das Nieren-Qi frei zirkuliert, dann gibt es kein Ohrenwachs. Wenn die Zirkulation des Nieren-Qi blockiert ist, dann formt sich Ohrenwachs.9
Temperaturverhalten und Geschmack:
Ohrenwachs ist salzig, bitter, warm und giftig.
9 Die Bildung von Ohrenwachs wird hier durch ein blockiertes Nieren-Qi erklärt, das wohl die Nässe der Milz zu den Ohren trägt und dort nicht umwandeln kann. Ein Gesunder bildet kein Ohrenwachs!
Indikationen:
Da Ming sagt: Ohrenwachs ist gut zur Behandlung von manisch-depressiven Geisteskrankheiten diān kuáng 癲狂, es heilt Dämonen und Geister guǐ shén 鬼神; es hilft auch bei Alkoholsucht shì jiǔ 嗜酒. Li Shi Zhen sagt: Ohrenwachs kann äußerlich gegen Bisse von Schlangen und Würmer und Stichen von Tausendfüßler angewendet werden.
Verschreibungen:
Bei Verletzungen durch Bisse von Schlangen und Würmern vermische menschliches Ohrenwachs mit dem Kot von Erd-Würmern qiū yǐn shǐ 蚯蚓屎 (Regenwürmer?) und trage die Paste auf die Bissstelle auf. Es gibt dann eine Sekretion einer gelblichen Flüssigkeit. Wenn die Sekretion aufhört, hört auch die Wirkung des Bisses auf.
Um Wundstarrkrampf zu behandeln, vermische das Ohrenwachs der erkrankten Person mit abgeschnittenen Fingernägeln und Speichel und reibe es auf die befallene Stelle. Es wirkt ganz gut.
Zur Behandlung aller Arten von Augenerkrankungen: trockene Ohrenwachs in der Sonne und setze ein Stückchen davon von der Größe eines Hirsekorns jede Nacht in das kranke Auge (Tai Ping Sheng Hui Fang).
Aus Paullinis Dreck-Apotheke:
„Der Mensch gibt noch ferner zu unserer Dreck-Apothecke seinen Ohrendreck, ebenfalls ein sehr herrliches Mittel, sonderlich in allerlei gefährlichen Verwundungen. Nur ists immer schade und zu bedauern, daß man dessen so eine geringe Quantität bey sich hat, deswegen solcher denn um so viel fleissiger nach und nach zu sammeln, damit man im Nothfall mit solchem sattsam versehen seye.“10
Also gilt auch hier: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not!
Erklärung des Namens:
Li Shi Zhen sagt: menschlicher Kot ist der Abfall aus unverdautem Essen, der aus dem Darm ausgeschieden wird. Deshalb hat das Schriftzeichen auch den Reis-Radikal mǐ 米.
Temperaturverhalten und Geschmack:
Menschlicher Kot ist bitter, kalt und nicht giftig.
10 Paullini (wie Anm. 5), Reprint Konrad Köbl-Verlag, München 1969, S. 268.
Indikationen:
Menschlicher Kot ist gut zur Behandlung von Epidemien mit hohem Fieber und verrücktem Umherrennen kuáng zǒu 狂走. Er neutralisiert Gifte verschiedenster Art. Zerstampfe getrockneten Kot zu Pulver und gib es in heißes Wasser; lasse dies als Dekokt trinken. Su Song sagt: Menschlicher Kot ist gut gegen schädigende Kälte mit toxischem Fieber. Weiche den Kot in Wasser auf und nimm ihn in den Mund. Dies wirkt sehr zuverlässig! Bedecke ein bösartiges Geschwür mit frischem Kot. Nach einem Tag ist seine Wurzel aufgeweicht. Li Shi Zhen sagt: menschlicher Kot ist gut zur Behandlung der „dampfenden Knochen-Krankheit“ gú zhēng 骨蒸11 durch vielerlei Strapazen láo fù 勞复, bei Karbunkel und entzündlichen Geschwüren auf dem Rücken und wenn die Windpockenbläschen nicht erscheinen wollen.
Verschreibungen:
Ein Gegenmittel gegen den Biss eines tollwütigen Hundes: Bedecke die Bisswunde mit einer dicken Schicht Menschenkot. Die Verletzung wird innerhalb weniger Tage verschwinden!
