Das Ganzheitliche der chinesischen Medizin
Udo Lorenzen
Befassen wir uns mit dem Prinzip der Ganzheitlichkeit in der Medizin und suchen nach einer möglichst umfassenden Umsetzung für den kranken Menschen, dann sticht die chinesische Medizin aus der Vielfalt von Ideensystemen, die sich mit Gesundheit und Krankheit beschäftigen, deutlich hervor.
Betrachten wir den Begriff der Ganzheit, dann definiert dieser sich nicht als die Summe seiner einzelnen Bestandteile, sondern durch die Beziehungen dieser Teile untereinander in der Struktur des Systems, in dem sie existieren. Auf verschiedenen Ebenen können dies die Teile eines Atoms, einer Zelle, eines Menschen, einer Gesellschaft, eines Planeten und auch einer ganzen Galaxie sein.
"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile", dies wusste schon Aristoteles vor über 2300 Jahren, diese Erkenntnis blieb aber für die Entwicklung der westlichen Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften ohne wirkliche Konsequenz:
Diese betrachten den kranken Menschen aus verschiedenen Blickwinkeln und Facetten ihrer Paradigmen:
Je nach Glaubensdogma wird hier oft der spirituelle Aspekt überbetont, weltliche Bereiche werden vernachlässigt, ja sogar negiert, viele sind auf ihrem spirituellen Weg abgehoben oder zwingen sich ein Leben in Einsamkeit und Askese im Kloster auf. Auch hier: Trennung von Körper, Geist, Seele.
Der Zwillingsgeborene als Luftzeichen hat z.B. eine besondere Affinität zum Nervensystem und den Atmungsorganen Lunge, Bronchien, Luftröhre und Zwerchfell.
Auch hier: zwar ein weiterer Aspekt für eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen (der kosmische Bereich), jedoch zu dem Preis der Vernachlässigung und Unterbewertung anderer Facetten.
Kurz und gut: die westlichen naturwissenschaftlichen Denkmodelle, die sich mit dem menschlichen Sein beschäftigen und Gesundheit und Krankheit definieren, betrachten nur eine (ihre) Seite als die maßgebliche, und kommen so zu verschiedenen Behandlungsansätzen, die zu ihrer Durchführung diverse Experten und Spezialisten braucht. Schlimmer noch: jeder Bereich für sich spezialisiert sich noch weiter: Die Schulmedizin z.B. in innere Medizin, Gynäkologie, Neurologie, Augen, HNO, Psychosomatik; und noch weitere Differenzierungen dieser Spezialisierung gibt es: für die innere Medizin Fachärzte für Kardiologie, Nephrologie, Proktologie etc. Der Mensch erscheint zunehmend als Magen, Dickdarm und Wirbelsäule.
Die Psychologie macht es ähnlich: Wir alle kennen den Psychoboom in den letzten 25 Jahren; die kranke Psyche hat die Qual der Wahl sich analytisch, mit Gestalttherapie, Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, Gruppentherapie, Familientherapie etc. etc. behandeln zu lassen.
Auch die Religion bzw. Spiritualismus zeigt inflationäre Tendenzen: Je nach Glaube hat der Suchende die Möglichkeit einen westlichen Gott anzubeten, einen Buddha, einen Saibaba, diverse andere Gurus, Moslems, Hindus und viele mehr; die Tendenz zeigt eher Zersplitterung als Einheit, die einfache Wahrheit, dass es nur einen Gott gibt, hat nicht zur Versöhnung geführt sondern im Verlauf der Geschichte immer wieder zu Krieg, Mord und Folter.
Schließlich die gesellschaftliche Ebene: auch hier vielfältige Spezialisierungen in Sozialpädagogik, Sozialpsychologie, Sozialwirtschaft, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus, usw. Wir alle kennen die tiefe Verunsicherung und Entfremdung, die einen befällt, wenn man politische Aktionen und Machenschaften erlebt, die unter dem Deckmantel der Volksfürsorge nur eigenen Machtgelüsten dient.
Zusammenfassend ist die Beschreibung der menschlichen Wirklichkeit aus westlicher Sicht analytisch: d. h., sie zerteilt, zerlegt den Menschen in viele Einzelteile, sie löst den Mensch aus dem ganzheitlichen Zusammenhang und sieht selektiv nur einzelne Facetten des menschlichen Lebens!
Der kranke Mensch hat viele Therapeuten, die als Experten nur einen Teil des Patienten wahrnehmen und erkennen.
Westliche Denkmodelle sind aufgebaut nach dem Kausalitätsprinzip: die Voraussetzung für eine Therapie ist eine Krankheitsursache, die den Symptomen zeitlich vorausgegangen sein muss.
Nun zur chinesischen Medizin: Das Menschenbild in der chinesischen Medizin geht von einem All-umfassenden Ganzen aus; lapidar wird festgestellt: der Mensch steht zwischen Himmel und Erde und nimmt am kosmischen Geschehen teil, wird davon beeinflusst und wirkt seinerseits zurück auf diesen Kosmos. Dieselben Gesetze, die das große Weltall bestimmen, wirken auch im kleinen Weltall, dem Mikrokosmos (hier der Mensch). Die chinesische Medizin basiert auf dem Verständnis dieser kosmologischen Betrachtung und wendet sie konsequent auf den Menschen an.
Der Mensch ist ein biologisches System, das eingebettet ist in die rhythmischen Prozesse der Natur (Jahreszeiten, Tag und Nacht – Wechsel, Gezeiten, Planetenbewegungen Biorhythmus). Gesundheit wird definiert als Schwingungsfähigkeit mit diesen natürlichen Rhythmen.
Dao:
Um seinen Rhythmus nicht zu verlieren, muss der Mensch sich diesen natürlichen Schwingungen anpassen und mitschwingen können. Das allumfassende Ordnungsprinzip in der Natur nennen die Chinesen auch Dao (Tao). Dao ist das Symbol für den spontanen Wandel des Weltalls, für den natürlichen Rhythmus zwischen Zeit und Raum, Yin und Yang.
Laozi, der Verfasser des Daode jing schreibt, das wirkliche Dao lässt sich nicht in Worte fassen, es soll nicht darüber geredet werden, sondern gelebt werden.
