Die Feuerpersönlichkeit:
Wie jede andere Wandlungsphase hat auch das Feuer seinen Archetypus Mensch. Der Archetypus des Feuerelements ist der Alchemist, der Zauberer oder der Magier. Mit seinem Wissen über die Zusammenhänge in der Natur versucht er, wesensfremde Formen zusammenzubringen und durch Verschmelzung etwas qualitativ Neues hervorzubringen. Blei in Gold umzuwandeln ist auf der stofflichen Ebene die Transmutation der Metalle, Essenz in Geist zu veredeln der innermenschliche Umwandlungsprozeß.
Die Selbstwerdung/-findung des Menschen soll über einen Läuterungsprozeß stattfinden, in dem die geistigen Werte mit stofflichen Potentialen vereinigt werden. Das Ergebnis dieser Veredelung bringt einen neuen Menschen hervor, in der daoistischen Alchemie den heiligen Embryo als Symbol für das Wesen des neuen Menschen.
Die alchymische Hochzeit vereinigt Männliches und Weibliches, Yin und Yang, Du Mai und Ren Mai, Jing und Shen. Ein Mensch, der diese Stufe der Transformation erreicht hat, ist ein Zhen Ren = der wahrhaftige oder perfekte Mensch. Dieser wandelt im Einklang mit der Natur, Wu Wei ausübend, das Dao in sich tragend.
Ein Magier oder Zauberer hat im Gegensatz zum Alchemisten etwas anderes im Sinn. Er möchte seine eigenen, persönlichen Ziele erreichen und im negativen Sinne Macht auf andere ausüben.
Exkurs: Magie
Magie, von griechisch Mageia, heißt ursprünglich die Lehre der Zauberer. Darunter versteht man eine Sammelbezeichnung für Handlungen, mit denen der Mensch seinen eigenen Willen auf die Umwelt übertragen will. Die kausale Verknüpfung zwischen Handeln und Erfolg entspricht meist nicht dem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild. Das magische Denken vertraut auf eine kosmische Kraft, zu der ein Zauberer Zugang findet. Die magische Handlung oder auch magische Wirkkraft vollzieht sich in der Übereinstimmung (Vereinigung) des Magiers mit dieser Kraft des Himmels. Er kann diese Energie dazu verwenden, persönliche Ziele zu erreichen und Macht auszuüben oder Böses abzuwehren und Krankheiten zu heilen. Für die magischen Handlungen werden Worte ("Zaubersprüche"), Bilder ("Amulette") oder Gegenstände ("Figuren" oder "Nadeln") verwendet. Rituale, Tänze und Formeln helfen dem Zauberer, seine Wirkung zu erzielen.
Die weiße Magie will helfen und wird zum Wohle des Einzelnen oder einer Gruppe eingesetzt. Die schwarze Magie will schaden und ist nur auf den persönlichen Vorteil des Anwenders ausgerichtet.
In der chinesischen Kultur haben wir den Begriff Ling, der die Idee des Magischen und der Zauberei umschreibt. Ling bezeichnet jene Wirkkraft, die in der Lage ist, kosmische Energie zu binden und gezielt einzusetzen. Der Akupunkteur als Magier ist ein wesentlicher Bestandteil in jeder Nadel- und Moxatherapie. Viele der sogenannten "Wunderheilungen" lassen sich darüber erklären, daß die Absicht des Therapeuten mit den Kräften des Himmels im Einklang ist und so wirkliche Heilkraft entstehen kann!
Die schwarze Magie findet in China ihren Ausdruck z. B. im Wurmgift Gu Du. Dies ist eine antike Bezeichnung für alle Arten von Vergiftungen, von plötzlich auftretenden schweren Erkrankungen und Würmern im Bauch; das Wurmgift wurde nach antiker Anschauung dazu verwendet, Feinde aus dem Weg zu schaffen. Dazu wurden alle möglichen giftigen Insekten in einen Topf geworfen und gewartet, bis diese sich gegenseitig aufgefressen hatten; das überlebende Insekt verkörperte die Macht und das konzentrierte Gift aller anderen Tiere. Die Geschichte der chinesischen Medizin beschreibt viele Krankheiten wie Wahnsinn, Besessenheit und Geschlechtskrankheiten und plötzliche Tode als Wurm-Gift-Erkrankungen.
Verschmelzung ist somit ein inhärentes Prinzip des Magiers sowohl in der weißen als auch in der schwarzen Magie. Die Verbindung des Gewöhnlichen mit dem Außergewöhnlichen, die Vereinigung von menschlichem Streben mit göttlicher/teuflischer Absicht soll eine zauberhafte Wirkung erzielen. Ebenso wie sich im Feuer der Liebe Männliches und Weibliches vereinigen, um ein neues Leben hervorzubringen, zeigt der Zauberer seine katalysierende Kraft, wenn er unterschiedliche Dinge zu einer neuen Qualität zusammenführt. So kann er das Wesen der Menschen beeinflussen und bringt im besten Fall Licht, die Liebe und Klarheit in die Welt, im schlimmsten Falle Götzenanbetung, Voodoo-Zauber und schwarze Messen.
