Das Leichentuch aus dem Grab von Mawangdui:

Die drei Gräber von Mawangdui liegen in der östlichen Vorstadt von Changsha. Das erste Grab wurde 1972 freigelegt. Man fand dort die vollkommen erhaltenen Körper der Bestatteten, eine sehr reiche Grabausstattung (mit mehr als 1000 Beigaben) und eines der Meisterwerke der chinesischen Malerei, das Grabbanner der Marquise von Dai.

Grab Nr. 2 und 3 wurden ein Jahr später entdeckt. Sie ermöglichten die Zuordnung und Datierung der drei Gräber. Grab. Nr. 3 enthielt außerdem eine außerordentliche Sammlung von alten Texten, die auf Holz- und Bambustäfelchen und auf Seide geschrieben waren.

Wir haben hier drei Gräber, die einer einzigen Familie gehören, das von Li Cang, dem Marquis von Dai, der 186 v. Chr. starb, das seiner Frau, die wir die Marquise von Dai nennen wollen und die kurz nach 168 verstarb und das eines ihrer Söhne, der 168 starb. Der Staat Dai, mit dem man Li Cang belehnte, zählte 700 Haushalte. Es handelte sich also um einen sehr bescheidenen Sitz; die Einnahmen, die ein derartiges Lehen bot, liefern keine ausreichende Erklärung für den Reichtum, von dem die drei Gräber von Mawangdui zeugen. Li Cang scheint der letzte Premierminister gewesen zu sein, der vom König von Changsha ernannt wurde; seinen Nachfolger bestimmte die Zentralregierung.

Die Bauart der drei Gräber ist sich ähnlich: sie bestehen aus einem vertikalen Schacht, der etwa 16 m tief gegraben wurde und von einem kegelstumpfförmigen Tumulus von 50 bis 60 m Durchmesser bedeckt ist.

Der hölzerne Außensarg ruht auf Querstreben und ist auf allen Seiten mit einer Schicht aus 40 cm Holzkohle und einer 1 bis 1,30 m starken Lage von weißem Ton eingefaßt. Diese beiden Schichten (Holzkohle und weißer Ton) isolierten die Särge vollkommen. Sie waren luftundurchlässig und boten Schutz gegen Feuchtigkeit. Dadurch erklärt sich der erstaunliche Erhaltungszustand der Särge, der Körper der Verstorbenen und der Grabbeigaben. Über diesen Schutzschichten war der Schacht mit gestampfter Erde aufgefüllt.

 

 

Der Außensarg besteht aus 70 Balken und Brettern aus Zypressenholz, die mittels Zapfen, Zapflöchern und Holzdübeln miteinander verfugt sind. Er bildet eine richtige Kammer von 6,73 m Länge, 4,81 m Breite und 2,80 m Höhe.

Auf dem Deckel dieses letzten Sarges lag ein gemaltes Banner, dessen Vorderseite der Verstorbenen zugekehrt war. Die Verstorbene lag auf dem Rücken, das Haupt nach Norden gerichtet. Sie war in etwa 20 Gewänder gehüllt, wobei Seidenbänder das Ganze zusammenhielten. Der Leichnam (1,54 m groß) war unversehrt, Haut und Muskeln, selbst die Organe hatten eine gewisse Elastizität behalten.

Die Bauweise der Gräber in Mawangdui – ein vertikaler Schacht, der mehrere ineinandergefügte Särge enthält – geht auf die alte Zhou-Tradition zurück, im Fall von Mawangdui aber besonders auf die Tradition des Königreiches Chu.

Von der Liebe der Marquise von Dai und ihres Sohns zur Musik zeugen die Modelle von Instrumenten, die man ihnen ins Grab gegeben hat, mehr noch als die Figuren der Musikanten, die auch in anderen Han-Gräbern häufig zu finden sind. Auch wenn man noch wenig von der Musik der Han-Zeit kennt, weiß man aus der Literatur, daß die musikalische Tradition von Chu sehr geschätzt wurde und am Hofe der West-Han-Zeit eine wichtige Stelle innehatte.