Ein Gegenmittel gegen Pilzvergiftung, der Patient ist in einem kritischen Stadium: ½ Liter Flüssigkeit aus menschlichem Kot getrunken wird sein Leben retten!
Um kreisrunden Haarausfall zu behandeln: vermische Babykot mit Schweinefett, das im Winter gewonnen wird und streiche es auf die befallenen Stellen.
Um eine Blutung aus einer Wunde, hervorgerufen durch Akupunktur, zu stillen, die nicht aufhören will: verbrenne menschlichen Kot, zermahle es zu Pulver und streue es auf die Stichwunde (Sun Si Miao).
Aus Paullinis Dreck-Apotheke:
„Der Mensch gibt ferner zu unserer Dreck-Apothecke seinen Koth, welcher, ob er gleich heftig übel riechet, dennoch nicht ohne großen Nutzen ist, sondern in der Pestilenz und andern giftigen Kranckheiten in giftiger Thiere Bissen, gegen Liebesträncke und verzauberte Schäden, sowohl innerlich als auch äusserlich gebraucht, wie davon oben (im Text) sattsam gehandelt worden. Paracelsus hat auf den Menschen-Koth gar viel gehalten. D. Ludwig, ehemals gewesener herzoglicher Sachsen-Gothischer Leib-Medicus scherzet artig, und sagt, weil der Menschen-Koth so gut seyn solle gegen allerlei vergiftete Bisse, so müsse er auch gut seyn, denen Verläumdern das Maul zu stopfen und zu verhindern, daß sie andern Leuten mit ihren giftigen Zungen nicht weiter schaden könten, wäre gewiß, wenn nur solches Mittel zu brauchen erlaubt, ein herrlicher Nutzen dieses sonst garstigen Kothes.“12
11 Gú zhēng 骨蒸 = atrophische Schwäche in den Knochen nach Verletzung der Niere besonders durch exzessive Hitze. Die Symptome sind: brüchige Knochen und allgemeine Schlappheit und Schwäche
Erklärung des Namens:
Wenn Essen und Trinken in den Magen gelangen, durchdringt das essenzielle Qi davon den ganzen Körper. Es steigt hoch zur Milz, die schickt es zur Lunge und von dort wird es gleichmäßig durch die Wasserwege geleitet und zur Blase gebracht. Der feste Abfall gelangt in den Dickdarm und die trüben Körperflüssigkeiten kommen ebenfalls zur Blase. Die Blase ist wie der Gouverneur einer Hauptstadt eines Gebietes.
Sie ist das Haus aller Körperflüssigkeiten. Wenn die Verdampfung stattfindet, kann das Wasser als Urin ausgeschieden werden.
Temperaturverhalten und Geschmack:
Menschlicher Urin ist salzig, kalt und nicht giftig.
Indikationen:
Menschenurin ist gut zur Behandlung von Kopfschmerzen mit Schüttelfrost und Fieber. Es wärmt das Qi. Knabenurin ist am Besten!
Su Song sagt: menschlicher Urin ist gut zur Behandlung von chronischem Husten mit Verlust der Stimme, um harte Massen zu erweichen und um einen Blähbauch aufzulösen.
Chen Cang Qi sagt: menschlicher Urin klärt und erhellt die Augen, verbessert die Stimme, befeuchtet die Muskeln und die Haut, verbessert die Funktion des Dickdarms und löst Verstopfungen. Urin behandelt Husten und Lungenschwäche, Wundstarrkrampf und Krankheiten durch üblen Dämonenbefall guǐ qì chì bìng 鬼氣痓病. Am besten trinkt man menschlichen Urin, der schon lange gestanden hat. Wenn der Patient sich kalt fühlt, sollte der Urin vorher aufgewärmt werden.
Da Ming sagt: menschlicher Urin ist durstlöschend bei konsumierenden Krankheiten mit allgemeiner Schwäche; er befeuchtet Herz und Lunge und behandelt Manie mit Fieber aufgrund von Bluterkrankungen.
12 Paullini (wie Anm. 5), S. 267-268.
Zhu Zhen Heng sagt; menschlicher Urin wirkt wunderbar, um das Yin zu befeuchten und das Feuer abzusenken.
