Die Wasserpersönlichkeit:

Wasser ist wie ein unterirdischer Strom, so dunkel und fruchtbar wie der Mutterleib, so beständig wie die jadefarbene See. Wasser verdichtet sich (erreicht seine Fülle) im Frost des Winters ebenso wie Pflanzen ihren Lebenssaft in die Tiefe der Wurzeln ziehen; Tiere fressen sich ihren Winterspeck an, Teiche verhärten sich zu Eis, Bewegungen verlangsamen sich, Energie verdichtet sich zu Materie. Dies ist eine Zeit tatsächlicher Ruhe und Stillstand; denoch: unter der Oberfläche ist die verborgene Aktivität der Reifung und Keimung, die im Frühjahr zur Wiedererneuerung führen wird. Bevor Samen und Knospen keimen, brauchen sie eine Weile einen frostigen Schlummer. Während dieser Periode des Winterschlafes verharrt die Lebensessenz in ihrer primitivsten Stufe. Der Bär, eingerollt in der dunkelsten Ecke seiner Höhle, kann fälschlicherweise für tot gehalten werden, wenn nicht sein warmer, langsamer und oberflächlicher Atem währe. Während des Winters lebt er von seinen angefressenen Reserven und ruht, bis der Hunger ihn aufweckt, der anschwillt ebenso wie der Frühling einen neuen Lebenszyklus signalisiert. Die Nieren wohnen in uns wie der Bär in seiner Höhle, tief verborgen, geheimnisvoll und dunkel bewahren sie den Keim des Lebens, die Essenz, die unsere Lebenskraft nährt und erneuert. Wie Dionysos, der griechische Gott der Fruchtbarkeit, repräsentiert Wasser die ursprüngliche, unausgereifte Kraft der menschlichen Natur, den Bereich des Kollektiven und persönlichen Unbewußten. Wasser ist seit Urzeiten die Basis, aus der sich Formen zu Leben materialisieren. Es verbindet Vergangenheit und Zukunft, Vorfahren und Nachkommen, es ist die Quelle unserer vererbten Intelligenz.

Der Archetypus des Wassers ist der Philosoph. Auf seiner schonungslosen Suche nach Wahrheit bringt er das Verborgene ans Licht, enthüllt neues Wissen, löst Geheimnisse auf und bekämpft Ignoranz und Dummheit. Er untersucht die Vorgänge des Lebens minutiös, bis ihm die Bedeutung seiner Eindrücke zu einer klaren Einsicht gereift ist. Wie ein Goldsucher gräbt er sich durch Tonnen von Gestein, um nur einen einzigen Edelstein zu finden! Der Philosoph sucht hartnäckig nach der Wahrheit, eine Wahrheit, die nicht nur durch seine Aussagen brilliant sein muß, sondern dem Ganzen, der Menschheit dienlich sein muß. Es braucht Jahrtausende, um die Mineralien eines Fossils in einen kostbaren Stein zu verwandeln. Ebenso ist die Zeit der Pickel und die Schaufel des Philosophen, der aus den Gebeinen einer Kultur das Ewige und Zeitlose herausgräbt. Der Philosoph sehnt sich nach etwas Bedeutungsvollem, das durch die Belanglosigkeit der menschlichen Existenz hindurchscheint.

Ebenso wie er der Welt Einsichten anbietet, hofft der Philosoph, dass Wissen sich mit Weisheit, Macht sich mit Mitgefühl vermählt und das die höchste Autorität das Schicksal darstellt. Fähig, Visionen zu entwickeln, was sein könnte, ist er dennoch kritisch bei allem was ist und so der geborene Gesellschaftskritiker. Das Wort Philosoph kommt aus dem Griechischen und heißt urspünglich "Freund der Weisheit". Die Liebe zur Weisheit und das Verlangen, dem scheinbar regellosen Leben auf der Erde einen Bezug und eine Sinn zu geben, ist das vorherrschende Streben der Wasserpersönlichkeit in seiner besten Art. Das Entwerfen von rationalen Denkmodellen für die Deutung von Kosmos, Götter- und Menschenwelt war somit immer schon die vorrangigste Aufgabe des Philosophen. Das ein solches Streben Nierenkraft vorausetzt, ist evident, wenn wir die psycho-sozialen Anteile der Wandlungsphase Wasser näher betrachten. Das Wollen Zhi als Triebkraft gesetzt, gelangt der Philosoph nach vielen Mühen und Reflexionen zur Weisheit Zhi und damit zum höchsten Ziel seiner sozialen Existenz.

Einige weitere Eigenschaften sollen noch genannt werden, um eine Wasser-Persönlichkeit zu kennzeichnen:

im positiven Sinn: offen und ehrlich, in sich gerichtet, bescheiden, wachsam, objektiv, neugierig, freimütig, kommunikativ, vorsichtig, ausführlich, sensibel, sparsam, klar und einleuchtend, nachdrücklich, kühlend, reinigend, konzentrierend, speichernd;

im negativen Sinn: zurückgezogen, reserviert, schweigsam, unverblühmt, spitz, durchdringend, beleidigend, unbeteiligt, kritisch prüfend, musternd, ausgefallen, exzentrisch, mißtrauisch, abergläubisch, fordernd, zynisch, voreingenommen, habgierig, neidisch, taktlos;

im pathologischen Sinn: Sarkasmus, katatone Starre, anonym, voyeuristisch, sich trennen, überkritisch, versponnen, überspannt, phobische Ängste, überempfindlich, selbstüberheblich, mißmutig, pessimistisch, geistesabwesend, mißgünstig;

Probleme mit: Geselligkeit, Kommunikation, Innenschau, Konformität, Großzügigkeit, Isolation, Selbstvertrauen, Wahrheit und Lüge, Bloßstellung, Selbstdarstellung, eingebildeten Krankheiten, Verzeihen, Nachtragen

 

 

Einen archaischen Wasser-Typus finden wir bereits im Nei Jing beschrieben:

"Die Wasser-Typen sind der hohen Yu-Note vergleichbar, und sie sind wie die Leute, die im Norden leben. Sie haben eine dunklere Gesichtsfarbe, rauhe Gesichter, eine großen Kopf mit breiten Wangenknochen, kleine Schultern und einen großen Bauch, ebenso große Hände und Füße. Ihr Körper schwankt hin und her beim Gehen, sie haben einen langen unteren Rücken, der deutlich länger ist als bei anderen Menschen. Sie kennen weder Respekt noch Angst vor anderen Menschen und sind gute Betrüger. Diese Menschen sind oft beleidigend zu anderen und gelegentlich werden sie deswegen getötet. Den klimatischen Bedingungen von Herbst und Winter sind sie gut angepaßt, im Frühling und Sommer werden sie leicht krank. Sie zählen zur Shao Yin-Leitbahn des Fußes, d.h. zur Nieren-Leitbahn. Diese Menschen schwitzen sehr leicht und zeichnen sich durch Selbstgefälligkeit aus. Sie verfügen über ein ausweichendes, verschlossenes Wesen, manchmal sind sie sehr still und zurückhaltend. Es gibt aber auch Menschen dieses Typs, die über ein sehr spontanes Wesen verfügen." (Ling Shu Kap. 64)

Auszug aus Lorenzen/Noll: Die Wandlungsphase Wasser, Müller & Steinicke Verlag, 2000