Der Marquise von Dai wurde eine Zither Se mit ins Grab gegeben, die mit vier Pflöcken, 25 Saiten und ebensovielen beweglichen Stegen ausgestattet war. Man spielte sie meist kniend, die Füße unter den Körper geschlagen, das Instrument vor sich gelegt. Im Grab entdeckte man auch eine Mundorgel Yu aus Bambus mit 22 in zwei Reihen angeordneten Pfeifen. Der Tonumfang wird durch ein Spiel von zwölf Bambusrohren der Mundorgel gebildet, die unterschiedlich lang sind und die zwölf Töne der chinesischen Tonleiter ergehen.

Mit dem Sohn des Marquis von Dai waren eine Reihe von Schriften begraben Zur Han-Zeit war es keinesfalls außergewöhnlich, einen Teil der Bibliothek oder des Archivs, d.h. Werke oder Dokumente, die für den Toten von Bedeutung waren, ihm mit ins Grab zu geben. Diese Werke sind uns so unerwartet erhalten geblieben. Zu den wichtigsten Schriften aus Mawangdui gehören:

gungen;

Schriften einer Schule, die auf halbem Wege zwischen dem klassi-

schen Daoismus des Laozi und der legalistischen Tradition zu stehen

scheint;

Reiche;

daoistische Atemtechniken veranschaulicht;

te;

Die Texte bestehen aus vertikalen Reihen von 60 bis 70 Schriftzeichen, wobei die Reihen manchmal rot umrandet sind. Einige sind in einer Mischung von Xiaozhuan (kleine Siegelschrift) und Lishu (Kanzleischrift) geschrieben und könnten aus der Regierungszeit von Gaozu stammen, andere sind in reiner Lishu verfaßt und datieren aus der Regierungszeit von Wendi (179 – 157 v. Chr.).

Mehrere Schriften sind auf Rollen gewickelt, die meisten jedoch wurden zusammengefaltet in eine Lackschachtel gelegt. Außer Seidenmanuskripten enthielt das Grab Nr. 3 ein auf Holz- und Bambustäfelchen verfaßtes Grabinventar sowie ein medizinisches Traktat.

In der Periode der frühen Han-Zeit (2. Jahrhundert v. Chr.) war der Daoismus besonders hoch angesehen. Das Daodejing wurde nicht nur als philosophischer Text gelesen, sondern auch als Leitfaden der Lebensführung angesehen, besonders für die Kunst zu regieren. Diese war eng verbunden mit der Suche nach dem Heil und der Langlebigkeit, die der Herrscher oder sein Gesandter auf lokaler Ebene betrieben.

Der Glaube ans Jenseits, soweit er sich aus den Bannern und den bemalten Särgen der Gräber von Mawangdui erahnen läßt, ist noch mit dem alten Fundus der kosmologischen und schamanischen Traditionen verknüpft. Die Deutung dieser sehr komplexen Werke ist in vielen Punkten umstritten, doch liefert uns die chinesische Malerei hier mit einem ihrer frühesten Beispiele zugleich eines ihrer Meisterwerke.

Die verschiedenen Deutungen stimmen jedoch hinsichtlich der großen Themen überein, die für uns hier von Belang sind: es geht um die Darstellung des Verstorbenen während seiner Reise ins Jenseits, um das Aufsteigen seiner Seele Hun zur Unsterblichkeit, den Schutz, der ihm dabei zuteil wird, und schließlich um die Verbindung zwischen Götter- und Menschenwelt, die der Aufstieg voraussetzt.

Das Leichentuch aus dem Grab von Mawangdui ist das Banner der Marquise von Dai. Es befand sich auf dem Deckel ihres Sarges und besteht aus drei zu einer T-Form zusammengenähten Stücken Seide. Das Banner ist 2,05 m lang, 92 cm oben und 47,7 cm unten breit. Im Inventar ist es als Fei Yi ("fliegendes Gewand") bezeichnet; seine Umrisse gleichen in der Tat denen eines geschlossenen Kimono. Der obere Rand war auf einem Bambusstock aufgerollt und mit einer Schnur versehen, so daß man es aufhängen und vielleicht sogar im Trauerzug mittragen konnte, bevor es ins Grab gelegt wurde.

