Ethik in der chinesischen Medizin
"Überragende Tugend wirkt ohne Mühe, deshalb ist sie wirksam.
Mindere Tugend ist mühsam, deshalb hat sie keine Wirkung.
Überragende Tugend wirkt durch Nicht-Tun und ist absichtslos.
Mindere Tugend wirkt durch Einmischung und ist eigennützig.
Überragende Güte zeigt sich im Handeln ohne Eigennutz.
Überragende Gerechtigkeit zeigt sich im Handeln und im Eigennutz.
Überragende Moral zeigt sich darin, daß jeder sie hochschätzt, aber niemand
ihr entspricht. So krempelt sie die Ärmel hoch und erzwingt ihre Beachtung!"
Lao Zi, Kap.38
Spricht man in der chinesischen Medizin von Ethik, ist damit untrennbar ein tugendhaftes Verhalten im Sinne des Konfuzianismus verbunden. Seit alters spielte die Regelung der zwischenmenschlichen Beziehungen nach einer festen Ordnung eine überragende Rolle im traditionellen China. Geprägt von der konfuzianischen Ideologie des edlen Menschen entstand ein sozialer Verhaltenskodex, dessen Ziel es war, den "edlen" Menschen (Jun Zi) hervorzubringen.
Im Einklang mit dem naturalistischen System der 5 Elemente oder fünf Wandlungsphasen entstanden so fünf Normprinzipien, die Wu Chang oder Wu De, nämlich Ren = Güte, Yi = Gerechtigkeit, Li = Sittlichkeit, Zhi = Weisheit und Xin = Aufrichtigkeit.
Einer der Wesenszüge des sozialen Lebens im konfuzianischen China war demnach die Ordnung des Zusammenlebens in einer festgelegten Hierarchie und die Einhaltung dieser 5 Tugenden.
Dabei waren die "Tugenden" in der Vorstellung der chinesischen Philosophen nichts von oben aufgesetztes, d.h. anerzogenes, sondern Bestandteil der inneren natürlichen Entwicklung und damit Ausdruck der individuellen Energetik der einzelnen Zang-Organe.
Besonders Meng Zi, der wohl berühmteste Schüler des Konfuzius, vertrat die Ansicht, daß alle guten Charaktereigenschaften dem Menschen in die Wege gelegt werden, quasi als Geschenk des Himmels. Die menschliche Natur ist gut und
"Wenn die Menschen Böses tun, so ist die Schuld nicht auf ihre Anlagen zu schieben. Das Gefühl des Mitleids und der Sympathie haben alle Menschen und ebenso haben sie die Gefühle der Scham und Abneigung, der Ehrerbietung und Hochachtung, der Zustimmung und Mißbilligung. Mitleid und Sympathie führen zur Menschlichkeit (Ren), Scham und Abneigung zur Gerechtigkeit (Yi), Ehrerbietung und Hochachtung zur Sittlichkeit (Li) und Zustimmung und Mißbilligung zur Weisheit (Zhi)."
Ebenso wie die 5 Wandlungsphasen die Gesetze des Wandels im Mikro-Makrokosmos festlegen, folgen ihm die 5 Tugenden auf der psycho-sozialen Ebene des menschlichen Zusammenlebens. Im Klassiker der Kindespflichten finden wir eine ausführliche Darstellung über die Entstehung dieser Tugenden1:
"Was sind die Gefühlserregungen und was nennt man den innewohnenden natürlichen Charakter eines Menschen? Es ist folgendermaßen:
Xing - die menschliche Natur ist etwas Yang-Gemäßes, Qing - die Gefühlserregungen sind Wandlungen des Yin. Da der Mensch durch die Verschmelzung von Yin-und-Yang-Einflüssen entsteht, trägt er in sich die 5 Wesenszüge und die 6 Leidenschaften. Qing bedeutet Stille, Xing bedeutet Leben, da der Mensch aus sechs Einflüssen besteht, die er bei seiner Geburt empfängt.
Daß der natürliche Charakter seinen Ursprung im Yang hat, ist vernünftig, da das Yang Qi wohltätig ist, während das Yin Qi begehrt und habsüchtig ist. So finden wir bei den Leidenschaften das Begehren und im natürlichen Wesen des Menschen Wohlwollen.
Was versteht man nun unter den 5 Tugenden? Diese sind: Güte - Sittlichkeit - Gerechtigkeit - Weisheit - Aufrichtigkeit. Nun denn, wenn der Mensch bei seiner Geburt eine körperliche Form erhält, die mit den Dingen der 8 Trigramme korrespondiert, erhält er ebenfalls die 5 Qi (der Wandlungsphasen), aus denen er die 5 Tugenden bildet..... Der Mensch trägt in sich die 5 Zang-Organe Leber, Herz, Lunge, Niere und Milz. Die Leber repräsentiert die Güte, die Lunge die Gerechtigkeit, das Herz die Sittlichkeit und die Rituale, die Niere die Weisheit und die Milz die Aufrichtigkeit.
Warum repräsentiert die Leber die Güte? Weil die Essenz der Leber Holz ist. Güte ist die Liebe zu allen Lebewesen und Holz korrespondiert mit dem Osten und dem Frühling und ist somit Yang, d. h. hier entsteht das Leben der 10 000 Wesen. Da die Leber dem Holz entspricht, ist ihre Farbe grün-blau.
Warum repräsentiert die Lunge die Gerechtigkeit? Weil die Essenz der Lunge Metall ist. Gerechtigkeit heißt, über die Bestrafungen zu entscheiden, da das Metall mit dem Westen und dem Herbst korrespondiert. Hier vollenden sich die 10 000 Wesen und gelangen zu Reife. Da die Lunge dem Metall entspricht, ist ihre Farbe weiß.
Warum repräsentiert das Herz die Sittlichkeit und Rituale? Weil die Essenz des Herzens das Feuer ist. Sittlichkeit unterscheidet zwischen denen mit einem hohen Rang und denen mit einem niedrigen Rang. Ebenso hat im Süden und im Sommer das hochgeschätzte Yang die Oberhand über das weniger geschätzte Yin. Bei den Sitten und Gebräuchen ist es ebenso. Obwohl Feuer hell und klar erscheint, ähnelt es der Sittlichkeit insofern, das es klar unterscheidet zwischen Überlegenen und Unterlegenen. Da das Herz dem Feuer entspricht, ist seine Farbe rot.
