Das Herz  - Kaiser im Mikrokosmos:

 

,,Die zwölf Beamten bilden ein zusammenhängendes Ganzes und dulden keinen Fehler. Wenn der Herrscher erleuchtet ist, werden seine Untertanen in Frieden leben können; wer sein Leben nach diesen Prinzipien ausrichtet, wird ein hohes Alter erreichen, und er wird niemals gefährdet sein.  Wer sein Reich nach diesen Prinzipien regiert, wird ein goldenes Zeitalter haben.  Wenn der Herrscher jedoch nicht erleuchtet ist, geraten die zwölf Beamten in Verwirrung; die Transportwege werden blockiert, und schließlich ist die Verbindung zwischen ihnen unterbrochen. Der Körper wird großen Schaden erleiden!  Wer so lebt, wird ins Verderben sinken.  Wer so sein Reich regiert, wird seinen ganzen Clan gefährden. Seid vorsichtig, ich wiederhole, seid sehr vorsichtig!“

      (Su Wen, Kap. 8)

 

 

 

Überragende Bedeutung des Herzens für die Gesamtheit der Funktionen im menschlichen Mikrokosmos! Sein richtungsweisener Einfluß regiert alle Funktionssysteme, Shen drückt sich nach außen hin in einer Vielfalt von Lebensäußerungen aus, die alle für die Beobachtung/Betrachtung in der chinesischenDiagnostik wichtig sein können.

 

„Bei der Behandlung von Krankheiten ist es notwendig, zuallererst zum Shen als Wurzel der Erkrankung zu gehen“ (Ling Shu, Kap. 8).

 

 

Shen in der Diagnostik:

 

„Laß mich Shen erörtern: was ist darunter zu verstehen? Shen kann nicht mit den Ohren gehört werden. Die Augen müssen klar und das Herz offen und leer sein. Dann offenbart sich Shen plötzlich im Bewußtsein eines Menschen. Man kann es nicht mit Worten ausdrücken sondern nur mit dem Herzen (Xin) erfassen. Auf einmal weiß man intuitiv, was Shen ist. Leider kann man dieses Wissen ebenso schnell wieder verlieren. Shen, die schöpferische Kraft, wird dem Menschen ganz plötzlich transparent, als ob der Wind Wolken und Nebel wegbläst. Deshalb nenne ich es Shen = etwas Geistiges. Sein Ursprung sind die drei Regionen und neun Zustände (der Pulse); es ist nicht ausreichend, nur über die neun Nadeln zu diskutieren.“ (Su Wen, Kap. 26)

 

Das Nei Jing vergleicht den Shen hier mit einer transzendentalen Erfahrung, die einen blitzartig befällt und nicht willentlich hervorzurufen ist. (vergl. die Etymologie des Schriftzeichens!)

 

Shen, der Geist, ist ein Ausdruck der Vitalität Qi  im Menschen, der die Kohärenz seiner Persönlichkeit nach außen hin darstellt (s. o.). Das Feststellen, ob ein Patient „Shen hat“ ist eine grundlegende Aussage über die Schwere und Behandelbarkeit einer Erkrankung. Dabei beobachtet man den geistigen Zustand des Patienten, seine Präsenz, seine Bewegungen und mögliche Veränderungen des Gesichtes.

 

- De Shen (Shen haben): der Patient ist wach, aufmerksam, die Augen zeigen Glanz, er reagiert adäquat auf die Fragen und Wünsche des Therapeuten, seine Stimme ist gut zu verstehen, die Bewegungen seines Körpers sind harmonisch und fließend.

- Bu Shen (fehlendes Shen): der Patient ist apathisch, lethargisch, geistesabwesend, die Augen blicken stumpf und glanzlos, seine Reaktionen sind verzögert, im Extrem ist er verwirrt und nicht ansprechbar.