Wir wollen uns an dieser Stelle nur mit der Ikonographie beschäftigen, die sich auf den Übertritt ins Jenseits konzentriert. Der lebende Mensch besitzt zwei Arten von Seelen, die drei Hun (San Hun ) oder erhabenen Seelen sowie die sieben Po (Qi Po) oder niederen Seelen; jede der beiden Gruppen wird in sich als Einheit aufgefaßt, so daß man auch von zwei Seelen sprechen kann. Im Tode scheiden sie sich: Die Hun-Seele beginnt ihren gefährlichen Aufstieg zum Himmel und zum Bereich der Unsterblichkeit; die Po-Seele verbleibt eine gewisse Zeit im Grab, bevor sie zum rückkehrenden Gui wird oder zu den Gelben Quellen in den Tiefen der Erde hinabsinkt.

Das Schicksal der Po-Seele nach dem Tod wird je nach Überlieferung unterschiedlich ausgelegt; alle sind sich jedoch darin einig, daß es notwendig ist, diese Seele mit genügend Opfergaben zu versehen, damit sie möglichst lange beim Leichnam verharrt und nicht Rache bei den Überlebenden sucht. Die Grabbeigaben sind außer den Gaben der Hinterbliebenen hauptsächlich Opfergaben an die Po-Seele. Wir beschreiben dies alles in sehr vereinfachter Form; dadurch sollte trotzdem die Auffassung deutlich werden, die hinter dem Begräbnisritual und dem Sehnen der Menschen jener Zeit liegt. Das Leben ist hier in einem allumfassenden Mythos verwurzelt und Teil einer Kosmogonie, zu der wir größtenteils den Zugang verloren haben.

Charakteristisch für die traditionelle chinesische Kultur ist die Freude an Legenden, die versteckte Allgegenwart der Geister und das Bedürfnis, mit ihnen durch Vermittlung von Schamanen in Verbindung zu treten. Diese Kennzeichen finden ihren Ausdruck im Shan Hai Jing (dem Klassiker der Berge und Seen), von dem einige Teile bis ins 4.Jahrhundert v. Chr. zurückgehen mögen, vor allem aber in den Elegien von Chu, einer Gedichtsammlung von Qu Yuan (340 – 278 v. Chr.) und anderer Dichter aus dieser Zeit. Das Banner aus Mawangdui kann vor allem unter Zuhilfenahme dieser Schriften untersucht und interpretiert werden.

Die Malerei ist in drei Zonen gegliedert: die Unterwelt, (rund um zwei Fische im unteren Bildteil), die Erde (die oberen zwei Drittel des senkrechten Teils) und der Himmel (der horizontale Streifen des T’s).

Die Unterwelt mit ihren Wassern und ihrer Dunkelheit wird durch zwei große, miteinander verschlungene Fische dargestellt. Von hier steigen zwei Drachen auf, der eine rot, der andere weißlich-blau. Sie erheben sich in völlig symmetrischer Bewegung, haben eine Bi-Scheibe aus Jade durchdrungen, verschlingen sich und steigen weiter auf.

Die Drachen sind die Reittiere der Gottheiten und auch der Hun-Seelen, die sie während ihres Aufstiegs in die Unsterblichkeit nach oben tragen.

Auf dem Rücken der Fische steht ein Atlant; zwischen seinen Beinen windet sich eine Schlange, deren Schwanz und Haupt mit den Drachenkörpern verschlungen sind. Der Atlant trägt die erste Plattform, die zur irdischen Welt gehört. Auf der Plattform sitzen sechs Menschen einander gegenüber, auf beiden Seiten von dem, was wir für den in Seide gehüllten und auf ein Lager gebetteten Körper der Verstorbenen halten. Eine siebte Person steht hinten links. Im Vordergrund sind Gefäße aufgestellt, in denen Opfer dargebracht werden, drei große Kessel vom Typ Ding sowie zwei Flaschen vom Typ Hu .

Im Hintergrund erkennt man einen Tisch mit Flügeltassen und Vasen. Es handelt sich gewiß um eine Opferhandlung, die die Familie für die Verstorbene vollzieht.

Die Szene wird nach oben hin durch einen großen Klangstein aus Jade vom Typ Heng abgeschlossen. Er hängt an einem Band von einer Bi-Scheibe herab, und ober ihm schwingen seitliche Bänder zu den Bildrändern hin aus. Die Bi-Scheibe und das Heng-Gehänge sind zwei kostbare Dinge, deren Vereinigung hier an die Vorstellung der Verbundenheit zwischen dem Himmel und den Menschen, zwischen den Lebenden und den Toten geknüpft ist; sie beschützen die Seele der Verstorbenen auf ihrer Reise zum Himmel.