Dao tun ist wichtig, und zwar ohne Absicht, mühelos, nicht für den eigenen Nutzen. Dies impliziert der zentrale Begriff des Wuwei = Nicht-Tun. Das Schriftzeichen für Dao ist zusammengesetzt aus gehen und Kopf, was soviel bedeutet wie: bewusst einen Weg gehen, seinen Weg finden, seine Natürlichkeit leben.
In der chinesischen Medizin bedeutet das: in Harmonie mit der Natur sein, die Bewegungstendenz jeder Situation erfassen zu können und mitzuschwingen.
Yin und Yang:
Das Dao ist die Ganzheit, die Einheit und Harmonie der Gegensätze. Dao manifestiert sich, (wird sichtbar) in der menschlichen Welt als Polarität. Diese Polarität wird bei den Chinesen symbolisch mit den Begriffen Yin u. Yang dargestellt.
Yin und Yang bedeuteten ursprünglich die Schatten- und die Sonnenseite eines Hügels, also sinnlich wahrnehmbare, räumliche Aspekte. Später wurden auch zeitliche Phänomene mit diesem Paar verbunden, z. B. der Wechsel von Tag-Nacht, Sommer-Winter, Vollmond-Neumond, Ebbe-Flut, Leben-Tod.
Schließlich wurden Yin u. Yang zu allgemeinen Emblemen jeglicher vorstellbarer Polarität. Jedes Ding, jedes Phänomen, jede Situation hat 2 Seiten, die beide, sich bekämpfend und doch ergänzend, die Spannung des Lebens erzeugen.
Yin und Yang verhalten sich nicht statisch, sondern dynamisch zueinander. Sie vermitteln Bewegungstendenzen und damit Wandlung.
Ebenso, wie auf jede Nacht ein neuer Tag folgt, jedes Leben schon seinen Tod impliziert, gehören gleichfalls zusammen: wachsen-stillstehen; Bewegung-Ruhe; sich entfalten-sich zurückziehen; Leben-Tod; Aktion-Reaktion; Feuer-Wasser; Sonne-Mond; geben-nehmen; Trennung-Bindung; männlich-weiblich; Energie-Materie; Himmel-Erde; Zeit-Raum; Krieg-Frieden; Körper-Seele; Geist-Seele; Streit-Versöhnung usw.
Beide Seiten, Yin und Yang, gehören zusammen, brauchen sich für ihre eigene Existenz, bilden erst in ihrer Vereinigung und Verwandlung ein Ganzes!! Beide Seiten müssen zu ihrem Recht. kommen, müssen die Möglichkeit der Darstellung haben und glänzen können!
Beide Seiten sind immer gegenwärtig, aber nur eine Seite kann sich momentan profilieren, um sich dann zurückzuziehen und die andere Seite zu lassen, dies geschieht im spontanen Wechsel. Der ewige Wechsel zwischen Yin und Yang erzeugt die Spannung des Lebens, das Zusammenspiel beider Aspekte bildet die Einheit und ein Ganzes. Jede Fixierung auf einer Seite macht. krank, lässt die andere Seite leiden und verkümmern.
Der Kern der chinesischen Lebensführung ist, in allem die goldene Mitte zu finden, ein harmonisches Verhältnis zwischen Yin u. Yang zu suchen. Wir im Westen sehen das genau andersherum: "nur" mittelmäßig zu sein ist langweilig, wir treiben uns zu Spitzenleistungen an und wollen überall die Besten sein. Gelingt das nicht (was öfters vorkommt), verfallen wir ebenso leicht in Lethargie und Depression. Übertriebenes Leistungsstreben betont das Yang zu stark; das Yin kommt nicht zum Zuge, wird zu sehr konsumiert und wirft zuletzt den Rettungsanker: ich brauche Schonung, Ruhe, ich muss auch zu meinem Recht kommen, damit es dir als Mensch gut geht! So stellt sich ein Herzinfarkt als extreme Form dar, das Yang zu bremsen um das Yin zu bewahren und so das Leben zu retten!
Phasen der Depression sind Ruhephasen, die das Yin überbetonen; das Yang = die freie Entfaltung von Aktivität ist blockiert. Hier muss das Yang aktiviert werden, um wieder Schwingungsfähigkeit herzustellen und aus der Stagnation herauszukommen.
Qi:
Vermitteln Yin und Yang die Vorstellung einer Polarität, die allen Dingen und Wesen innewohnt, wird damit die Wirklichkeit in Zwei geteilt. Die darin enthaltene Spannung wiederum lässt ein Drittes entstehen, eine Kraft, eine Energie, die Bewegung und Lebendigkeit ermöglicht. Die Chinesen nennen diese Kraft Qi.
Qi ist ein Begriff, der überall dort verwendet wird, wo nicht materielle energetische Prozesse wirksam sind. Die große Bedeutungsvielfalt von Qi zeigt sich in der chinesischen Literatur, wo Qi sowohl Dampf, Wolke, Atem, Geist, Geruch, Wetter, Wut, Lebensenergie u.v.m. bedeutet.
Das Schriftzeichen von Qi setzt sich aus Dampf und Reis kochen zusammen, also der Dampf, der beim Essenkochen entsteht.
Bei der Darstellung von Qi ist immer die Idee von strömen, sich verbreiten und fließen vorhanden, etwas Feinststoffliches, das in Bewegung ist. Die Chinesen sagen: Der Mensch lebt inmitten von Qi wie ein Fisch im Wasser. Qi ist überall: im Kosmos, auf der Erde, im Menschen!
Qi belebt, erwärmt, ernährt, verwandelt. In der chinesischen Medizin bezeichnet Qi konkret die aktiven Prozesse im Menschen, seine Lebensenergie, seine Vitalkraft. Qi ist der nichtstoffliche Anteil, der hinter allen materiell sichtbaren Vorgängen steht. Jedes Organ, jedes Gewebe, jedes Sinnesorgan wird tätig (lebt) durch Qi.
Der Mensch steht zwischen Himmel und Erde, sein Qi muss daher Anteile aus beiden Bereichen haben.
das himmlische Qi = Sauerstoff, Strahlung, auch klimatische Einflüsse (Da Qi)
das irdische Qi = Nahrungsenergie (chin. wuwei = die 5 Geschmacksrichtungen)
Der Mensch selber trägt in sich das vererbte Qi, sein Vermögen, auf Einflüsse zu reagieren (Yuan Qi = Qi des Ursprungs). Es macht die Gesamtheit seiner Anlagen aus.