Warum repräsentiert die Niere die Weisheit? Weil die Essenz der Niere das Wasser ist. Ein Mensch mit Weisheit, egal ob er aktiv oder passiv ist, ist niemals unentschlossen oder zögernd, ebenso wie das Wasser beharrlich seinem Weg folgt und niemals in seiner Richtung schwankt. Der Norden entspricht dem Wasser, deshalb haben die Nieren eine dunkle Farbe.
Warum repräsentiert die Milz die Aufrichtigkeit? Weil die Essenz der Milz die Erde ist. Der Erde ist auferlegt, allen Lebewesen nützlich zu sein und sie zu ernähren. In diesem Sinn ist sie selbstlos und uneigennützig in der Förderung des Lebens. Dies ist Aufrichtigkeit in höchster Vollendung. Da die Milz der Erde entspricht, ist ihre Farbe gelb."
Das obige Zitat ist ein schönes Beispiel für die unendliche Weite der fünf Wandlungsphasen als ein System, das in der Lage ist, alle Regungen im Mikro-Makrokosmos zu verknüpfen.
Im Kreislauf der Fünf machen die fünf Grundtugenden Wu Chang die soziale Persönlichkeit eines Menschen aus. Eine ausgeglichene Persönlichkeit hat alle diese sozialen Verhaltensweisen natürlicherweise zur Verfügung, keine ist im Übermaß vorhanden und keine fehlt. Im Sinne der Wandlungsphasenbeziehungen bringen die fünf Tugenden sich ebenso hervor wie sie sich gegenseitig kontrollieren.
Lu Zi, ein Daoist aus der Tang-Dynastie (ca. 645 n. Chr.), beschreibt das Zusammenspiel der fünf Tugenden im Menschen wie folgt:
"Spricht man von den sozialen Tugenden, dann entspricht die Natur des Wassers der Weisheit, die Natur des Feuers der Sittlichkeit, die Natur des Holzes der Güte, die Natur des Metalls der Gerechtigkeit und die Natur der Erde der Aufrichtigkeit. In einer ausgeglichenen Persönlichkeit sollten diese fünf Naturen sich gegenseitig hervorbringen und kontrollieren. Weisheit sollte in der Lage sein, Güte hervorzubringen. Güte sollte in der Lage sein, Sittlichkeit hervorzubringen. Sittlichkeit sollte in der Lage sein, Aufrichtigkeit hervorzubringen. Aufrichtigkeit sollte in der Lage sein, Gerechtigkeit hervorzubringen. Gerechtigkeit sollte in der Lage sein, Weisheit hervorzubringen. Ebenso sollte Weisheit die Sittlichkeit kontrollieren. Sittlichkeit sollte die Gerechtigkeit kontrollieren. Gerechtigkeit sollte die Güte kontrollieren. Güte sollte die Aufrichtigkeit kontrollieren. Aufrichtigkeit sollte die Weisheit kontrollieren. Wenn sich diese fünf Tugenden in einem ewigen Kreislauf gegenseitig hervorbringen und kontrollieren, dann ist kein Element der Persönlichkeit vorherrschend; sie alle stehen miteinander in Verbindung, gleichen sich gegenseitig aus und bilden die fünf Naturen (im Verhalten) vollständig aus. Diejenigen, die dieses wissen, verstehen wirklich den höchsten Plan. Wenn man ihnen von den Geheimnissen der fünf Mysterien erzählt, dann können sie es von selbst verstehen." (Yu Lu Da Guan)1
Ren – Güte und Menschlichkeit
ist das sittliche Verhalten der Wandlungsphase Holz resp. der Leber.
Im Einklang mit den Bewegungen des Frühlings ist auch das sittliche Verhalten Ren = Güte, Wohltätigkeit, Menschenliebe, Menschlichkeit zu sehen.
Das Schriftzeichen zeigt zwei Menschen, die zueinander stehen; die Form der Menschenliebe, die jeden Menschen mit seinen Nachbarn verbinden sollte (WIEGER, L. 2 B). Ren war in der konfuzianischen Gesellschaft die übergeordnete Tugend, die alle anderen Tugenden enthielt. Die Güte sollte frei von Selbstgerechtigkeit sein, eine natürliche innere Liebe für alle Menschen. Ren umfasst folgende Inhalte: Hochachtung, Verzeihen, Vertrauen, Klugheit, Fürsorge, Weisheit, Tapferkeit, Loyalität, Bescheidenheit, Ehrfurcht und Wertschätzung.
"Was einer sich selbst nicht wünscht, soll er anderen nicht antun; wenn einer wünscht, eigenständig zu sein, so soll er auch anderen Menschen zur Eigenständigkeit verhelfen; was er zu erhalten wünscht, soll er auch anderen Menschen einräumen. " (Kong Zi)
Im alten China war die Wohltätigkeit eher eine Angelegenheit der gehobenen Beamtenklasse und ein erstrebenswertes Ziel für den edlen Menschen. Ren bezieht sich im allgemeinen Sinne auf ein altruistisches Prinzip, Mitgefühl zu empfinden und anderen zu helfen. Altruismus (von lat. alter = der andere) bedeutet die innere Bereitschaft, andere zu fördern und selbst auch mal zurückzustecken. Im Gegensatz dazu steht der Egoismus (von lat. ego = ich), der die Eigenliebe zum obersten Prinzip erhebt.
Auch in der Güte kann ein extremes Verhalten schädigend wirken; übertriebenes Helfen wollen führt zur Abhängigkeit des Patienten und nimmt ihm die Möglichkeit, eigene Spielräume wahrzunehmen. Oft hilft sich der Helfer selbst am meisten, da er seine eigenen Probleme und Schwächen unter dem Deckmantel sozial akzeptierter Fürsorge kaschieren kann. Das Ergebnis ist ein Helfer-Syndrom, die Krankheit des hilflosen Helfers.
"Gerade darin drückt sich das Helfer-Syndrom besonders deutlich aus, da Schwäche und Hilflosigkeit, offenes Eingestehen emotionaler Probleme nur bei anderen begrüßt und unterstützt wird, während demgegenüber das eigene Selbstbild von solchen Flecken um jeden Preis freigehalten werden muss."