Li Shi Zhen sagt: menschlicher Urin tötet Würmer und neutralisiert Gifte. Er ist gut zur Behandlung von Malaria und Hitzschlag.
Kou Zong Shi sagt: Urin von jungen Knaben ist der Beste. Eine Frau sollte eine Tasse menschlichen Urins trinken nach der Geburt. Dies löst üble Blutstagnationen und faulige Substanzen auf. Einige Mütter trinken den Urin sieben Tage lang; dies aber ist nicht gut, denn eine Überdosis bringt Kälte in den Uterus und Ausfluss ist die Folge. Für einen Patienten mit einer Schwäche von Qi und Blut und wenig Hitze hat eine Überdosis Urin sogar noch schlimmere Folgen.
Zhu Zhen Heng sagt: menschlicher Urin ist sehr wirksam, um Hitze zu beseitigen! Einmal sah ich eine alte Frau, die nicht älter als 40 Jahre zu sein schien. Tatsächlich war sie aber 80 Jahre alt. Sie erzählte mir, als sie an einem bösartigen Geschwür litt, habe man ihr empfohlen, häufig menschlichen Urin zu trinken, dieses habe sie nun die letzten 40 Jahre getan. Seitdem sei sie frei von Krankheiten und behielte ein jugendhaftes Aussehen. Fazit: Auch wenn viele Leute sagen, Urin sei von kalter Temperatur und man sollte ihn nicht zu häufig trinken, sage ich, das ist nicht wahr. In Fällen einer Yin-Leere und exzessivem Feuer mit einem heißen Gefühl wie verbrannt, wenn nichts anderes mehr hilft, dann kann dies nur noch mit menschlichem Urin behandelt werden!
Li Shi Zhen sagt: menschlicher Urin ist vom Temperaturverhalten her warm! Er ist keinesfalls kalt! ... Menschlicher Urin befeuchtet das Yin und zerstreut Feuer, löst Blutstagnationen und stoppt Blutungen aller Art. Menschenurin sollte von Knaben unter 12 Jahre gesammelt werden. Sammelt man den Urin von einem Jungen, dann darf er nichts Salziges oder Saures essen. Gib ihm viel Reiswasser, damit er reichlich Urin bildet.
Cheng Wu Ji sagt: Zur Behandlung des Shao Yin-Syndroms mit unaufhörlichen Durchfällen, Eiseskälte in den Gliedmaßen und einem Puls, der kaum zu fühlen ist, lasse den Patienten menschlichen Urin mit Zwiebelstengeln, Ingwer und Akonitwurzel trinken.
Verschreibungen:
Um Feigheit und Ängstlichkeit qiè 怯 bei Mann und Frau auszulöschen: nimm Mädchen-Urin für den Mann und Knaben-Urin für die Frau zweimal am Tag. Nimm aber nicht den Anfangs- und den Endstrahl des Urins. Nach dem Trinken des Urins zerdrücke und iss trockenes geröstetes Brot gān shāo bǐng 干燒餅. Nach einem Monat mit dieser Behandlung sind die Beschwerden verschwunden!
Um eine Lungenschwäche mit Husten zu behandeln, trinke täglich einen Becher warmen menschlichen Urin!
Um einen feststeckenden Dorn aus dem Fleisch zu lösen, erweiche die umliegende Region mit warmen Urin.
Um einen Schlangen- oder Hundebiss zu behandeln, halte den Urinstrahl auf die Wunde.
Um den Biss einer Kopra fù shé 蝮蛇 zu behandeln, lass dein Weib (eine Frau) auf die Wunde pinkeln!
Um einen Bienen- Wespen- oder Skorpionstich zu behandeln, wasche die befallene Stelle mit Urin.
Um einen Dämonenbefall mit stinkendem Urin zu behandeln, trinke jeden Tag eine Tasse warmen menschlichen Urin.13
Aus Paullinis Dreck-Apotheke:
„Vor allen anderen Dreck-Arzeneyen rühmen und recommendiren wir den Menschen-Urin, als unter allen das sauberste, und dabey doch allgemeineste Hülffs-Mittel, gegen fast alle Kranckheiten und Zufälle, wie solches oben angezeigt worden. Sicherlich kann man sagen, daß der gütige Gott jedwedem Menschen seine vollkommende Arzeney in allen Nothfällen beygegeben, wenn man nur den Urin betrachtet, den jedoch der Mensch allezeit bey sich hat. Nicht nur das wir solchen in allen Kranckheiten zu trinken rathen wollten, weil er in den meisten so wol innerlichen als auch äusserlichen Zufällen von vortrefflicher Würckung ist.