 

 

Tabelle: Shen in der Diagnostik:

 

Hauptpunkte bei der Beobachtung:

De Shen (Shen haben):

Bu Shen (Shen fehlt):

Teint,

Gesichts-ausdruck:

glänzend, gut durchblutet, normale Farbe (Rassenunterschiede!); verändert sich je nach Jahreszeit und Arbeitsplatz

stumpf, blutleer, dunkel, untypische Verfärbungen entsprechend der 5 Farben

Körper und Bewegungen:

ausgebildete Muskulatur, kohärente Bewegungen, der Körper zeigt Kraft und Beweglichkeit, harmonische Rundungen

dünn und schwach, Auszehrung oder schwere Ödeme, Mißbildungen, abnorme Bewegungen, Tics, Ataxien, Unruhige Bewegungen

Augen:

Glanz (Schimmern) in den Augen, Blitzen, flexible Augenbewegungen, lebendiger, steter, klarer Blick, guter Augenkontakt, ohne anzustarren oder zu provozieren; Wärme im Blick

stumpfe Augen, stumpfer Blick, getrübte Pupillen, verlangsamte oder abnorme Augenbewegungen; Unfähigkeit, sein Gegenüber anzugucken oder das Gegenteil: unverschämtes Anstarren;

Sprache und Atmung:

Normale Sprache, gleichmäßige Atmung

Sprachstörungen; flache oder blockierte Atmung, Kurzatmigkeit

Geistige Klarheit:

Präsenz, Zusammenhalt und Logik im Denken und Handeln, adäquates Verhalten auf Umweltreize, klares Denken, deutliche Rede, geistige Wachheit, Ausdauer und Schlüssigkeit des Denkens

Zusammenhangloses Reden, Apathie Manie, Depressionen, Besessenheit,  Verwirrung, Geistesabwesend, Lachkrämpfe, Hysterie, Schreckhaftigkeit, Paranoia, irrationale Ängste

Klinische

Bedeutung:

Das Zheng Qi ist nur wenig oder gar nicht geschädigt, die Funktionen der Zangfu sind nur gelinde gestört, leichte Erkrankung, gute Prognose

Das Zheng Qi ist stark geschädigt, die Funktionen der Zangfu erschöpft, der Kaiser ist schwer angeschlagen und die Erkrankung ist schwer; schlechte Prognose!

 

Falsche Darstellung des Shen Jia Shen:

In ganz schweren Fällen, wo das Lebenslicht ein letztes Mal aufflackert. Schwere Erschöfung des Zhen Qi und der Essenzen, Trennung von Yin und Yang, der Patient ist dem Tode nahe.

Symptome: plötzliche Agitiertheit, rosige Wangen und Bedürfnis zu reden oder redet wie ein Wasserfall. 

 

 

1). Die Wahrnehmung von Shen im Gesicht:

 

Mian heißt auch: Gesicht, Ansehen, Ruf, die Vorderseite, Oberfläche, persönlich.

Das Schriftzeichen ist das Piktogramm eines Gesichts mit Augen, Mund und Nase (Wilder, No. 486).

Mian ist der 176. Radikal und steht für einige Handlungen und Ausdrucksformen des Gesichtes (z. B. in Verbindung mit Jian = ansehen, bemerken entsteht Tian = (Erröten, sich schämen).

Das Gesicht hat eine besondere Bedeutung in der chinesischen Kultur. „Jemanden Gesicht geben“ bedeutet, ihm in der Gesellschaft einen guten Ruf zu verschaffen, deshalb heiß der „Ruf“ im Chinesischen Mian Zi  = Kind des Gesichtes. Der so wichtige Begriff „sein Gesicht verlieren“ bedeutet, daß man durch eine Handlung oder sein Benehmen in der Gruppe, zu der man gehört, das Ansehen einbüßt. Diu Mian Zi  = das Gesicht verlieren, Ansehen einbüßen, sich blamieren.

 

Die sensible Einfühlung in den Gesprächspartner entspricht dem eigenen Bedürfnis, nicht „vorgeführt“ zu werden. Darum auch das strenge Achten darauf, den anderen nicht zu beschämen und auch selbst nicht das Gesicht zu verlieren. Denn Gesichtsverlust ist etwas Wesentliches, das den ganzen Menschen betrifft. Wer sein Gesicht verloren hat, dessen Ruf und Persönlichkeit ist in seiner sozialen Gruppe ruiniert.