Ebenso ist ein Mangel an Mitgefühl und Hilfsbereitschaft Ausdruck eines gestörten Holzelements. Solche Menschen verfolgen nur die eigenen Interessen und gehen über Leichen, wenn es ihrer Karriere dient. Aber Hochmut kommt vor dem Fall, und so mancher Himmelsstürmer wird auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht, wenn er zu eigennützig vorgeht. Erst wo Uneigennützigkeit im menschlichen Verhalten seinen Platz findet, kann wirkliche Liebe entstehen.
Wohltätigkeit hat nur dann einen Sinn, wenn sie nicht zur Gegenleistung verpflichtet. Eine wesentliche Störung in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen ist eine überhöhte Erwartungs- und Anspruchshaltung dem anderen gegenüber. Hier die goldene Mitte zu finden, ist der beste Weg für gemeinsames Wachstum und Wirken. Leben gebären und nicht töten, geben und nicht wegnehmen, belohnen und nicht bestrafen, heißt die Devise für den Frühling und damit für alle beginnenden Aktivitäten. Wahre Tugend wirkt durch ihre Natürlichkeit und Uneigennützigkeit.
Yi - Pflichtgefühl und Gerechtigkeit:
ist das sittliche Verhalten der Wandlungsphase Metall resp. der Lunge.
Yi: Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit, Pflichtgefühl, Folgsamkeit, um das öffentliche Wohl besorgt sein, Vaterlandstreue; das Schriftzeichen hat das Radikal für Schaf, daneben das Zeichen für ein Ich, das sein Recht durchsetzen will, dargestellt mit zwei sich kreuzenden Speeren. Wenn Gerechtigkeit vorherrscht, wird ein aggressives Ich unterwürfig und sanft wie ein Lamm. Oder auch: Gutes Verstehen nach einem Konflikt, beide Parteien sind zufrieden. (vergl. Wieger, L. 71 Q).
Yi bedeutet also ein gerechtes Verhalten im Einklang mit einem vorgegebenen Wertsystem (Gesetzen). Ein Wörterbuch der chinesischen Philosophie schreibt: "Yi ist Stimmigkeit", oder: "Wenn eine Handlung stimmig ist, so heißt das Yi""
Meng Zi pries die Gerechtigkeit als überragende Tugend, für deren Einhaltung er sogar sein Leben opfern wollte.
Fisch liebe ich, und Bärentatzen liebe ich auch. Wenn ich beide nicht zusammen haben kann, dann verzichte ich auf Fisch und nehme die Bärentaten. Ebenso liebe ich das Leben und ebenfalls die Gerechtigkeit. Wenn ich beides nicht zusammen haben kann, dann gebe ich das Leben preis und wähle die Gerechtigkeit." (Meng Zi, Kap. 6)
Der edle Mensch drückt demnach seine Rechtschaffenheit (Yi) durch eine aufrechte Haltung aus, für die er sogar sterben würde.
Was bedeutet die Tugend des Metalls nun für den westlichen Menschen? Welche Normen und Werte regeln unser soziales Zusammenleben? Per definitionen ist Gerechtigkeit die Tugend der richtigen Behandlung seiner Mitmenschen. Richtig leitet sich von Recht ab, deshalb nennt man sie auch Rechtschaffenheit.
Pflichtgefühl: die Tugend, zu jeder Zeit seine Pflicht zu erfüllen im Rahmen des sozialen Bezugssystems.
Pflicht leitet sich von pflegen ab und bezeichnet das, was notwendig ist, um die sittlichen Anforderungen einer Gesellschaft zu erfüllen.
Das sittliche Verhalten der Wandlungsphase Metall regelt somit das Zusammenspiel von Rechten und Pflichten in einem sozialen System. Wenn wir unsere Pflicht erfüllen, fördern wir die Struktur der Gemeinschaft und einen gerechten Umgang untereinander. Legen wir das Rechtsempfinden zu unflexibel aus, verliert die Gesellschaft ihre Flexibilität und produziert Fehlverhalten und soziale Konflikte.
Wird Gerechtigkeit stark übertrieben, bilden sich starre Wertmaßstäbe; hier die Guten, dort die Bösen, schwarz oder weiß, ein Schubladendenken ohne individuelle Orientierung und Spielräume. Menschliches Verhalten wird moralisiert und denunziert, ein so ausgerichteter Mensch ist der ewige Ankläger und Richter. Er neigt zu Vorwürfen und Schuldzuweisungen und kritisiert alles, was nicht seinen Rechtsnormen entspricht. Er ist das personifizierte schlechte Gewissen. Diese Menschen führen ständig Prozesse und verfolgen andere mit ihrem Gerechtigkeitswahn. Wird Gerechtigkeit andererseits negiert, entsteht Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Es entwickeln sich Brutalität und Zerstörungswut, in extremer Form das organisierte Verbrechen.
Wird Pflichtgefühl übertrieben, dann erscheint jede Kleinigkeit wichtig. Solche Menschen sind spitzfindig, pedantisch und pingelig. Ein zwanghaftes Pflichtgefühl entspringt einem starken Bedürfnis nach Ordnung und Struktur. Aber wie leicht dienen solche Strukturen nicht mehr der Erhaltung einer sozialen Gemeinschaft, sondern nur zur Pflege eigener Bedürfnisse nach Größe, Macht und Wichtigkeit.
Die Loyalität einem Führer gegenüber ist schon in vielen Diktaturen mißbraucht worden, um individuelle Machtansprüche durchzusetzen.
Auch eine Demokratie verkörpert ihre metallene Tugend in den Organen, die das öffentliche Recht verwirklichen, den Behörden. Wer kennt nicht das Gefühl der Machtlosigkeit in einem Amt, das Rechtsansprüche prüfen soll (Behörde, niederdeutsch behören = prüfen!), in Wirklichkeit aber menschlich unrecht tut.
Die Güte des Holzes wird von der starren Gerechtigkeit des Metalls zerstört!
Auch zwanghafte Sauberkeits- und Ordnungsrituale zeigen auf ein gestörtes Metallelement. Hier dient ein übertriebenes Pflichtgefühl nur der Kompensation einer inneren Leere. Die starre Ordnung gibt aber nur scheinbar Halt; die geringste Veränderung von außen erschüttert diese Menschen in ihren Grundfesten.
Li - Sittlichkeit und Ettikette
ist das sittliche Verhalten der Wandlungsphase Feuer resp. des Herzens.