Demnach dienet der Urin auch äusserlich gebraucht, die Krätze zu vetrocknen, Geschwulsten zu verteilen, Wunden, auch gar vergiftete zu saubern, dem kalten Brand vorzukommen. Auf dem Kopfe aufgetragen vertreibt er die Schuppen, schlagt man ihn auf die Pulse, dienet er gegen das Fieber, tropft man ihn in die Ohren, heilet er deren Geschwäre, thut man ihn in die Augen, vertreibt er deren Röthe, waschet man sich damit, dienet er herrlich gegen das Zittern der Glieder, braucht man ihn als Gurgelwasser, dienet er gegen die Geschwulst des Zäpfleins. Macht man davon mit Asche einen Brei, und schlägt solchen auf, werden dadurch allerley auch podagrische (Gicht-) Schmerzen gestillet.“14
Tatsächlich ist der Menschen-Urin bei Paullini für fast jede Krankheit gut. Keine Krankheit, kein Organ oder Sinnesorgan scheint von seiner Heilkraft verschont zu bleiben. Eine konkrete Gegenüberstellung der Verschreibungen aus dem Ben Cao Gang Mu zu den Anwendungen des Urins in Paullinis Dreck-Apothecke zeigt in vielen Fällen Konkordanzen auf, mitunter sogar Identisches.
13 Von allen 37 menschlichen Heilmitteln sind die Verschreibungen mit menschlichem Urin am umfangreichsten. Leider kann hier nur ein Bruchteil aller Rezepte vorgestellt werden.
14 Paullini (wie Anm. 5), S. 264 ff.
Die Interpretation liegt nahe, dass auf der ganzen Welt mit körpereigenen Substanzen ähnliche Erfahrungen in der Medizin stattgefunden haben, unabhängig von der regionalen Herkunft und Rasse.
Zum Schluss möchte ich noch ein menschliches Heilmittel vorstellen, dass in der übrigen Welt der Heilkunde seinesgleichen sucht:
Erklärung des Namens:
Li Shi Zhen sagt: Ren Po, die menschliche Körperseele, findet man in der Erde unterhalb eines Menschen, der sich gerade eben zu Tode aufgehängt hat oder der erhängt wurde. Sie ähnelt einer Art kleieähnlichen Holzkohle fū tàn 麩炭. Wird die Körperseele nicht sofort ausgegraben, dringt sie tief in die Erde ein und kann dann nicht mehr geborgen werden. Außerdem kann es passieren, dass bei einer nicht rechtzeitigen Ausgrabung von Ren Po sich früher oder später an derselben Stelle wieder jemand zu Tode aufhängt. Weil der Mensch die beiden Qi von Yin und Yang empfängt, setzt sich daraus auch sein Körper zusammen. Vereinigen sich Geist- und Körperseele hún pò 魂魄, bedeutet das Leben, ihre Trennung bedeutet den Tod. Wenn ein Mensch stirbt, dann steigt die Geistseele zum Himmel und die Körperseele sinkt zur Erde. Die Körperseele entspricht dem Yin, deshalb sinkt ihre Essenz jīng 精 ab und tritt in die Erde ein. Ihre Umwandlung bildet dann diese (oben beschriebene) Form. Das ist so ähnlich, als ob ein Stern vom Himmel auf die Erde fällt und sich zu einem Stein umwandelt. Oder wenn ein Tiger stirbt und sein Augenglanz mù guāng 目光 zur Erde herabfällt, um zu einem weißen Stein zu werden. Oder die Idee, dass Menschenblut in die Erde eindringt und sich in Phosphor lín 磷 oder grüne Jade bì 碧 verwandelt.