Diese 3 Energieformen vermischen sich, werden synthetisiert zu einer Energie, die in genau festgelegten Bahnen durch den Körper pulsiert. (Zhen Qi = reine Energie)
Diese Leitbahnen der Energie (auch Meridiane) sind Wege, auf denen das Qi besonders konzentriert ist. Die Meridiane sind die äußeren Verteilerwege für die inneren Organe (chin. Zangfu), über die sie (die Organe) ihren Einfluss nach außen verbreiten.
Jedes Organ hat seinen speziellen Meridian, es gibt 12 Hauptmeridiane, die innen und außen, oben – unten, links – rechts verbinden. Sie formen so ein Netzwerk, das alle Gewebe und Organe zu einem Ganzen verknüpft. Auf diesen Meridianen liegen, genau lokalisiert, Reizstellen (Qi-Höhlen), über die auf das Qi und seine Zirkulation Einfluss genommen werden kann.
Das ist die Grundlage für eine Methode in der chinesischen Medizin, die Akupunktur. Die Zirkulation von Qi in den menschlichen Leitbahnen hat ihre Analogie am Himmel in den Bahnen der Sterne und auf der Erde in den Verläufen der großen Flüsse.
Die Zirkulation des Qi, unserer Lebensenergie durch das Meridiansystem folgt einem zeitlichen Rhythmus. Jedes Organ ist über seinen Meridian für 2 Stunden besonders aktiv. Man spricht von einer biologischen Uhr, die entsprechend eines 24 Stunden- Rhythmus tickt. Die Maximalzeiten, d. h. die Doppelstunden maximaler Aktivität sind für die chinesische Medizin sehr wichtig. Treten bestimmte Symptome immer zu einer bestimmten Stunde auf oder werden sie dann besser, lässt dies Rückschlüsse auf die gestörte Organfunktion zu, die mit der Zeit korreliert.
z. B. Wachwerden nachts um 1-3 Uhr = Leber, Atemnot 3 – 5 Uhr = Lunge, kolikartige Schmerzen um Mitternacht = Gallenblase.
Auch für die eigene Lebensführung lassen sich die Maximalzeiten nutzen:
Dickdarm = 5 – 7.00 Uhr; bei Verstopfung den Darm trainieren auf diese Zeit
Magen = 7 – 9.00 Uhr: die wichtigste Mahlzeit ist das Frühstück!
Gallenblase = 23 - 1 Uhr: wichtige Entscheidungen trifft man im Schlaf!
Bei Langzeitmedikation lassen sich Medikamente einsparen, wenn man die Einnahme auf die Maximalphase des gestörten Organs beschränkt. 3 x tgl. muss nicht sein. Die Reaktionsfähigkeit des gestörten Organs ist in seiner Maximalzeit wesentlich höher.
5 Wandlungsphasen:
Ein weiteres Denkmodell, das die zyklischen Bewegungen des Qi, der Lebensenergie, darstellt, ist das System der 5 Wandlungsphasen, chin. Wuxing. Wenn die Polarität von Yin und Yang das Leben als vielseitige Grauschattierung beschreibt, machen die 5 Wandlungsphasen das Leben bunt.
Wuxing bedeutet: 5 Durchgänge, 5 Bewegungen; es werden also 5 Stadien oder fünf Wandlungstendenzen des Qi damit beschrieben, die einem Zyklus folgen.
Alles Leben, alle Dinge werden geboren, wachsen, kommen zu und sterben. Dieser Wandel findet statt in der Natur, im menschlichen Lebenszyklus, in Projekten, in der Arbeit, in allen Bereichen menschlichen Erlebens.
Man bezeichnet diesen Zyklus auch Hervorbringungszyklus, in dem eine Phase (Element) die Voraussetzung für das gute Funktionieren der nächsten Phase ist. Den 5 Wandlungsphasen werden eine Vielzahl von entsprechenden Funktionen zugeordnet, u.a. auch die wichtigsten Organfunktionen:
Die 5 Wandlungsphasen sind:
HOLZ: Phase der Geburt, des Entstehens und des Frühlings; im Mikrokosmos die Leber und Gallenblase
FEUER: Phase des Blühens, der üppigen Fülle und des Sommers; im Mikrokosmos Herz und Dünndarm
ERDE: Phase der Reife, Integration und des Spätsommers; im Mikrokosmos Mensch Milz (-Pankreas) und Magen
METALL: Phase der Ernte, des Verfalls und des Herbstes; im Mikrokosmos die Lunge und Dickdarm
WASSER: Phase des Sterbens, der Speicherung und des Winters; im Mikrokosmos die Niere und Blase
Die chinesische Medizin bezeichnet diese Beziehungen im Hervorbringungszyklus (Sheng-Zyklus) auch als Mutter – Kind – Beziehung. Jede Phase ist als Mutter die Bedingung bzw. Voraussetzung für eine gute Entwicklung des Kindes.
Ein guter Frühling ist die Voraussetzung für einen schönen Sommer, ein guter Plan ist die Voraussetzung für ein schönes Haus, eine harmonische Kindheit bildet die Grundlage für eine selbstbewusste Persönlichkeit.
Diese Mutter-Kind-Beziehungen gelten analog zwischen bestimmten Organfunktionen: Eint Beispiel mag genügen: Die Leber (Holz) ist die Mutter des Herzens (Feuer). Ist die Mutter schwach (oder zu selbstsüchtig, um abzugeben) wird das Kind leiden und Symptome produzieren (z. B. Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Traurigkeit, Herzklopfen, Bluthochdruck, Brustenge). Kommt nun der westliche Arzt und sieht das kranke Kind, sagt: er: Na, mein Kleiner, was fehlt dir denn? und gibt ihm Vitaminpillen, Schlaftabletten und Herzmedikamente. Das Kind aber schreit: nein, das mag ich nicht, siehst du denn nicht, dass meine Mutter krank ist? Ich krieg nicht genug zu futtern!!!
In diesem Fall muss aus der Sicht der chinesischen Medizin die kranke Mutter behandelt werden. Erst dann ist sie wieder in der Lage, ihr Kind so zu versorgen wie es nötig ist; damit es wachsen und gedeihen kann. Das Kind braucht nun nicht mehr zu schreien, (d. h. Symptome zu produzieren) und ist glücklich.