 

In der chinesischen Medizin ist das Gesicht eine Ausdrucksform des Herzens. Die Chinesen sagen: „Das Herz zeigt seinen Glanz im Gesicht!“ Abnorme Veränderungen der Gesichtsfarbe, der Gesichtsstruktur und des Ausdrucks zeigen unterschiedliche Stufen der Krankheiten an. Ein Patient, dessen Gesicht glänzt und gut durchblutet ist, hat in der Regel keine ernsthafte Krankheit. Ein stumpfer, glanzloser Gesichtsausdruck zeigt eine deutliche Schwäche des Zhen Qi, die Erkrankung ist tiefer gelegen und Prognosen eher ungünstig. Zhen Qi ist die Basis / Wurzel von Shen! Wegen seiner Beziehung zum Herzen ist das Gesicht so die perfekte Resonanz des Shen und zeigt uns, wie es um den Geist/Vitalität des Patienten bestellt ist.

 

a). allgemeine Verfärbungen:

 

Farbliche Veränderungen des Gesichtes reflektieren Krankheiten, die meist mit den entsprechenden Wandlungsphasen korrelieren.

 

- weiße Gesichtsfarbe: kann Kälte, Leere-Kälte, Blutschwäche, Folge von Blutverlusten oder Yang-Schwäche bedeuten. Meistens ist die Lunge in irgendeiner Weise betroffen, denn die Lunge verabscheut die Kälte, ihre entsprechende Farbe ist Weiß.

 

- gelbe Gesichtsfarbe: zeigt meistens einLeere-Nässe-Syndrom an (eine Schwäche der Milz mit pathogener Nässe); ein stumpfes Gelb zeigt Nässe-Kälte, ein strahlendes Gelb Nässe-Hitze an (Gelbsucht);

 

- rote Gesichtsfarbe: zeigt ein Hitze-Syndrom an, meistens eine Herz-Pathologie; je röter das Gesicht, um so mehr neigt die Hitze zur Fülle; Yin-Schwäche bewirkt eher Hitzewallungen, die plötzlich auftreten, aber das Gesicht nicht konstant röten; ebenfalls kann eine Blässe mit gelegendlicher Rötung des Gesichts ein Taiyang-Syndrom sein!

 

- gräulich-schwarze Gesichtsfarbe: zeigt eine Nierenschwäche an und/oder überflutende Flüssigkeiten (Shui Yin); ferner ein Kälte-Syndrom oder Blut-Stagnation. Meistens eine extreme Nieren-Yang-Schwäche; auch eine schwere Auszehrung der Nieren-Essenz kann  eine gräuliche Verfärbung hervorrufen.

 

- blau-grünliche Gesichtsfarbe: zeigt häufig eine Stagnation von Qi im Blut, Schmerzen oder Krampfanfälle an. Die betroffene Wandlungsphase ist das Holz resp. die Leber, deren Funktion, das freie Fließen von Qi und Blut zu gewährleisten, versagt. Auch eine Herz Qi-Schwäche  läßt das Blut nicht zirkulieren und bewirkt einen Blut-Stau.

 

 

 

Regionen der Antlitzdiagnose:

 (nach dem Neijing Zhi Yao - 1642 Ming-Dynastie)

© ABZ Nord Udo Lorenzen

 

Erläuterungen der Grafik:

 

- die obere Stirn: Kopf und Gesicht

- die mittlere Stirn: Hals, Kehle und Trachea

- der Raum zwischen den Augenbrauen (Glabella): Lunge

- die Nasenwurzel: Herz

- die Nasenmitte: Leber:

- die Nasenspitze: Milz

- die Nasenflügel: Magen

- die Oberlippe seitlich des Philtrums: Uterus (Frau) und Blase/Prostata (Mann)