Über der Bi-Scheibe steigt ein Pfosten schräg an, der von zwei roten Leoparden flankiert wird. Darauf erhebt sich eine zweite, weiße Plattform. In ihrer Mitte steht eine alte Frau und stützt sich auf einen Stock. Vor ihr knien zwei Männer, hinter ihr stehen drei Frauen. Obwohl die Fachleute bezüglich der Interpretation dieser Szene, die für das Werk von zentraler Bedeutung ist, geteilter Meinung sind, stimmen sie doch darin überein, daß die in der Mitte befindliche Figur die Verstorbene darstellt. Ihr Gewand ist mit den gleichen Wolkenmotiven geschmückt wie der Stoff auf dem Lager in der unteren Bildzone. Einige Fachleute sind der Ansicht, daß hier himmlische Boten dargestellt sind, die die Verstorbene in Empfang nehmen, andere glauben, daß es sich bei dieser Szene um den Ritus der Seelenanrufung handle.

Während dieses Ritus ruft die Familie die Hun-Seele der Verstorbenen und fordert sie auf, in ihre alte Heimat zurückzukehren; folgt man dieser Interpretation, so wäre hier der Empfang der Seele zu sehen. Einer dritten Erklärung zufolge handelt es sich bei dieser Plattform um einen von zwei Drachen gezogenen Wagen, auf dem die Verstorbene ihren Aufstieg zum Himmel in Begleitung ihrer Dienerschaft vornimmt.

Die Szene wird von einer Eule und einem Baldachin, dem Symbol der Würde, überragt. Die zwei Vögel auf dem Baldachin sind vielleicht Phönixe, prachtvolle Vögel, die die Seele auf ihrer Reise zum Himmel begleiten. Die Leoparden bei dem Pfosten erfüllen die gleiche Schutzfunktion.

Oberhalb des Baldachins und der Szene, die wahrscheinlich den Aufstieg zu den Gefilden der Unsterblichen darstellt, führt eine Art Tür zum oberen Teil, das heißt zum Himmel. Auch hier sind die Türpfosten von Leoparden bewacht. In der Tür sitzen zwei Figuren, bei denen es sich, wie manche glauben, um Gottheiten handelt, die mit dem menschlichen Geschick betraut sind, oder auch, nach anderer Meinung, um Boten des himmlischen Kaisers, die gekommen sind, die Seele zu empfangen. Weiter oben hängt eine Glocke an zwei Schnüren herab. Zwei berittene Unsterbliche auf phantastischen Pferden halten die Seile.

Am Bildrand oben links sieht man die Mondsichel mit Hase und Kröte. Die junge Frau auf dem Flügel des Drachen darunter ist vielleicht Chang E, die Gemahlin des Bogenschützen Yi, der das Kräutlein der Unsterblichkeit gestohlen hatte und sich damit in den Himmel schwang, wo er seither im Monde wohnt. Symmetrisch dazu erkennt man auf der rechten Seite die Sonnenscheibe mit ihrem Symbol und ihrer Wesenheit, dem Raben. Darunter sieht man einen Baum, dessen Zweige sich um einen Drachen schlingen. Wahrscheinlich ist der Maulbeerbaum Fu Sang dargestellt, in dem sich das Gestirn ausruht, bevor es allmorgendlich am Himmel aufsteigt. Die acht kleinen roten Scheiben in den Zweigen des Baumes symbolisieren vielleicht die verschiedenen Stationen der Sonne während ihres Tageslaufs.

In der Mitte oben sitzt eine weibliche Gottheit mit menschlichem Körper, der in ein blaugrünes Gewand gekleidet ist und in den sich ringelnden Schwanz einer roten Schlange ausläuft. Wahrscheinlich ist es Nu Gua , Schöpferin und Ahnherrin der Menschheit, die hier den himmlischen Kaiser vertritt. In der chinesischen Mythologie ist Nü Gua die Schwester des Fu Xi , dem Urvater der Zivilisation und der Begründer des Buches der Wandlungen, das Yi Jing. Als mythische Figuren gelten beide als die verkörperten Ursymbole von Yin und Yang, aus denen die Myriaden der 10000 Wesen entstanden sind.