Alle Mütter können das gut verstehen! Wenn das Kind krank ist und schreit, liegt das oft an der schwachen Mutter. Geht es der Mutter wieder gut, dann freut sich auch das Kind!
Die Chinesen, die als sehr familienbewusst gelten, beschreiben im Mikrokosmos Mensch ähnliche Beziehungen zwischen Mann und Frau, Großvater und Enkel etc. und symbolisieren damit sehr schön die enge Verflechtung, die die Organfunktionen miteinander haben und wie sehr sie voneinander abhängen.
Die Lehre von den Funktionskreisen und ihren Bildern:
Nun ist es an der Zeit, ein weiteres Konzept der chinesischen Medizin einzuführen nämlich das der die Funktionskreise (chin. Zangfu). Wie schon erwähnt, liegt der Fokus der chinesischen Medizin auf Funktionszusammenhänge, auf energetische Prozesse, die sich in einer Polarität (Yin-Yang) abspielen und zyklisch verlaufen (5 Wandlungsphasen). Die Lehre von den Zangfu beschreibt das Zusammenspiel eines Yin-Organs (Zang) mit einem Yang-Organ (Fu) und welche Funktionsbereiche davon erfasst werden.
Jeder Funktionskreis (eine Zusammenfassung ähnlich gerichteter Funktionen) hat sein eigenes Qi (hier auch als Einfluss zu übersetzen), und ist verantwortlich für eine grundlegende Funktion, die sich auf allen möglichen Ebenen des menschlichen Seins abspielen kann: körperlich, geistig, seelisch, emotional, sozial, kosmisch! Gleichermaßen wirken bestimmte kosmische Einflüsse (das Qi der Natur) wie Klima, Jahreszeit, Gezeiten, Tag-Nacht-Rhythmus auf die ihr entsprechende Organfunktion.
Man könnte sagen: Die Lehre von den Funktionskreisen beschreibt die systematische Verknüpfung und Vernetzung ähnlich gerichteter Funktionen und Prozesse im Mikro- und Makrokosmos. Der Mensch steht zwischen Himmel und Erde, das Wirken im großen Weltall spiegelt sich wieder im Kleinen!
Im Folgenden möchte ich einen Funktionskreis näher besprechen, die Lunge (Fei), welche der Wandlungsphase Metall zugehört und mit dem Yang-Partner Dickdarm (Da Chang) gekoppelt ist.
An dieser Stelle ist noch wichtig zu erwähnen, dass die chinesische Beschreibung von derartigen Funktionszusammenhängen der westlichen Medizin fremd ist. Die Zukunft wird zeigen, inwieweit die Schulmedizin sich solchen Überlegungen öffnet oder sie als absurd bzw. spekulativ abwertet. Die traditionelle chinesische Medizin ist über 2000 Jahre alt. Sie hat 2000 Jahre Zeit gehabt, diese Funktionszusammenhänge immer wieder neu zu prüfen und zu verifizieren. Damit zählt sie zu den beständigsten Medizinsystemen der Welt. Die heutige Schulmedizin, die aus dem Wirken des Rudolf Virchow entstanden ist, ist kaum 150 Jahre alt und seither ständig verändert worden. Seine Lehre der Zellpathologie begründet sich auf toter Materie, die chinesische Medizin auf lebendige Prozesse.
Der Funktionskreis Lunge (Fei):
1. Ihre grundlegende Funktion:
die Lunge ist verantwortlich für die Synthese und Verteilung des Qi. Die Lunge kontrolliert also das Qi. Die Chinesen sagen: "die Lunge beherrscht das Qi"!
Die Synthetisierung der Lebensenergie erfolgt rhythmisch durch die Atmung, weshalb ein alten Klassiker der chinesischen Medizin, das Neijing, die Lunge "als einen Minister, von dem ein geordneter Rhythmus ausgeht" beschreibt. Das Neijing ist ca. 2000 Jahre alt.
Die Lunge ist die Instanz für eine rhythmische Energieentfaltung auf allen Ebenen:
körperlich – Atmung, Pulsrhythmus, rhythmische Bewegungsabläufe beim Gehen, Tanzen, Sprechen;
geistig – Wach-Schlafrhythmus, Wechsel von rationalen und intuitiven Denken;
emotional – rhythmischer Wechsel der Gefühle, der situationsabhängig ist;
psychisch – Triebentfaltung und Triebbefriedigung;
sozial – die Anpassung an Fremdrhythmen, an einen Arbeitsrhythmus (Schichtarbeit, Arbeit- und Freizeitverhältnis, Arbeitslosigkeit)
kosmisch: – die Anpassung an sich verändernde Witterungsbedingungen und planetarische Einflüsse.
Rhythmus ist immer Eigenrhythmus und ist ein wesentliches Merkmal für die Lebendigkeit eines Wesens ("pulsierendes Leben"). Wer seinen Rhythmus gefunden hat, lebt zufrieden und kreativ, wer seinen Rhythmus verloren hat, wird krank, starr, seine Funktionen geraten aus dem Takt. Auch Fremdrhythmen, die den eigenen Rhythmus sehr stark überlagern bzw. blockieren, können Störungen bewirken: z. B. Nachtarbeit, Fließbandarbeit, starker sozialer Druck (Außenseiter, Sündenbock), Flugreisen ( Jet lag) etc. Ebenso können radikale, gewaltsame Veränderungen im Leben wie z. B. ein schwerer Verlust, ein Sterbefall, ein Verlassenwerden vom Partner, Arbeitslosigkeit und auch der Eintritt ins Rentendasein zu Funktionsstörungen im Funktionskreis Lunge führen.
Dies alles zeigt die große Bedeutung der Lunge im Konzert der einzelnen Funktionskreise. Gesundheit bedeutet Schwingungsfähigkeit in allen dynamischen Prozessen. Wer krank wird, hat diesen Rhythmus verloren!
2. ihre funktionelle Darstellung:
gemeint ist der Aspekt, welcher den Funktionskreis am deutlichsten sichtbar macht. Für die Lunge sind dies die Haut u. Körperbehaarung sowie die Schweißdrüsen. Die Haut ist unser größtes Organ die erste Verteidigungsfront gegen Fremdeinflüsse. Hier befindet sich eine besondere Qualität von Qi, die Schutzenergie (Weiqi). Hier finden Abgrenzungen statt, Grenzziehungen, die notwendig sind, um die eigene Integrität, den Eigenrhythmus zu wahren.
