Leere, Mangel oder nicht genug?
Terminologische Probleme bei der Übersetzung von Fachbegriffen aus der chinesischen Medizin
Zi Lu fragt: Wenn der Fürst von Wei Dir, Meister, das Regieren anvertrauen würde, womit würdest Du beginnen?
Der Meister antwortet: In jedem Fall mit der Richtigstellung der Begriffe!
Kong Zi, Lun Yu Kap. XIII, 3
Einleitung: Mit der zunehmenden Vermarktung der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) auf dem Büchermarkt und auch in diversen Aus-und Fortbildungsstätten entwickelt sich ein neues Problem für den Lehrenden: wie sag ich’s meinem Kinde?
Gab es vor 30 Jahren nur eine Handvoll Lehrbücher, die fast ausschließlich von französischen Quellen zehrten, war es für den Vermittler der "traditionellen Lehre" leicht, Begriffe zu verwenden, die meist der westlichen Medizin angelehnt waren. Eine "Fülle" wurde "sediert", eine "Leere" wurde "tonisiert", die "Meridiane" waren nur insofern wichtig, daß auf ihnen die "Punkte" lagen, in die Nadeln zur "Akupunktur" gestochen wurden. Yin und Yang wurden mystifiziert, die "5 Elemente"
zu einseitig oder gar nicht berücksichtigt .
Nachdem in den 70-ger Jahren der vietnamesische Arzt Dr. van Nghi die Akupunturszene mit eigenwilligen Terminologien aus seiner Heimatsprache verwirrte, war es in den 80-gern der Sinologe Manfred Porkert, der wichtige TCM-Begriffe erfaßte und dem Adepten zur Verfügung stellte: das Entsprechungssystem wurde zu einer Orbisikonographie, die Leitbahnen zu Sinarterien, die Essenz hieß jetzt Struktivpotential und der Geist die konstellierende Kraft . Die chinesische Medizin zu verstehen wurde so zu einem kaum zu bewältigenden geistigen Kraftakt. Nur wer Latein gelernt hatte, konnte mitreden, die "Dummen" mußten mühsam aus Wörterbüchern lateinische Begriffe ins Deutsche übersetzen, um chinesische Medizin zu begreifen.
Die 90-ger sind nun beeinflußt von dem Trend, einen Kompromiß zu finden zwischen einer klaren Struktur (Syndromlehre), das Begreifen der chinesischer Sprache (Pinyin und Hanzi) und der Auseinandersetzung mit den klassischen Quellen und ihren neuzeitlichen Interpretationen aus dem Herkunftsland China. Therapeuten wie Giovanni Maciocia aus England oder Bob Flaws aus den USA sind hier als Vorreiter zu nennen.
Für uns, die in der TCM-Ausbildung als Lehrer/-innen involviert sind, ist es wichtig, eine Sprache zu finden, mit der wir die chinesische Medizin einführen.
Zheng Ming = die Korrektheit der Begriffe, sollte eben diese drei Aspekte beinhalten:
die Klassiker als Wurzel Ben, das Differenzieren von Mustern Bian Zheng als unerschöpfliche Nahrungsquelle für den Magen Wei
θ und die chinesische Sprache resp. die Schriftzeichen als geistige Herausforderung für den Shen .Der folgende Beitrag möchte am Beispiel des Terminus Xu zeigen, welche Wege möglicherweise zur Begriffsfindung und -festigung eingeschlagen werden können.
Xu
- Leere, Mangel, Insuffizienz:Der Radikal ist Hu
der Tiger, ein Raubtier, das in diesen Gebieten häufig anzutreffen ist. Im Zeichen selbst verrät sich der Tiger nur durch seine Streifen.Das Phonetikum Qiu
zeigt eine Anhöhe in einem Hochland. Dort oben stehen zwei Menschen mit dem Rücken zueinander. Sie können so das umliegende Land nach allen Richtungen übersehen.Zusammen entsteht das Bild eines trostlosen, unliebsamen Ödlands. Eine Einöde, die nichts enthält außer Gefahren, dargestellt durch den Tiger. Vor dem Durchqueren eines Hochlands tut man gut daran, die Gegend von oben her zu erkunden. (vergl. Wieger L. 27H)
Die ältesten Piktogramme zeigen
Xu:
als kleine Siegelschrift (Xiao Zhuan)
als altertümliche Schrift (Gu Wen)
als große Siegelschrift (Da Zhuan)
Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet Xu: leer, hohl, unnütz, nichtig,
falsch, unwirklich, Schein, vorgetäuscht, auch: schwach, gebrechlich, kraftlos, ohne Vitalität.