Kong Zi sprach: "Wenn man durch Gesetze regiert und durch Strafe ordnet, dann weicht das Volk aus und hat kein Gewissen. Wenn man durch die Kraft regiert und durch Sittlichkeit ordnet, dann hat das Volk ein Gewissen und erreicht (das Gute)" (Lun Yu, Buch II, Kap. 3).
Ebenso wie das Herz eine überragende Position im Zusammenspiel der Zang Fu einnimmt, indem es als "Kaiser" richtungsweisenden Einfluß ausübt, hat die Tugend des Feuers eine übergeordnete Rolle im Zusammenleben der Menschen in der konfuzianischen Gesellschaft gespielt.
Li: Anstand, Sittlichkeit, Moral, Höflichkeit, Bildung, Kultur, Lebensregeln, gute Sitten, Gebräuche, Ritual, Etikette; die Gesamtheit der gesellschaftlichen Umgangsformen in der konfuzianischen Gesellschaft; auch: Feier, Förmlichkeit, Verehrung, verehren;
das Schriftzeichen zeigt im Radikal die Offenbarungen des Himmels, die dem Menschen Glück oder Unglück verheißen; Sonne, Mond und Sterne, die Zeichen des Himmels, zeigen dem Menschen transzendentale Dinge, dazu als Klangzeichen ein Opfergefäß mit einer reichlich ausgestatteten Verzierung. (Wilder, No. 164).
Beide Zeichen zusammen vermitteln die Idee einer göttliche Offenbarung, die notwendig sein muß, um die Riten und Gebräuche einer Gesellschaft zu verstehen und weiterzugeben. Dies genau war die heilige Pflicht des Himmelssohnes als Kaiser von China, im kleinen Menschenreich also die Aufgabe unseres Herz-Kaisers!
Lassen wir den großen französischen Sinologen Marcel Granet zu Wort kommen, der in unnachahmlicher Weise die Rituale und Etikette der alten chinesischen Gesellschaft beschreibt.
"Himmel und Erde haben ihre besonderen Grenzen, und die Menschen richten sich nach diesen; sie richten sich nach den Sternen am Himmel und sie stützen sich auf die Beschaffenheit der Erde. Sobald die 6 Qi entstanden sind und die 5 Wandlungsphasen zu wirken begonnen haben, so entstehen aus den Qi die 5 Geschmacksrichtungen, bekunden sich die 5 Farben und die 5 Töne. Kommt es bei ihrer Anwendung zu Übertreibungen, dann sind Verwirrung und Aufruhr die Folge. Dann verlieren die Menschen die einem jeden von ihnen eigene Beschaffenheit. Ziel der Riten ist es, ihnen diese zu erhalten.
Weiter gibt es 6 Haustiere, 5 wilde Tiere, 3 Opfertiere, welche der Darstellung der 5 Geschmäcker entsprechen; man fertigt 9 Embleme, 6 Ornamente und zur Darstellung der fünf Farben 5 Entwürfe.
Dann gibt es 9 Gesänge und 8 Instrumente, die den 8 Winden (= den Himmelsrichtungen in der Windrose) entsprechen, 7 Klänge, 6 Yang-Pfeifen und 6 Yin-Pfeifen zur Darstellung der fünf Töne.
Es gibt die Beziehungen zwischen Oberherrn und Vasallen, Vorgesetztem und Untergebenem, die die Vorbilder für die der Erde gerechten Verteilungen abgeben; es gibt die Beziehungen zwischen Gatten und Gattin, zwischen dem Äußeren und dem Inneren, wodurch die zwei Arten von Wesen abgegrenzt werden können; es gibt die Beziehungen zwischen Vater und Sohn, älterem Bruder und jüngerem Bruder, Tante und jüngerer Schwester, Schwiegersohn und Schwiegervater, zwischen durch Eheschließung Verwandten und Schwägern, wodurch die Verhältnisse der Sterne untereinander symbolisch dargestellt werden.
Es gibt die Maßnahmen der Regierung, die Verrichtungen des Volkes, wodurch man sich den vier Jahreszeiten anpaßt; es gibt schwere und leichte Strafen, welche den Völkerschaften Achtung vor den Verboten einflößen und den Zerstörungen von Donner und Blitz entsprechen.
Es gibt die Milde, die Zuneigung, die Wohltätigkeit und die Eintracht, die der erzeugenden Kraft des Himmels und seiner nährenden Wirkweise entsprechen.
Die Menschen empfinden die 6 Emotionen, nämlich Liebe, Haß, Freude, Zorn, Schmerz und Lust, die sich aus den 6 Qi ergeben. Darum haben die Weisen nach eingehender Untersuchung sich an den Gepflogenheiten und Entsprechungen orientiert, um die 6 Gefühlsausdrücke in feste Bahnen zu leiten.
Der Schmerz läßt den Menschen seufzen und klagen; die Lust läßt ihn tanzen und singen; die Freude führt zur Wohltätigkeit; der Zorn führt zu Kampf und Streit. Die Lust entspricht der Liebe, der Zorn dem Haß. Darum haben die Weisen nach eingehender Prüfung die Verteilungen von Glück und Unglück, Belohnungen und Strafen, Geschenke und Strafmaßnahmen verbreitet und nach gutem GIauben festgesetzt.
Man liebt das Leben und verabscheut den Tod; etwas, das man liebt, vermittelt Lust, etwas, das man verabscheut, Schmerz. Durch richtigen Gebrauch von Schmerz und Lust läßt sich eine Harmonie zwischen der Beschaffenheit des Menschen und den Beschaffenheiten von Himmel und Erde erzielen; dies ist es, wodurch das Leben seinen Sinn und dauerhaften Bestand erhält."
Die Riten Li sind die Grundlage der gesellschaftlichen und kosmischen Ordnung im alten China. Sie ermöglichen eine gerechte Verteilung der Anteile an der sozialen Geltung und Akzeptanz. Die Menschen unterscheiden sich nun darin, daß die Edlen in edler Weise und die Unedlen in unedler Weise dienen; wem es groß geziemt, der bringt große Opfer, wem es klein geziemt, der bringt kleine Opfer.