Gesund ist ein rhythmischer Wechsel von Nähe und Distanz, aufnehmen und ausscheiden, sich öffnen und verschließen, zulassen können und abwehren. Dies bezieht sich nicht nur auf Fremdeinflüsse wie Viren, Bakterien, Strahlen, Wind und Kälte sondern auch auf soziale Beziehungen und auf Reize jeglicher Art wie Gefühle, Ideen, Phantasien, Bedürfnisse, Sehnsüchte etc.
Krank macht, wo dieser rhythmische Wechsel gestört ist. Die Abgrenzung ist entweder total, man hat dicht gemacht und lässt nichts mehr an sich herankommen. Aber auch das andere Extrem ist pathologisch: zu starkes Aufnehmen von Fremdeinflüssen, über-sensibel sein für atmosphärische Schwingungen (Wetterfühligkeit, Allergien) und für die Stimmungen der Mitmenschen. Wer nach allen Seiten offen ist, ist nicht ganz dicht!
Solche Menschen sind leicht die Mülleimer der Nation, der Schuttabladeplatz allen menschlichen Elends. Die Folgen dieser überstarken Aufnahmebereitschaft von Einflüssen sind Überbelastung des Stoffwechsels und daraus resultierend Verstopfung auf allen Ebenen und Ausscheidungsprobleme. Nicht umsonst ist der Partner der Lunge aus der Sicht der chinesischen Medizin der Dickdarm, also die Instanz der Ausscheidung und inneren Reinigung (Läuterung) per se.
Verstopfung und andere Funktionsstörungen des Dickdarms zeigen sich auf der Haut als Ausschläge, Pickel, Mitesser und anderem.
Was der Darm nicht mehr ausscheiden kann, geht über die Haut nach außen. Dies sind lebensnotwendige Ausscheidungsprozesse, die nicht unterdrückt werden dürfen! Dies ist ein Notausgang! Wird auch der noch zugestopft, geht die Störung nach innen und materialisiert sich.
In der Praxis sind solche Beziehungen oft zu sehen. Ein schweres Lungenproblem (Asthma, chron. Bronchitis) ist auf dem Boden eines unterdrückten Hautausschlages entstanden; bessern sich die Lungenbeschwerden, erscheint der Hautausschlag wieder und fordert seine gerechte (richtige) Behandlung. Die Haut ist der Teppich der Seele, sagen die Chinesen. Daraus folgt, dass psychische Probleme, verstopfte Gefühle, nicht gelöste Konflikte, ein schwerer Verlust sich äußerlich auf der Haut manifestieren können. Wir sagen: "Es wächst mir über den Kopf" und leben in einer ständigen Stressbereitschaft und haben Schuppen oder: "ich fühle mich in meiner Haut nicht wohl" und entwickeln Ausschläge und Pickel als Reaktion auf eine frustrierende Lebenssituation.
3. ein Sinnesorgan:
für den Funktionskreis der Lunge ist es die Nase, das Geruchsvermögen, oder ganz allgemein unsere Sensibilität auf Fremdeinflüsse. Wir sagen: ich kann diesen Menschen nicht riechen und meinen, er ist uns zuwider, bei dem müssen wir uns deutlich abgrenzen. Die Witterung im zwischenmenschlichen Bereich ist hier gestört.
Witterung kommt von Wetter; Wetterfühligkeit bedeutet, empfindlich zu sein gegen atmosphärische Schwingungen. Diese Witterung bekommt mir nicht bedeutet: diese Schwingung stört meinen Rhythmus, ich kann mich nicht frei entfalten und muss leiden und verschließe mich.
Viele Krankheitsbilder haben diese Verschlimmerung durch Wetterwechsel:
z. B. der Migräneanfall beim Föhn, rheumatische Schmerzen werden stärker bei nasser Kälte etc. Wenn die Atmosphäre in einem sozialen System gestört ist (Familie, Betrieb), zieht jeder sich in sich zurück und grenzt sich ab. Man wittert Unheil und baut seine Verteidigung auf; Tiere wittern ihre Beute, Feinde, Sexualpartner; wenn zwei Menschen sich kennen lernen, beschnuppern sie sich erstmal, um festzustellen, ob die Grenzlinien respektiert werden, ob Gefahr droht oder ob es sich lohnt, die Grenzen zu verändern und mehr Nähe herzustellen. Dies alles umfasst die Nase als Sinnesorgan und wird von der Lunge beherrscht.
Unser Sinnesorgan die Nase auf das bloße Riechvermögen zu reduzieren oder Störungen derselben nur auf einen banalen Schnupfen zu begrenzen wird der Vielseitigkeit dieser Funktion aus der Sicht der chinesischen Medizin sicher nicht gerecht.
4. Eine Geschmacksrichtung:
der Lunge entspricht das Scharfe und Pikante. Scharf gewürztes Essen wirkt zerstreuend, bringt das Qi in Bewegung und ist schweißtreibend; starkes Verlangen nach oder Abneigung gegen scharf gewürztes Essen weist auf eine Störung im Lungenfunktionsbereich hin. Ebenso wird eine schwache Lungenenergie mit gut gewürzten Speisen ergänzt und aufgebaut.
5. Spezielle Nahrungsmittel:
Speisen, die besonders auf die Lungen-Energetik einwirken, sind: Reis, Ingwer, Knoblauch, Zwiebeln, Sellerie, alle Nahrungsmittel, die weiß aussehen (im analogen Denken ist die weiße Farbe die farbliche Entsprechung der Lunge), z. B. Fisch, Kalbsfleisch, Putenfleisch, ferner Pfirsich, Birne, Pfefferminze und v. a. m.
Auch Tabak (Nikotin) stimuliert die Lungenenergie. So ist der süchtige Raucher eigentlich ein Lungenschwächling, der kompensatorisch versucht, dies Defizit auszugleichen. Die tiefe Inspiration und das Inhalieren beim Rauchen entspricht dem Versuch, besser Luft zu bekommen und mehr Inspirationen. Die Zigarettenwerbung ist voll von der großen weiten Welt, die wir mit der geeigneten Zigarettenmarke einsaugen. Aber eigentlich ist nur das aufgeregte Männchen in der Werbung einer bestimmten Zigarettenmarke wirklich authentisch und führt uns die anfänglich beruhigende Wirkung der Zigarette vor.