- neben den Nasenlöchern auf der Wange: Nieren

- neben den Nasenflügeln auf der Wange: Dickdarm

- neben der Nasenmitte auf der Wange: Dünndarm

- neben der Nasenwurzel unter den Augen: Gallenblase

 

die klassische Variante der Antlitzdiagnose stammt aus dem Nan Jing, Kap. 13:

 

- Stirn: Feuer

- Kinn: Wasser

- linke Wange: Holz

- rechte Wange: Metall

- Nase (Zentrum): Erde

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Differenzierung der Augenregionen- die Theorie der 5 Räder Wu Lun:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


1. Die Pupille: Wasserrad Shui Lun - Niere + Blase, kontrolliert die Knochen

 

2. Die Iris: Windrad Feng Lun  - Leber + Gbl., kontrolliert die Sehnen

 

3. Die Sklera: Qirad Qi Lun  - Lunge + Dickdarm, kontrolliert das Qi

 

4. Die Augenwinkel: Blutrad Xue Lun  - Herz + Dünndarm, kontrolliert das Blut

 

5. Die Augenlider: Fleischrad Rou Lun  - Milz + Magen, kontrolliert das Fleisch und Muskelgewebe

 

 

Der Shen im Auge:

 

Beim Gesunden ist das Auge klar und schimmernd, sind die Skleren und Pupillen rein gezeichnet, ist der Blick stet. Wird bei einem solchen Befund über

gesundheitliche Beschwerden geklagt, so sind diese leichter Natur.

 

Sind die Pupillen getrübt, die Skleren verschattet oder injiziert, ist der Blick matt oder erscheinen die Augen ungewöhnlich glänzend, so ist der Shen durch eine ernste Krankheit beeinträchtigt oder sogar verlorengegangen.

 

 

Spezielle Symptomatik der Veränderungen am Auge:

 

Rötung der Augenwinkel läßt auf Feuer im Herzen, Rötung der Skleren auf Feuer in der Lunge schließen.

Gelbe Skleren deuten auf mächtige Nässe-Hitze im Inneren.

Eine sich vorwölbende Iris deutet auf Leber-Feuer.

Entzündete, geschwürige Lider sind ein Zeichen von Nässe-Hitze in der Milz.

Ein im ganzen gerötetes und geschwollenes Auge weist auf Wind-Hitze in den Holz-Leitbahnen hin.

Auffallend klare und weiße Skleren deuten auf Kälte, trübe Skleren und eine schattige Iris auf Hitze in der Lunge und Leber.

Bleiche Augenwinkel deuten auf Leere des Blutes Xue.

Auffallend glänzende Lider zeigen Schleimansammlungen an.

Dunkelfärbung der Lider ist in der Regel ein Zeichen für einen Leere-Zustand der Niere.

 

Eine leichte Schwellung der Orbita mit kaum merklichem Hervortreten des Auges bei glänzendem Gesicht deutet auf die Anfänge einer Wassersucht.

Lidschwellung mit Röte, plötzlich einsetzend, ist ein Zeichen von Hitze in Magen und Milz.

Lidschwellung, langsam sich entwickelnd, zugleich Kraftlosigkeit, weist auf einen Schwächzustand in der Milz hin.

 

Schwellung des Unterlids im Greisenalter deutet auf Hinfälligkeit/Erschöpfung des Nieren- Qi.

 

Eine einsinkende Orbita ist ein Zeichen des Verfalls der Essenz Jing in allen Zangfu . Falls das Symptom nur leicht auftritt, kann eine gute Prognose gestellt werden; tritt es extrem auf, und ist es begleitet von völliger Geistesabwesenheit und Pulsen ohne Magen Qi deutet das Zeichen auf einen drohenden Exitus.

 

Schlummern mit halbgeöffneten Lidern ist ein Zeichen extremer Erschöpfung von Milz  und Magen.

 

Stark geweitete Pupillen bei unscharfer Sicht weisen auf Schwäche des Nieren Qi hin (oder auf Drogen!)