Als technischer Begriff in der chinesischen Medizin steht Xu stets für einen Mangel an individueller Energie Zhen Qi
= "wahres Qi" oder Zheng Qi = "korrektes Qi". Die Qi-Reserven sind nicht genug Bu Zu, Krankheiten können durch diverse Übel Xie entstehen. Beispiele:Xu Bi = Leere-Verstopfung
Xu Bei
= Leere-ErschöpfungXu Feng Nei Dong = Leere-Wind, der sich im Inneren bewegt
Xu Han Bu Zhi
= andauernder Leere-SchweißXu Jing
= Leere-SchreckenXu Tan
= Leere-SchleimPi Yang Xu = Milz-Yang-Leere
Gan Yin Xu
= Leber-Yin-Leere u.v.m.
Das Nei Jing beschreibt an vielen Stellen pathologische Muster, die auf dem Boden einer Leere Xu entstehen .
In der daoistischen Tradition ist ein leeres Herz Xu Xin die Voraussetzung dafür, Kontakt mit dem kosmischen Shen
aufzunehmen und Wirkkraft Ling anzuhäufen. Diese Leere erreicht nur, wer leidenschaftslos und ohne Begierden ist. Wie Lao Zi sagt: "Beständige Bedürfnislosigkeit führt zur Erkenntnis seiner Tiefgründigkeit." (Kap.1). Sie schafft einen wahrhaftigen Menschen Zhen Ren, der mit sich und der Welt im Reinen ist. In diesem Zusammenhang ist die LeereXu
é ein positiver Zustand, den der daoistische Adept anstrebt.
Was "nicht genug" Bu Zu ist, wird in der TCM schließlich noch durch andere Begriffe (Synonyme) terminiert:
Shuai:
verfallen, verkümmern, verwittert, eine Schwäche; z.B.Shuai Zhe Bu Zhi = bei Schwäche soll ergänzt werden.
Hao : verbrauchen, verschleißen, vergeuden, abgenutzt, vermindert; z.B.
Chang Ye Kui Hao
³¦Òº¿÷ºÄ = die Darmsäfte sind verbraucht.Jie: Erschöpfung, sich anstrengen, äußerst; z.B.
Shang Jue Xia Jie = nach oben gegenläufig und nach unten erschöpft.
Kui: fehlen, Verlust, Schaden, Fehler, Makel; z.B.
Kui Xin = den Mut verlieren, ein schlechtes Gewissen haben.
Lao: sich mühen, mühsam, Strapaze, Erschöpfung; z.B.
Wu Lao = die 5 Strapazen, welche die Zang-Organe schädigen.
Lao Re
= erschöpfendes Fieber, Lao Ke = erschöpfender Husten.Sun: schaden, beschädigen, verletzen, Schaden, Verlust; z.B.
Sun Qi = die Gesundheit zerstören; Sun Shang
= verletzen.Wang
: sterben, Tod, verschwindend, Kollaps, nicht haben, ohne; z.B.Wang Ren = ein Verbannter; Wang Yin = Yin-Kollaps.
Tuo: abziehen, fortnehmen, entziehen, verzichten; z.B.
Tuo Mao = Haarausfall, Tuo Shen = der Shen entschwindet.
Hua: glatt, schlüpfrig, ausgleiten, trügerisch, entschlüpfen; z.B.
Hua Mai = schlüpfriger Puls, der entsteht, wenn das Milz-Qi nicht genug ist;
Hua Xie= ausströmender Durchfall.
Fu: oberflächlich, unbeständig, flüchtig, treibend, hohl, leer; z.B.