Versuch – Suchen – Sucht; wo der Mensch nur noch mangelhaft inspiriert wird, sucht er nach Dingen, die ihm kurzzeitig Befriedigung verschaffen, aber doch nur Ersatz sind für die fehlende Schwingungsfähigkeit mit den kosmischen Energien.
6. Eine Jahreszeit:
Unter den Jahreszeiten ist es der Herbst, welcher der Lunge entspricht.
Ein chinesischer Medizinklassiker, das Neijing, sagt dazu:
"Die 3 Monate des Herbstes sind gekennzeichnet durch Ernte und Einsammeln der Feldfrüchte. Das himmlische Qi wird heftiger, das irdische Qi wird klarer. Jetzt sollen die Menschen früh ins Bett gehen, und früh (beim Hahnenschrei) aufstehen. Sie sollen ihren Geist beruhigen, um die Härte des Herbstes zu lindern (durch das Vergehen der sommerlichen Pracht lässt die Lebensfreude nach und es entsteht. leicht Traurigkeit und Melancholie). Der Mensch soll nicht länger seinen Blick auf die äußerlichen Dinge richten, sondern er soll sich seinem Inneren zuwenden und seine Lungenenergie durch richtiges Atmen stärken. Dies alles ist im Einklang mit den Energien des Herbstes. Dies entspricht dem Dao (dem richtigen Weg) der Sammlung und Läuterung und fördert die Gesundheit. Wer sich diesen Regeln widersetzt, wird seine Lungen schwächen. Dann werden im Winter Verdauungsstörungen auftreten und es wird wenig Kraft da sein, um die Speicherung des Winters zu vollziehen. (Winter = der Jahreszeit der Speicherung und das Auffüllen der Kraftreserven)"
Soweit das Neijing, geschrieben ca. 100 vor Christus.
Nun ist der Herbst ja auch ein Symbol für den Lebensabend eines menschlichen Lebens. Die Bewegungen in der Natur haben ihre Entsprechung auch im Menschen. Dies ist eine Zeit, in der die Früchte des Lebens geerntet und genossen werden können, eine Zeit, in der aber auch Abschied von der üppigen Lebensfülle des Sommers genommen werden muss. Trennung, Abschied, Loslösung ist angesagt: die Kinder gehen aus dem Haus, die eigenen Eltern sterben, leicht bleibt eine Leere nach, die irgendwie gefüllt werden muss. In dieser Phase ist der Mensch wieder auf sich selbst zurückgeworfen, er muss sein Leben neu bewerten und strukturieren, er muss Klarheit finden. Dem Dao des Herbstes folgend, muss der Mensch lernen, äußere Dinge (Geld, Besitz) nicht mehr so wichtig zu nehmen, den Geist zu beruhigen und eine innere Reinigung und Läuterung vorzunehmen. Viele suchen in diesem Lebensabschnitt einen spirituellen Weg, einen Meister oder Guru, der ihnen hilft, die Härte ihres Herbstes zu mildern. Probleme in diesem Loslösungs- und Reinigungsprozess bringen den Menschen leicht in eine Depression. Gerade jetzt kann durch richtiges Atmen (Atemtherapie) die Lungenenergie gekräftigt werden und ein neuer belebender Rhythmus gefunden werden. Erst durch erneute Inspiration kann ein fruchtbarer Zugang zu dem Herbst des Lebens gefunden werden, kann die Furcht vor dem Tod gelindert werden und ruhige Gelassenheit für den Lebensabend einkehren.
7. Eine Emotion:
der gefühlsmäßige Ausdruck der Lunge ist die Trauer, Traurigkeit, Kummer, niedergeschlagen sein, ängstlich besorgt. Trauer zu empfinden ist eine gesunde Reaktion auf einen Verlust. Jedes Gefühl hat seine Bedeutung und Daseinsberechtigung im menschlichen Leben. Trauer ist wichtig, um loslassen zu können, um frei zu werden für neue Bindungen. Von einer gestörten Emotion spricht man dann, wenn sie entweder unterdrückt wird oder zu exzessiv, zu lange ausgelebt wird. Die chinesische Medizin beschreibt, dass zu starke Trauer das freie Fließen des Qi behindert und Schmerzen in der Rippengegend, Verdauungsstörungen, Reizbarkeit und Depressionen verursacht; zuletzt wird auch die Seele verletzt. Wenn die Fähigkeit zu trauern gestört ist, kann also der Mensch auf allen Ebenen erkranken.
8. Eine geistig-seelische Qualität:
in der Lunge ist die Körperseele, chin. Po beheimatet. Po ist der Teil der Seele, der am Körperlichen haftet; Die Körperseele Po ist verantwortlich für alle vegetativen, unbewussten Prozesse, für Triebe, Instinkte und für den Selbsterhaltungstrieb.
Das chinesische Schriftzeichen stellt einen weißen Dämon dar, einen sichtbaren Geist. Po haftet am materiellen, steht für Begierden und bedingungslose Triebbefriedigung. Po will haben, will besitzen, will mehr und immer mehr. Nach der chinesischen Philosophie sinkt Po beim Tod des Menschen zur Erde und zerfällt nach einiger Zeit, während der geistige Anteil der Seele Hun zum Himmel steigt und sich wieder mit dem göttlichen Geist Shen vereinigt.
Während des menschlichen Lebens führt nur die Harmonie von Hun und Po, von Geist- und Körperseele zur Selbstverwirklichung. Haben und Sein sollten sich die Waage halten. Jede einseitige Fixierung auf eine Seite lässt die andere Seite leiden und krank werden. (Wie schon in der Polarität von Yin und Yang aufgezeigt). Bedürfnisunterdrückung ist genauso sinnlos wie in den Wolken geistiger oder religiöser Theorien zu schweben.
Wie sagt Laozi in seinem 10. Vers: "Kannst Du Deine Geist- und Körperseele vereinigen, und so deine Ganzheit erlangen?"
Die Körperseele Po sitzt also in der Lunge; die Geist-Seele Hun wohnt in der Leber. Hun ermöglicht spirituelles Wachstum und stellt die geistige Präsenz im Menschen dar.
9. Ein Planet:
für die Lunge der Tai Baixing = der große weiße Planet, oder die Venus.