Das Bedürfnis nach Verschmelzung stellt ebenfalls einen wichtigen Aspekt der Feuerpersönlichkeit dar. Für gewöhnlich verkörpert der Archetypus Feuer das Herz einer Gruppe, eines Teams, einer Klasse oder einer Partei. Durch ihn entstehen Gemeinschaften, über ihn kann sich jedes Mitglied einer Gruppe mit dem Ganzen identifizieren. Gemeinschaftsgefühl, Wir-Gefühl und Zuversicht sind Empfindungen, die nur der Feuer-Typus in einer Gruppe entzünden kann. Ausdrucksstark und leidenschaftlich kann er durch feurige Reden und authentisches Verhalten viele Menschen erreichen und beeindrucken. Seine Inspiration und Offenheit machen ihn zu einem gern gesehenen Gesprächspartner. Er hilft einem, Klarheit in die eigenen Gedanken und Absichten zu bekommen. Er trennt Wichtiges von Unwichtigem und ist schnell in der Lage, den eigentlichen Kern eines Themas zu erfassen. Der Feuer-Typus ist leicht entflammbar. Er reagiert ständig auf Eindrücke und glänzt nach außen durch seine Präsenz und Attraktivität.
Wie ein Magnet zieht er Menschen an und ist so der geborene Typus des Führers. Weil er derart sensibel auf äußere Eindrücke reagiert, neigt der Feuer-Typus dazu, sich zu überladen, so daß sein Blick für die Realität und sein Differenzierungsvermögen getrübt werden. Manchmal ist es ihm sogar unmöglich, die eigenen Gedanken und Gefühle von denen der Außenwelt zu trennen. Ängstlichkeit und Verwirrung machen sich breit und sind so ständige Begleiter einer geschwächten Feuerpersönlichkeit. Das, was sonst sein Lebenselexier ist, kann nun kaum noch ertragen werden. Die Nähe von Menschen überfordert ihn, Umweltreize stören ihn, alles ist zuviel, es bleibt nur noch der Rückzug. So erleben wir den Feuer-Typus auch als sehr schwankenden Menschen, der unbeständig und unstet ist und kein Stehvermögen hat. Fehlt die stabilisierende Kraft des Wassers, kann das Feuer nicht haften und der Mensch nicht bleiben.
Einige weitere Eigenschaften sollen noch genannt werden, um eine Feuer-Persönlichkeit darzustellen:
im positiven Sinn: beeindruckend, verzaubernd, beredt, einschließend, lebendig, kommunikativ, charismatisch, optimistisch, präsent, sensibel, zartfühlend, hingebungsvoll, enthusiastisch, warmherzig, positiv, feurig, temperamentvoll, liebesfähig, witzig;
im negativen Sinn: grandios, aufreizend, geschwätzig, verführerisch, ausgrenzend, überempfindlich, sentimental, verschmelzend, anbetend, vergötternd, humorlos, schmachtend, devot, begehrend, ängstlich, pessimistisch, vernarrt;
im pathologischen Sinn: erschreckt, verstummt, kokett, leichtgläubig, naiv, flatterhaft, verwirrt, verloren, besessen, selbstsüchtig, panisch, verblendet, manisch, depressiv, wollüstig, ohne Freude;
Probleme mit: Grenzen, Raum, Trennung, Stimulation, Zukunft, Neuem, Unbekanntem, Träume, Schlaf, Ausdruck, Klarheit, Vergnügen, Schmerz, Sprache, Sprechen, Wärme, Kälte, Spontaneität, Spiritualität, Humor.
Einen archaischen Feuer-Typus finden wir bereits im Nei Jing beschrieben:
"Die Feuer-Typen sind mit der hohen Zhi-Note vergleichbar, und sie ähneln den Leuten des Südens. Ihre Gesichtsfarbe ist rot, weisen vollausgebildete Rückenmuskeln auf, haben ein schmales Gesicht, einen kleinen Kopf, wohlgeformte Schultern, Rücken, Oberschenkel und Unterleib, kleine Hände und Füße und haben einen gleichmäßigen Schritt beim Gehen. Sie schwenken ihre Schultern beim Gehen und besitzen voll ausgebildete Muskeln. Sie sind wagemutig, machen sich nicht viel aus Geld, brechen oft ihre Versprechen und sind nachtragend.Sie machen sich viele Sorgen, haben aber einen klaren Verstand. Sie sind im Wesen zu hektisch und haben deshalb kein langes Leben. Sie sterben oft vorzeitig. Im Frühling und Sommer können sie sich gut anpassen, im Herbst und Winter werden sie jedoch leicht krank. Diese Menschen zählen zum Shao Yin der Hand, also zur Herz-Leitbahn. Im Großen und Ganzen sind es bescheidene Leute. Viele haben einen für sich einnehmenden Wesenszug. Es gibt aber auch andere, die von aggressivem Wesen sind. Alle haben sie eine lebensbejahende Einstellung." (Ling Shu, Kap. 64)
Auszug aus Lorenzen/Noll: Die Wandlungsphase Feuer, Müller & Steinicke Verlag, 1998