Die Musik bewirkt Vereinigung, die Sitten bewirken unterscheidende Trennung. Als Folge der Vereinigung lieben die Menschen einander, durch die trennende Unterscheidung achten die Menschen einander. Aufgabe von Ritualen und Musik ist es, die Gefühlsregungen zusammenklingen zu lassen und das äußere Auftreten schön zu gestalten. Denn wenn die Musik geübt wird, kommt Klarheit in die sozialen Pflichten, Gehör und Gesicht gewinnen die rechte Schärfe, und zwischen dem Blutund dem Qi stellt sich ein harmonisches Gleichgewicht her. Die Sitten wandeln sich zum Guten und die ganze Welt erlangt den Frieden.
Die Musik beruht ihrer Wirkung nach auf dem Himmel, die Riten ihrer Wirkung nach auf der Erde. Übertreibt man die umschreibende Einflußnahme, so entsteht Chaos, strebt man zu starke Wirkungen an, dann greift Gewalt um sich.
Die Beachtung protokollarischer Unterschiede und der herkömmlichen Harmonie ist es, was Riten und Musik den Chinesen einschärfen sollten.
Überdies vermitteln Rituale und Musik dem Menschen als höchsten Trost das Gefühl, daß der Gehorsam gegenüber der Etikette jedem einzelnen die Möglichkeit gibt, sein Tun rhythmisch in das große rhythmische System des Kosmos einzufügen.
Damit wird eine Osmose zwischen den Mikrokosmen und dem Makrokosmos erreicht, und aus dieser Osmose stammen außer dem faktischen Leben die Eigenheit und die Persönlichkeit des Individuums.
Der protokollarische Ausdruck z.B. der Emotionen hat, weil er sich unter Benutzung konventioneller Symbole und einer festliegenden Gestik vollzieht, den Vorzug, Gefühlsregungen in feste Bahnen zu leiten. Die chinesischen Trauerrituale zeigen dies deutlich. Der Schmerz muß sich etwa bei der Trauer zu festgelegten Zeiten bekunden und entsprechend einem Rhythmus, der unter Berücksichtigung der sozialen Stellung des Abgeschiedenen protokollarisch festgelegt war. Er äußert sich in bis in die letzten Einzelheiten geregelter Gestik, Kleidung, Lebensweise und Zurückgezogenheit. Selbst die Art zu weinen – entweder, indem man ohne Unterbrechung heult oder unablässig klagt, oder indem man die Stimme nach dreimaligem Schrei senkt, oder indem man einfach einen Klagelaut von sich gibt – stellte eine äußerlich festgelegte und überwachte Angelegenheit dar.
Nichts war der Eingebung des Augenblicks überlassen, jede persönliche Anwandlung, jeder launige Einfall hatten scharfen Tadel im Gefolge und disqualifizierten ihren Urheber – gleichgültig, ob er sich nicht genug angestrengt oder übertrieben hatte.
Der große Vorzug von Ritualen und Musik liegt in dem gleichmäßigen Rhythmus, den sie den Lebensfunktionen, also dem Qi, eines Menschen mitteilen. Wenn die Etikette für die Lebensart beherrschend wirkt, wird der Wesen erhaben und verdient lange Würdigung auch nach seinem Tod.
Macht sich der Mensch diese Symbolsprache zu eigen, so nimmt er damit die nationale Kultur in sich auf. Er kann dann unter den anderen Menschen einer Gruppe Aufnahme finden. So hat er eine Persönlichkeit entwickelt.
Auf einen westlich sozialisierten Menschen muß diese Form der Etikette, Sittlichkeit und Rituale befremdlich wirken, ja geradezu einengend erscheinen, denn bei uns ist es gerade die Individualität, deren Erreichen größtmögliche Freiheit verspricht.
- Individualität um jeden (hat seinen) Preis! -
Doch was können wir von den konfuzianischen Regeln des Zusammenlebens lernen? Hat nicht die Individualisierung der Menschen in der westlichen Welt Einsamkeit, Isolation und zwischenmenschliche Verwirrung mit sich gebracht?
Gerade weil die Regeln des Miteinanders sich so oft verändern und nicht transparent erscheinen, weil fragwürdige Vorbilder und Idole das Verhalten besonders junger Menschen von außen prägen, wird es für den Einzelnen immer schwerer, sich in der Gesellschaft zurecht zu finden. Der Mensch als Teil der Gesellschaft hat sein Zugehörigkeitsgefühl zum Ganzen verloren.
Zunehmende Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg verstärken die Hilflosigkeit des Individuums, sich als soziales Wesen zu erkennen. Abkehr vom Gesunden und Hinwendung zum Kranken zeigen sich zunehmend auf der sozialen Ebene.
Die wichtige Aufgabe der Li = Rituale ist es, durch festgelegte Verhaltensmuster die Kohärenz des Einzelnen in der Gruppe zu stärken und damit dem Individuum ein soziales Bewußtsein zu vermitteln. Dies wird in der "Keimzelle der Gesellschaft", der Familie, nur noch ungenügend erfüllt. Vielleicht ist damit ein Grund genannt, warum Sekten und radikale Gruppierungen immer mehr Zuspruch finden. Denn dort findet noch statt, was die einsame Seele "draußen" nicht mehr hat: wiederkehrende Rituale, Einweihungen und Zeremonien, die Gruppenzugehörigkeit vermitteln und dem Leben Sinn und Richtung geben. Je stärker das Ritual gepflegt wird, umso mehr verbindet es den Einzelnen mit der neuen "Familie".
Die Schicksalsbeherrschung in der konfuzianischen Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, das Dao in einer gesellschaftlichen Form im sozialen Zusammenleben zu verwirklichen. Über Etikette und Musik wurde versucht, eine Harmonie des Einzelnen mit dem Kosmos herzustellen. So ist die Schicksalsbeherrschung des Konfuzius auf die Kenntnis der fünf Tugenden Wu Chang und auf das Verstehen des Wandels der Wu Xing begründet.
Jede Gesellschaft, die an einem Gemeinschaftsgefühl ihrer Mitglieder interessiert ist, muß also die ureigensten kulturellen Rituale pflegen und Umgangsformen finden, die das Herz des Einzelnen berühren. Denn nur, wenn das Herz den Zugang zum Ganzen wiedergefunden hat, wenn Shen Ming, die Klarheit des Geistes, die Vorherrschaft im Menschen wieder aufgenommen hat, kann sich die menschliche Natur verwirklichen. Dann wird das eigene Ich nicht mehr seinen Egoismus pflegen, sondern im Einklang mit den Naturgesetzen wirken. Jedes Individuum findet dann seinen Platz in einer Gesellschaft, die im Einklang mit dem Universum seinen eigenen Wandel nachvollziehen kann.