Venus steht für Wertschätzung, Qualität, Niveau im Leben, Venus will bewundert werden. Der Venusbereich im Horoskop gibt an, in welchem Maße wir unserem Leben Qualität verleihen; ist die Venus stark repräsentiert, haben wir Klasse, Rasse, Schönheit, werden begehrt. Die Venus kontrolliert den Haben-Bereich, das Verhältnis von Geben und Nehmen, sammeln und loslassen. Das Besitzen wollen kann sich auf alle möglichen Dinge beziehen: Geld, Kapital, Wissen, Bücher, Schrott, Briefmarken, den Partner etc. Die Balance zwischen festhalten und loslassen bedeutet Gesundheit, einseitige Fixierungen lassen Geizhälse, Verschwendungssucht, Dogmatiker, Pfennigfuchser, Dukatenscheißer, Korinthenkacker usw. entstehen.
Sammelwütige haben eine Störung im Dickdarm! Der Funktionskreis Dickdarm entspricht der Müllabfuhr im Menschen. Er dient der Ausscheidung von Müll und Schlacken, also von Dingen, die eigentlich ohne Gebrauchswert sind. Gerade Sammler von antiken Gegenständen sind fixiert auf alte Sachen. Sie geben unbrauchbaren Dingen einen neuen Wert. Jeder Sammler weiß, dass irgendwann ein zwanghaftes Streben nach Vervollständigung der Sammlung eintritt. Bedeutet nicht dieser Wunsch nach Vollständigkeit äußerer Dinge auch einen Versuch, die eigene Perfektion zu erlangen? Es wäre interessant, Studien anzustellen über spezielle Krankheitsbilder von professionellen Sammlern, Schrotthändlern und Antiquaren. Wahrscheinlich würde man dort vermehrt Ausscheidungsprobleme und Erkrankungen des Lungenfunktionskreises finden.
Die Darstellung der Venus als wertschätzender Planet kommt eigentlich mehr aus der westlichen Astrologie. In der chinesischen Astrologie ist die Venus der Metall-Planet und korrespondiert mit dem Westen und dem Herbst. Er leitet Kriege und Zerstörung und regelt das Bestrafen und das Hinrichten. Im alten China war der Herbst die Jahreszeit für Bestrafung und anderen Bitternissen. Dies entsprach dem Dao der Natur in dieser Jahreszeit.
Wann immer im alten China ein Reich Krieg führen wollte, wurde eine günstige Venuskonstellation abgewartet. Die westliche Astrologie betont mehr den Yin-Aspekt, das Weibliche der Venus, die chinesische Astrologie stärker den Yang-Aspekt, das Männliche in der Venus. Auch hier wieder ein Beispiel der Komplementarität zwischen westlichem und östlichem Denken.
10. sittliches Verhalten:
die Tugend oder das sozial erwünschte Verhalten, welches der Lunge entspricht, ist Gerechtigkeit und Pflichtgefühl.
Unter Sitte verstehen wir eine Verhaltensnorm, Gewohnheit oder Brauch; eine soziale Regelung in einer Gesellschaft, die auf Normkonvention beruht und das Zusammenleben der Menschen verbindlich regelt. Ein Verstoß gegen die "guten Sitten" ist eine Verletzung gesellschaftlicher Verhaltensnormen und wird sanktioniert.
Gerechtigkeit ist so die Tugend der richtigen Behandlung der Mitmenschen (richtig kommt von Recht) auch: Rechtschaffenheit;
Pflichtgefühl ist der Sinn und das Streben, seine Pflichten erfüllen. Pflicht kommt von pflegen; das, was man tun soll, damit es seinen Mitmenschen gut geht; die Pflege der sittlichen Forderungen einer Gesellschaft.
Kurz: Wir haben es hier mit dem Zusammenspiel von Pflichten und Rechten zu tun, die eine soziale Gemeinschaft regelt; wieder das Verhältnis von geben und nehmen. Auch hier finden wir die Polarität von Yin und Yang: jede einseitige Fixierung macht krank, hier sozial auffällig.
Wird Gerechtigkeit stark übertrieben, entsteht ein Schubladendenken: Hier die guten Menschen, dort die bösen. Dies führt zu einer moralisierenden Bewertung menschlichen Verhaltens im Sinne von: "das tut man nicht", "das darfst du nicht" etc. Der so urteilende Mensch ist der ewige Richter und Ankläger. Er neigt zu Vorwürfen und Schuldzuweisungen und kritisiert alles, was nicht seinen Rechtsnormen entspricht. Er ist das personifizierte schlechte Gewissen. Solche Menschen führen ständig Prozesse, sie verfolgen andere mit ihren Rechtsnormen und wollen doch immer nur "ihr Recht" haben. Die andere Seite ist die, dass Gerechtigkeit nicht oder nur wenig empfunden wird. Das Verhalten den Mitmenschen gegenüber ist gleichgültig oder berechnend und selbstsüchtig. Extreme Formen entwickeln sogar ein kriminelles Verhalten.
Wird Pflichtgefühl stark übertrieben, dann wird jede Kleinigkeit wichtig. Solche Menschen sind spitzfindig, pedantisch und kleinkrämerisch. Korinthenkacker, Dukatenscheißer sind volkstümliche Ausdrücke für dieses zwanghafte Pflichtgefühl, welches weniger die soziale Gemeinschaft pflegt als umso mehr eigene Bedürfnisse nach Größe und Macht.
Wir finden die Verkörperung dieser sittlichen Tugenden von Gerechtigkeit und Pflichtgefühl in vielen Verwaltungen des öffentlichen Lebens, in den Behörden. Es sollte mich nicht wundern, bei den Beamten vermehrt Dickdarm- und Lungenerkrankungen zu finden.
Jede zwanghafte Handlung, die sich verselbständigt hat und nicht mehr der Erhaltung einer sozialen Gemeinschaft dient, ist eine potentielle Störung dieser beiden Funktionskreise Dickdarm und Lunge. Ich denke da auch an bestimmte zwanghafte Sauberkeitsrituale mancher Hausfrauen, die aus falsch verstandenem Pflichtgefühl die Wohnung ständig blitzblank halten, in Wahrheit aber andere Inspirationen brauchen, um wieder belebt zu werden!
11. Traummotive:
Wenn das Lungen-Qi geschwächt ist, träumt der Mensch von weißen Gegenständen, von Geistern und von blutrünstigen Mördern. Ist das Lungen-Qi gestaut, weint man im Schlaf oder man schwebt durch die Luft. Wird die Lungenenergie schrägläufig (d. h. verliert sie ihren Rhythmus) träumt man von seltsamen Gegenständen aus Metall, die durch die Luft fliegen.