Fu Ming = vergänglicher Ruhm; Yin Xu Yang Fu = Yin-Leere
und flüchtiges Yang.
Jue : abgeschnitten, unterbrechen, fehlen, am Ende; z.B.
Jue Ming = das Leben beenden,
Jue Zi = Kinderlosigkeit; Jue Gu = fehlender Knochen (der Punkt Gbl 39).
Duo: gewaltsam wegnehmen, rauben, fortnehmen; z.B.
Duo Jing = die Essenzen rauben;
Duo Xue Zhe Wu Han, Duo Han Zhe Wu Xue
= wenn Blut geraubt wurde, gibt es keinen Schweiß und umgekehrt.
Gan : trocken, versiegt, erschöpft, leer; z.B.
Gan Ou = trockenes Würgen; Gan Xue Lao = Bluterschöpfung durch Austrocknung.
Ku: dürr, morsch, verwittert, zerfallen, mager; z.B.
Ku Gu = trockene Knochen (Osteoporose); Ku Zhi Fa = Hämorrhoiden austrocknen.
He = eintrocknen, versiegen, erschöpft, in Not; z.B.
Yin He = Verlust der Fruchtbarkeit; He Fu = wie ein Fisch ohne Wasser (gestrandet, nach Luft schnappen).
Yue: binden , schnüren, beschränken, knapp, zu wenig; z.B.
Pi Yue = eingeschnürte Milz; Yue Shu = Schließmuskel.
Bu Zhen
: ohne Kraft, kein Elan, devitalisiert; z.B.Pi Yang Bu Zhen = ein kraftloses Milz-Yang.
Bu Gu: nicht gefestigt, unsicher, unbeständig; z.B.
Biao Qi Bu Gu = das Qi an der Oberfläche ist nicht gefestigt.
Bu Ji
: nicht ausreichen, nicht bestanden, kaum, ein Mangel; z.B.Fei Qi Bu Ji = ein mangelndes Lungen Qi.
Zusammenfassung: Eine der Schwierigkeiten in der Vermittlung der chinesischen Medizin liegt im Gebrauch ihrer fachspezifischen Termini. Lehrer/-innen unterschiedlicher Ausbildungsstätten verwenden oft nur ihr eigenes, gelerntes Vokabular ohne kritische Reflexion. Am Beispiel eines so wichtigen Begriffs wie Xu wurde gezeigt, wie vielfältig seine Bedeutungsfacetten sind und wie wenig er sich auf ein Wort reduzieren läßt. Die Präzisierung und Festlegung auf einen Begriff kommt zwar dem westlichen Denken entgegen, vernachlässigt jedoch den geistigen Spielraum, den uns die Schriftzeichen offenlassen.
Der Einsatz von synonymen Zeichen in der chinesischen Sprache erschwert ebenfalls eine präzise Festlegung. Ob nun Leere, Mangel oder Insuffizienz: entscheidend ist immer der Zusammenhang, in dem Xu gebraucht wird.
Die Lehrer/-innen der chinesischen Medizin sollten die Vielfalt der Begriffe im Auge behalten und eher eine Definition anstreben, die den Begriff beschreibt, ohne ihn einzuengen. Denn die chinesische Medizin ist integrierend, nicht ausschließend, Sowohl- Als auch, aber nicht Entweder- Oder.
Gerade für den internationalen Austausch und in Hinblick auf eine Standardisierung ist die Festlegung auf ein einziges deutsches Wort nicht genug, ja geradezu hinderlich.
Eine Übereinkunft über die wichtigsten TCM-Begriffe durch eine deutsche Übersetzung ist für die Anfänger/-innen in den Ausbildungszentren sicherlich hilfreich.
Für eine tiefere Auseinandersetzung mit der chinesischen Medizin sind jedoch auch die Grundlagen der chinesischen Schrift und Sprache mit einzubeziehen. Informationen über die Schriftzeichen, Pinyin-Umschreibung und ihre korrekte Aussprache sollten deshalb Bestandteil der TCM-Ausbildung fortgeschrittener Schüler, auf jeden Fall aber der Weiterbildung von Lehrer/-innen sein.
Udo Lorenzen
Kiel, im April 1998