Zhi - Wissen und Weisheit
ist das sittliche Verhalten der Wandlungsphase Wasser resp. der Niere
Mit 15 war mein Wille zu lernen,
mit 30 stand ich aufrecht,
mit 40 war ich nicht mehr verwirrt,
mit 50 wusste ich mein himmlisches Schicksal,
mit 60 gehorchte ich meinen Ohren,
mit 70 folgte ich den Wünschen meines Herzens,
ohne die Regeln zu überschreiten.
Konfuzius
Zhi: Weisheit, Verstand, Geist, Wissen, Klugheit, Fähigkeit; das Schriftzeichen hat die Sonne als Radikal, dazu einen Pfeil, der mitten ins Zentrum geht; das Wissen eines Weisen leuchtet wie die Sonne am Himmel, seine Worte treffen den Kern einer Sache wie ein Pfeil die Mitte der Zielscheibe.
Weisheit ist für die Chinesen etwas durchaus Praktisches, sie zeigt sich im Know How, eine Arbeit exakt auszuführen im vollen Verständnis und Vertrauen der eigenen Fähigkeiten. Das Ling Shu sagt:
"Wenn Überlegung und Planung die Angelegenheiten regeln, nennt man das Weisheit. Deshalb ist es die Weisheit, die das Leben aufrechterhält" (Kap. 8)
Weisheit zeigt sich aber auch darin, sein Leben zu führen im Einklang mit den natürlichen Rhythmen, so das sich die Lebensspanne ungehindert erfüllen kann. Das Leben nähren ist somit die grundlegendste Aufgabe für den Menschen, weshalb die Niere die materielle Basis dafür ist.
Es besteht die Vorstellung im Chinesischen, dass das Leben eine naturgemäße Grenze hat. Das sind die "himmlischen Jahre" Tian Ming, die zu erreichen dem Menschen vergönnt ist, wenn er das Leben nicht hemmt.
Der Körper ist endlich und der Leib empfindet seine Endlichkeit nicht unangenehm, sondern er stirbt, wenn es Zeit ist. Aber der Körper hat sozusagen ein Innenleben, er hat Bewusstsein und stellt sich den Tod vorher vor, ehe er eintritt. Und diese Vorstellung des Todes ist es, die den Menschen seit uralten Zeiten immer wieder beschäftigt und geängstigt hat.
Wenn wir uns ausmalen, was alles aus diesem Gedanken an den Tod produziert worden ist, so ist es geradezu ungeheuerlich. Nicht nur die Pyramiden und andere Grabmonumente, nicht nur ganze Religionssysteme, sondern auch – und das ist das Paradoxe – Kriege und Schlachten mit Vernichtung von Millionen von Leben sind die Folge dieser Vorstellungen über den Tod.
So ist es die Aufgabe des Lebens, sich für den Tod vorzubereiten. Wir kommen dann an einen Punkt, wo sich das Ich lösen und sich mit seinem Sterben abfinden muss. Wird aber dieses Sterben mit einem Neuwerden verknüpft, dann kann uns dies vor der Angst zu sterben schützen.
Es ist hier ein ähnlicher Punkt wie bei der Geburt. Die Geburt ist die große Revolution, da Himmel und Erde sich für den Menschen verdrängen, da Himmel und Erde die Plätze tauschen. So ist die Neugeburt wieder eine Umzentrierung geistiger Art, da Himmel und Erde die Plätze vertauschen. Unten wird, was früher oben war, und oben wird, was früher unten war, wodurch nun eine neue Daseinsform ermöglicht wird, die ewig ist.
Der Mensch, der diese geistige Tiefe erreicht hat, ist weise. Er wird sich nicht mehr vor dem Tode fürchten, sondern er betrachtet ihn wie den Schlaf, als einen physiologischen Vorgang, der allen Menschen gemeinsam ist und um so leichter erledigt wird, je weniger wichtig man ihn als Prozess nimmt. Und er wird nun auch im Leben eben dadurch, dass er gleichsam ein Wiedergeborener ist, eine wesentlich andere Stellung bekommen. Er wird einen Ernst bekommen den Dingen der Ewigkeit gegenüber, und er wird das zeitlich Fließende leicht nehmen. Das kann ihn dann nicht mehr zutiefst beschäftigen und ängstigen.
Dem Schriftzeichen für Weisheit Zhi fehlt der Herzradikal, dafür steht die Sonne als strahlendster Ausdruck eines gesunden Herz-Kaisers. Das Leuchten des Shen, Shen Ming, ist die zweite Voraussetzung dafür, ein erfülltes Leben zu führen. Der Shen ist ewig vorhanden, das Jing ist erschöpfbar; Weisheit bedeutet so eine Lebensführung, die das Leben möglichst lange erhält und die Lebensspanne vollständig erfüllt. Dann erscheint das Lebensende als natürlicher Wandel in eine andere Daseinsform, der Tod als Abschluss für ein erfülltes Leben.
Die irdische Pilgerschaft
"Der Tod ist wie ein Reisender, der nach Hause zurückkehrt.
Wenn der Reisende nur weiß, wie man vorwärts schreitet,
aber nicht wie man zurückkehrt, ist das, als verlöre man seinen Weg
und könne nicht wieder nach Hause zurückkehren."
Lie Zi
Das Huangdi Neijing beschreibt verschiedene Arten von weisen Menschen, deren Lebenspflege es ihnen ermöglichte, ihre volle Lebensspanne auszuschöpfen und so ein erfülltes Leben zu führen.
Huang Di sagte: "Ich habe gehört, dass es in sehr alten Zeiten die vollkommenen Menschen gab. Sie hatten Kontrolle über Himmel und Erde und somit über Yin und Yang. Durch Ein- und Ausatmen (Atemübungen) pflegten sie ihre Essenz (Jing) und bewahrten ihren Geist (Shen). So blieben ihre Muskeln und ihr Fleisch unverändert (stark). Sie erfreuten sich eines langen Lebens, ebenso dauerhaft wie das Sein von Himmel und Erde. All das war das Ergebnis ihrer Wahl, im Einklang mit dem Dao zu leben.