Was hier für die Funktionskreise Lunge und Dickdarm, die der Wandlungsphase Metall entsprechen, dargestellt wurde, ließe sich ebenso für die anderen Wandlungsphasen und den damit verknüpften Funktionspaaren darstellen. Das Ergebnis wäre ein Netzwerk zwischen Mensch u. Kosmos, in dem alle möglichen Ebenen unseres Seins systematisch verknüpft und geordnet sind und ein Menschenbild entstehen lässt, das wahrhaftig ganzheitlich zu nennen ist!
Die oben aufgezeigten Entsprechungen der Wandlungsphase Metall sind nur ca. ein Drittel aller möglichen Entsprechungen. Es wurde der Mensch vorgestellt als multifaktorielles Wesen, dessen Dasein körperlich, geistig, seelisch, emotional, sozial und kosmisch geprägt ist.
Was leistet nun die chinesische Medizin?
Die Kritiker werden sicherlich mit Skepsis meine Ausführungen über das Funktionspaar Lunge – Dickdarm verfolgt haben und sich jetzt fragen: "Ja, das ist alles gut und schön, aber kann mir die chinesische Medizin auch helfen bei meiner Migräne, meinem Magengeschwür, den Verdauungsstörungen, Rheuma, Allergie, Bronchitis, Hautausschlag?"
Um diese Fragen zu beantworten, müssten die wichtigsten Therapieformen in der chinesischen Medizin vorgestellt werden. Dies soll in einem anderen Artikel erörtert werden.
Was ich hier versucht habe, ist darzustellen, dass der Schwerpunkt, der Fokus in der chinesischen Medizin bei subjektiven Befindensstörungen liegt, bei Funktionsstörungen also, die sich auf allen möglichen Ebenen zeigen können.
So auch die Diagnose: nicht der Befund wird festgestellt (also objektive Messergebnisse des Labors), sondern der subjektive Leidensdruck des Patienten wird berücksichtigt. Alle möglichen Lebensbereiche des Patienten werden gleichberechtigt erfasst, viele verschiedene Einzelsymptome werden systematisch vernetzt und weisen deutlich auf einen oder mehrere gestörte Funktionsbereiche hin, der dann mit Nadeln, Wärme, (Moxa), Massage, Diät oder Pflanzentherapie gestärkt und wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.
Die chinesische Diagnose bedient sich ausschließlich der 5 Sinne, um Störungen festzustellen. Sie kennt die 4 diagnostischen Verfahren, um Krankheiten zu erkennen, nämlich die Befragung, Hören-Riechen, die Betrachtung und das Tasten. Es ist klar, dass damit nur aktuelle, gegenwärtig ablaufende energetische Störungen festzustellen sind. Auch die westliche Medizin kennt diese 4 diagnostischen Verfahren, sie verlässt sich jedoch heute weitgehend auf die Labortechnik, auf Röntgenbilder und Ultraschall.
Die Schulmedizin leistet Hervorragendes, wenn es um die Feststellung von organischen Krankheiten geht, dort wo sichtbare Veränderungen, degenerative Prozesse, Tumorbildungen stattgefunden haben. Dies fällt eindeutig in die Domäne der Schulmedizin.
Aber: Jede Erkrankung, die sich materiell manifestiert, ist ein Spätzustand, ist eine chronische Erkrankung! Jede organische Erkrankung ist eine angehäufte, lang andauernde funktionelle Entgleisung. Da, wo Organe oder Gewebe bereits zerstört sind, kann auch die chinesische Medizin nur noch lindernd eingreifen. Sie kann keine degenerativen Prozesse rückgängig machen, noch kann sie fehlende Organe ersetzen. Sie kann aber solche Prozesse aufhalten und Begleiterscheinungen mildern, nur in seltenen Fällen sogar beseitigen.
Die Stärke der chinesischen Medizin und insbesondere der Akupunktur liegt dort, wo (noch) Funktionsstörungen vorherrschen. Sie kann Frühzustände erfassen und ist damit die ideale Prophylaxe. Hier kann sie gezielt und treffsicher Störungen erkennen und behandeln, bei denen die westliche Medizin oft rat- und hilflos ist und bloß symptomatisch behandeln kann. Alle Krankheitsbilder ohne organischen Befund, alles, was psychosomatisch, vegetativ bedingt ist und oft einen starken subjektiven Leidensdruck erzeugt, können wir mit der chinesischen Medizin systematisch diagnostizieren und behandeln. Das sind heute über 60% aller Krankheitsbilder!
Behandelt wird der ganze Mensch in seiner gestörten Beziehung zu sich und seiner Umwelt. Seine Krankheit zeigt in ihrer allgemeinsten Form ein gestörtes Verhältnis zwischen Yin und Yang und damit eine Störung im freien Fluss seiner Lebensenergie Qi. Dieses Qi ist nicht nur im Menschen vorhanden, sondern belebt auch die Natur, ja sogar das ganze Weltall. Dieses Qi ist die Kraft, mit der Flüsse ins Meer strömen, die Berge und Kontinente versetzt und sogar Planeten bewegen kann, wenn sie frei fließen kann.
Wenn es uns ebenfalls gelingt, das Qi im Menschen wieder in den freien Fluss zu bringen, dann erlangt dieser seine volle Schwingungsfähigkeit zurück. Dann, liebe Leserin, können wir damit Selbstheilungskräfte anregen, die alles zu heilen vermögen, was im Lebensplan unseres Patienten angelegt ist!
Literaturhinweise:
U. Lorenzen/A. Noll: Die Wandlungsphasen der Traditionellen Chinesischen Medizin, Band 1-5 (Holz, Feuer, Erde, Metall Wasser), München, 1992-2002
Lorenzen, Udo: Terminologische Grundlagen der traditionellen chinesischen Medizin, München, 1998
derselbe: Qi-Höhlen: Einflußreiche Orte für die Akupunktur, in: Volksheilkunde
1/91-9/93
derselbe: Reflexionen über die Wandlungsphase Metall, in: Volksheilkunde
10 und 11/89
Diepgen, Paul: Geschichte der Medizin, Band 1-3, Berlin, 1949
Udo Lorenzen
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