Indikationen:
Li Shi Zhen sagt: Ren Po, die menschliche Körperseele, bewacht das Herz zhèn xīn 鎮心, beruhigt den Geist und die Körperseele ān shén pò 安神魄, festigt bei Schrecken und Furcht dìng jīng bù 定惊怖, bei Fallsucht diān 顛 und bei manischen Geisteskrankheiten kuáng 狂. Vermische es mit Wasser und nimm es als medizinische Dosis über den Mund ein.15
15 Ren Po = Die menschliche Körperseele, scheint eines der Mittel zu sein, die bei Li Shi Zhen unter die Kategorien „schwer zu dulden“ oder „unrechtmäßig“ fallen, denn außer dem Aufgeführten findet man keine weiteren Angaben im Buch. Für den Praktiker scheint es auch schier unmöglich zu sein, diese „kleieartige Holzkohle“ jemals bergen zu können.
Also bleibt es bei der reinen Aufzählung und der Verlegung ins Kabinett der Kuriositäten. Selbst Li Shi Zhen ringt mit plausiblen Erklärungen und kommt nicht drum herum, magisch-mythische Vergleiche für das Wirken der menschlichen Körperseele heranzuziehen.
Literaturhinweise:
Li Shi Zhen: Ben Cao Gang Mu (Grundzüge der Arzneimittellehre), 1596 n. Chr., Volksverlag Beijing 1982 (chinesischer Text)
Li Shi Zhen: Compendium of Materia Medica, Foreign Languages Press, Beijing 2003 (englischer Text)
Wu Li: Li Shi Zhen – The Distinguished Naturalist in Commemorandum of the 390th Aniversary of his Death in: Journal of Traditional Chinese Medicine, Vol. 3, Heft 4, Beijing 1983
Goodrich, C./Chaoying Fang: Dictionary of Ming Biography (1368-1644), Vol 1, New York 1976
Hong-Yen Hsu/Peacher, W.G.: Chen’s History of Chinese Medical Science, New York 1977
Mosig, A./Schramm, G.: Der Arzneipflanzen- und Drogenschatz Chinas und die Bedeutung des Pen-Tsao Kang-Mu, Berlin 1955
Ratchnevsky, P.: Historisch-Terminologisches Wörterbuch der Yüan-Zeit, Berlin 1967
Beijing Medical College: Dictionary of Traditional Chinese Medicine, Hongkong 1984
C. F. Paullini: „Neu-Vermehrte heilsame Dreck-Apothecke, wie nemlich mit Koth und Urin fast alle - ja auch die schwerste - gifftigste Kranckheiten, und bezauberte Schaden vom Haupt bis zun Füssen, inn- und äusserlich, glücklich curiret worden; mit allerhand raren, so wohl nütz- als ergötzlichen Historien und Anmerckungen - auch andern feinen Denckwürdigkeiten – nochmahls bewährt, nun zum vierdten Mahl um ein merckliches verbessert, und mit dem anderen Theil vermehrt“, Frankfurt am Mayn 1734, Reprint 1969 im Konrad Köbl-Verlag, München.
Verfasser:
Udo Lorenzen
Projensdorfer Str. 14
24106 Kiel
0431-330303
Vita: seit 1988 Heilpraktiker mit eigener Praxis in Kiel; 1983 Ausbildung an der Academy of Chinese Acupuncture in Colombo/Sri Lanka; seit 1991 Studium klassischer chinesischer Texte, u. a. am sinologischen Institut der Universität Kiel; seit 1992 Leiter des Ausbildungszentrums Nord für Klassische Akupunktur und TCM; 1994 Studienreise nach China und Fortbildung an der University of TCM in Chengdu; seit 2002 Magisterstudium in Geschichte der Medizin, Sinologie und Pädagogik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; im Dezember 2006 Abschluß zum Medizinhistoriker M.A. (Magister Artium). Autor der Bücher: Terminologische Grundlagen der traditionellen chinesischen Medizin (1998); Mikrokosmische Landschaften – Übergreifende Konzepte in der chinesischen Medizin (2006); Autor der Buchreihe: Die Wandlungsphasen der traditionellen chinesischen Medizin (5 Bände 1992 – 2002, im Autorenteam mit Andreas Noll, München ); Autor vieler Fachartikel über traditionelle Akupunktur in deutschen und ausländischen Fachzeitschriften; seit 1990 Dozent zu vielen Themen der chinesischen Medizin im In- und Ausland.