Im Mittelalter gab es dann die perfekten Menschen. Ihre Wirkkraft (De) war tadellos, auch sie gingen vollständig im Dao auf. Sie lebten im Einklang mit Yin und Yang und richteten sich nach den vier Jahreszeiten aus. Diese Menschen entzogen sich allen weltlichen Verpflichtungen. Sie sammelten ihre Essenz und bewahrten ihren Geist. So konnten sie sich über die Grenzen von Zeit und Raum hinwegbewegen und hörten und sahen Dinge noch jenseits der acht Himmelsrichtungen.
Als nächste kamen dann die heiligen Menschen. Auch sie lebten in Harmonie mit der Natur und richteten sich nach den Bewegungen der acht Winde. Sie waren in der Lage, ihre Bedürfnisse den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen, ihr Herz kannte weder Zorn noch Ärger. Sie wollten ihre Aktivitäten nicht von dieser Welt trennen, gaben jedoch nicht viel auf Sitten und Gebräuche. Sie überanstrengten ihren Körper nicht mit übermäßiger Arbeit und schwächten ihren Geist nicht mit unnötigen Grübeleien. Sie kümmerten sich nicht um fremde Angelegenheiten, für sie waren innere Freude und ruhige Gelassenheit die wichtigsten Errungenschaften. Ihre Körper konnten nie verletzt und ihr Geist nie erschöpft werden. So vermochten auch sie 100 Jahre und älter zu werden.
Schließlich gab es noch die vorbildlichen Menschen. Auch sie lebten in Harmonie mit Himmel und Erde. Sie eiferten dem Verlauf von Sonne und Mond nach und legten die Sternenbilder fest. So konnten sie das Wirken von Yin und Yang voraussehen und sich danach ausrichten. Auch sie konnten die vier Jahreszeiten unterscheiden. Sie folgten den Regeln des Altertums und hofften, so in Einklang mit dem Dao zu gelangen. Dadurch konnten sie ihre volle Lebensspanne erfüllen."
Xin - Vertrauen und Aufrichtigkeit
ist das sittliche Verhalten der Wandlungsphase Erde resp. der Milz.
Zi Gong fragte nach der rechten Art des Regierens. Kong Zi antwortete: "Für genügend Nahrung, für genügend Wehrmacht und für genügend Vertrauen im Volke zu sorgen." Zi Gong fragte: "Wenn man aber gezwungen ist, etwas davon aufzugeben, auf was könnte man am ehesten verzichten?" Kong Zi antwortete: "Auf die Wehrmacht." Zi Gong sagte: "Wenn man aber wiederum eines der beiden Dinge aufgeben müßte, worauf könnte man am ehesten Verzichten?" Kong Zi sprach: "Auf die Nahrung. Wir müssen alle irgendwann sterben. Wenn aber das Volk kein Vertrauen hat, dann läßt sich keine Regierung aufbauen." (Lun Yu)
Xin: Glauben, Vertrauen, Treue, Zuversicht, vertrauen, Wahrheit, Aufrichtigkeit, sich anpassen, sich fügen. Das Schriftzeichen hat als Radikal den Menschen, daneben Worte oder sprechen. Wahre Worte oder allgemein die Wirkung, die Worte auf einen anderen haben. Im weiteren Sinne Treue, Vertrauen, Arglosigkeit (vergl. Wieger, L. 25 H).
Ein Mensch, der zu seinem Wort steht, ist aufrichtig. Ihm kann man glauben und vertrauen. Das älteste Schriftzeichen für Xin hat das Herz im Zeichen. Worte, die aus dem Herzen kommen, sind aufrichtig und vertrauenswürdig. Die Tatsache, daß im modernen China das Zeichen Xin auch Brief oder Schriftstück bedeutet, läßt vermuten, daß auch in China das geschriebene Wort mehr Gewicht hatte als das gesprochene. Was du schwarz auf weiß geschrieben hast, kannst du getrost nach Hause tragen.
Im alten konfuzianischen China war Xin eine der fünf Tugenden, die ein Edler Jun Zi haben sollte.
Kong Zi sprach: "Der Edle erwirbt zuerst das Vertrauen, dann bemüht er seine Untergebenen. Wenn sie noch kein Vertrauen haben, dann halten sie das für Härte gegen sich. Der Edle erwirbt zuerst das Vertrauen seines Vorgesetzten, dann argumentiert er. Wenn er noch nicht das Vertrauen seines Vorgesetzten hat, dann hält jener es für eine Anmaßung gegen sich."
Warum wird die Milz mit Aufrichtigkeit und Vertrauen in Verbindung gebracht?
"Weil die Milz aus der Aktivität der Wandlungsphase Erde entsteht. Der Wandlungsphase Erde ist auferlegt, allen Lebewesen zu nützen und sie zu ernähren. In diesem Sinne zeigt sie ihre Selbstlosigkeit und dient dem Leben. Das ist Aufrichtigkeit in der höchsten Form. Da die Milz die Erde repräsentiert, hat sie die gelbe Farbe der Erde. Warum ist der Mund ihre Öffnung? Weil der Mund die Nahrung aufnehmen und schmecken kann und die Zunge die Geschmäcker unterscheiden kann. Ebenso kann der Mund Töne "ausspucken" und Flüssigkeiten absondern (s.o.)."
Was hier von Naturphilosophen aus der Han- und Tang-Dynastie beschrieben wird, hat auch heute noch für das Verhalten des Einzelnen in seinem sozialen System Gültigkeit. Wenn soziales Verhalten Ausdruck einer Qi-Aktivität des entsprechenden Zang-Organs ist, dann können wir mittels der Chinesischen Medizin (CM) Einfluß darauf nehmen.
Welche Symptome durch eine Milz-Qi-Schwäche oder Nässe-Schleim in der Milz entstehen, ist uns im geistig-körperlichen Bereich geläufig. Die sozialen Auffälligkeiten oder Defizite aus diesen Störungen sind in der traditionellen Literatur nicht beschrieben. Wir können vermuten, daß ein in der Mitte gestörter Mensch ebenfalls Probleme mit Aufrichtigkeit, Treue und Vertrauen hat. Ebenso wie Nässe-Schleim das zielgerichtete Denken Yi blockiert, werden auch Verhaltensmuster und Beziehungsstrukturen davon geprägt. Wer kennt nicht die klebrige Abhängigkeit eines Menschen, der sich aus eigener Unsicherheit heraus ständig an andere anhängt?
Extremes Mißtrauen, mangelndes Selbstvertrauen, notorische Untreue, Lügen, Ungläubigkeit und Unglaubwürdigkeit sind pathologische Verhaltensmuster, die eine gestörte Milz ausdrücken. Die Ursachen dieser Störungen sind allerdings auch häufig im sozialen Kontext entstanden: Vertrauensbrüche, Untreue, belogen werden, mißbraucht und ausgenutzt werden sind existentielle Erfahrungen, die einen Menschen aus seiner Mitte herausreißen. Dieses kann schwerwiegende Veränderungen in seinem Sozialverhalten nach sich ziehen. Der Therapeut darf hier nicht nur mit Nadeln und Moxa behandeln, sondern muß auch mit seinem eigenen Verhalten ein positives Vorbild sein. Die therapeutische Beziehung nimmt einen überragenden Stellenwert ein. Durch die Aufrichtigkeit des Behandlers hat der gekränkte Patient die Möglichkeit, wieder Vertrauen in soziale Beziehungen zu fassen. Unsere zuversichtliche Aufmerksamkeit im Gespräch ist dabei ebenso wichtig wie das, was wir dem Patienten sagen. Denn: Die Wirkung, die unsere Worte auf den Patienten haben, ist Ausdruck unserer eigenen Mitte. Die Art und Weise, wie wir zu unseren Worten stehen, kann Vertrauen oder Mißtrauen im Patienten erzeugen.
Der Wert der Aufrichtigkeit ist auch bei Lao Zi beschrieben, denn er sagt:
"Aufrichtige Worte sind nicht angenehm,
angenehme Worte sind nicht aufrichtig.
Das Gute braucht keine Argumente,
wer mit Worten argumentiert, ist nicht gut.
Der Weise ist nicht gelehrt,
der Gelehrte ist nicht weise.
Der Weise häuft nicht an:
je mehr er für die Menschen tut,
desto mehr gewinnt er.
Je mehr er den Menschen gibt,
desto mehr bekommt er.
Das Dao des Himmels ist zu nutzen ohne zu schaden,
das Dao des Weisen ist zu handeln ohne zu streiten."
Dao De Jing, Kap. 81
In diesem Vers über die Aufrichtigkeit von Lao Zi finden wir wieder die Idee der Mitte, eines Zentrums, das Unstimmigkeiten ausgleichen und Übertreibungen korrigieren kann. Dies führt uns zurück zur natürlichen Anordnung der 5 Wandlungsphasen, die Yi Lun genannt wird. In dieser Anordnung der fünf Elemente fungiert die Erde als Zentrum und als Instanz der Stille, die integrative und harmonisierende Arbeit leistet.
Hier vermittelt die Erde zwischen der Holz-Metall-Achse, in der Hun und Po, Güte und Gerechtigkeit ihre Vereinigung haben. Die Geistseele erhält Nährendes von der Erde und wird in der Absicht gestärkt, die triebhafte Körperseele nicht übertrieben agieren zu lassen. Ebenso wird die Gerechtigkeit des Metalls genährt, so das zuviel Güte nicht die Regeln und das Recht in der Gesellschaft aufweicht.
Die Wasser-Feuer-Achse als Basis der geistig-seelischen und moralischen Aktivitäten erhält ebenfalls erworbenes Vermögen zur Stärkung. Jetzt sind wir in der Lage, Ritualen treu zu bleiben, die unsere tiefsten Wurzeln verankern und Teil unserer sozialen Identität ausmachen. Durch Nachdenken und gerichtete Aufmerksamkeit Yi verlieren wir die Angst vor dem Tod und können unser Leben nähren. Mit der Erde im Zentrum können der Charakter und die natürlichen Tugenden sich verwirklichen, denn wir vertrauen auf die gute integrative Kraft der Mitte, unserer Mutter Erde.
Udo Lorenzen
Projensdorfer Str. 14
24106 Kiel
Tel.und Fax: 0431 – 330303
Email:
u.lorenzen@ki.comcity.de



Die natürliche Ordnung
Yi Lun
LITERATURHINWEISE:
Cheung, W.
: The Lun Yu in English, The Confucius Hall of Hong Kong, mehrsprachige Ausgabe (Englisch-Portugisisch-Spanisch), ohne JahresangabeGeldsetzer/Hong: Chinesisch-Deutsches Lexikon der chinesischen Philosophie,
Aalen, 1986
Granet, Marcel: Das chinesische Denken, München, 1963
Derselbe: Die chinesische Zivilisation, München, 1976
Derselbe: Festivals and Songs of Ancient China, London, 1932
Groot de, J. J. M.: The Religious System of China, Vol. 1-6, Taipei, 1989
Derselbe: Universismus, Berlin, 1918
Liangsheng Wu, Nelson + Qi Wu, Andrew:Yellow Emperor’s Canon Internal Medicine: chinesisch-englische Übersetzung des Neijing Suwen und Lingshu, China Science & Technology Press, Beijing, 1999
Lorenzen/Noll: Die Wandlungsphasen der Traditionellen Chinesischen Medizin, Band 1: Die Wandlungsphase Holz, München, 1992
Dieselben: Band 2: Die Wandlungsphase Metall, München, 1994
Dieselben: Band 3: Die Wandlungsphase Erde, München, 1996
Dieselben: Band 4: Die Wandlungsphase Feuer, München, 1998
dieselben: Band 5: Die Wandlungsphase Wasser, München, 2000
Mitscherlich, A. u. M.: Die Unfähigkeit zu trauern, München, 1977
Needham, Josef: Science and Civilisation in China, Vol. 1-6, Cambridge, 1954-1988
Schmidt, E.: Die Chinesen, in: Religionsgeschichtliches Lesebuch, Tübingen, 1927
Unschuld, Paul: Medizin und Ethik in China, Wiesbaden, 1975
Wilhelm, Richard: Kungfutse: Gespräche Lun Yu. Diederichs Verlag, 1914
Derselbe: Laotse - vom Sinn und Leben, Diederichs Verlag, 1910
Derselbe: Liä Dsi - Das wahre Buch vom quellenden Ursprung, Diederichs Verlag, 1911
Derselbe: Weisheit des Ostens, Diederich Verlag, 1951