Institut für Pädagogik der CAU-Kiel, WS 2004-2005

Hauptseminar: Anthropologische Grundlagen von Erziehung und Bildung

Dozent: Prof. Dr. Karlheinz Biller

Referent: Udo Lorenzen

Thema: Homo Patiens – der leidende Mensch

Literatur: Victor Frankl – Ärztliche Seelsorge, München, 1973

derselbe: Die Psychotherapie in der Praxis, Wien, 1961

http://www.m-ww.de/persoenlichkeiten/frankl.html

 

 

 

Viktor E. Frankl

Neurologe und Psychologe

* 26. März 1905 in Wien

† 2. September 1997 in Wien

 

 

 

Homo Patiens – der leidende Mensch

 

1). Biografie V. Frankl:

Viktor E. Frankl wurde im Jahre 1905 in Wien als zweites von 3 Kindern geboren. Die Mutter stammte aus Prag, während der Vater aus Südmähren kam.

1923 legte Frankl das Abitur ab, u.a. mit einer Arbeit mit dem Thema: "Die Psychologie des philosophischen Denkens".

Im Jahre 1926 verwendete er erstmalig den Begriff Logotherapie.

Im Jahre 1930 organisierte er zur Hilfe von Schülern eine Sonderaktion zur Zeit der Zeugnisausgabe. Daraufhin gab in Wien keine einzige Selbsttötung von Schülern in diesem Jahr zu verzeichnen.

1933-1937 leitete er im psychiatrischen Krankenhaus in Wien den sogenannten "Selbstmörderpavillon", wo er jährlich bis zu 3000 selbstmordgefährdete Frauen betreute.

1937 eröffnete er eine Praxis für Neurologie und Psychiatrie.

1940 erhielt er unter den Nationalsozialisten die Leitung der Neurologischen Station am Rothschild Spital. Dort wurden nur jüdische Patienten behandelt. Unter eigener Lebensgefahr umging er dort die angeordnete Vernichtung von Geisteskranken, u.a. durch gefälschte Gutachten.

1942 wurden er, seine Frau Tilly Grosser sowie seine Eltern in das Ghetto in Theresienstadt, nördlich von Prag, verbracht. Dort verstarb der Vater im Jahre 1943.

1944 wurden Frankl, seine Ehefrau und seine Mutter nach Auschwitz deportiert. Die Mutter wurde dort kurz darauf ermordet während seine Frau nach Bergen-Belsen verbracht wurde, wo sie kurz darauf, mit nur 24 Jahren, verstarb. Frankl selbst überlebte das Konzentrationslager.

1946 wurde er Vorstand der Wiener Neurologischen Poliklinik und behielt diese Position bis zum Jahre 1971.

1948 wurde Frankl Privatdozent für Neurologie und Psychiatrie an der Wiener Universität. Er gründete einige Jahre später die österreichische Ärztegesellschaft für Psychotherapie und wurde deren 1. Präsident.

1955 erhielt er von der Wiener Universität den Professorentitel. Er erhielt einige Gastprofessuren in den USA, so in Pittsburgh oder in Dallas.

1992 wurde zu seinen Ehren in Wien das "Viktor Frankl-Institut" gegründet.

1997 erschien seine letzte Veröffentlichung in Buchform, und zwar unter den Titel "Man's Search for Ultimate Meaning". Er verstarb am 2. September des Jahres 1997 in Wien an Herzversagen.

 

2). Homo patiens - der leidende Mensch:

Aus dem lateinischen patiens bedeutet es: etwas ertragend, erduldend, geduldig, auch: hart, enthaltsam, genügsam; der Begriff ist abgeleitet von patior = ertragen erleiden, erdulden; daher kommt u.a. die Patience, ein Geduld erforderndes Kartenspiel.

Aus dem anthropologischen Menschenbild Homo patiens leitet sich schließlich der Patient ab, der Leidende, ein Kranker, der einer therapeutischen (ärztlichen) Behandlung bedarf

Frankl betrachtete den Menschen von einem tiefen Gefühl der Sinnlosigkeit bedrängt und verunsichert. Nicht in der sexuellen Frustration (Freud) oder im Minderwertigkeitsgefühl (Adler) sondern in der existentiellen Frustration sieht Frankl das Hauptproblem des Menschen in unserer Zeit. Er spricht sogar von einem "existentiellen Vakuum" Das Zustandekommen dieses Vakuums erklärt er so:

"Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er muss; und dem Menschen von heute sagen keine Traditionen mehr, was er soll; und oft scheint er nicht mehr zu wissen, was er eigentlich will."

Das Sinnlosigkeitsgefühl kann so stark werden, daß es pathogen wird. Frankl spricht dann von noogener Neurose. Er nimmt an, daß ca. 20% aller Neurosen noogen bedingt sind. Viktor Frankl sagt, das Leiden entsteht, wenn der Mensch seine Existenz als sinnlos empfindet bzw. Schwierigkeiten hat, seinem Leben einen Sinn zu geben. Sinnfindung ist die Grundlage seiner Existenzanalyse oder Logotherapie: Ziel ist Neuorientierung durch Sinnfindung und Annehmen des Leidens.

Damit wendet Frankl sich deutlich von den Zielen und Werten eines Sigmund Freud ab, der das Entstehen von Leiden mit einem gestörten Sexualtrieb erklärt und in der Psychoanalyse versucht, durch eine gesunde Sexualität Genussfähigkeit und eine Anpassung an die Realität zu erreichen. ("Wo Es ist, soll Ich werden!")

 

Auch von Alfred Adler, dem Begründer der Individualpsychologie, distanziert Frankl sich, indem er dessen Theorie als zu einseitig auf das Individuum gerichtet betrachtet: Adler sagt, seelisches Leiden entsteht in einer Störung des Aggressionstriebes, wodurch im Menschen ein gestörtes Selbstbewusstsein entsteht.

Ziel Adlers Therapie ist, durch Anpassung an die Realität Geltung, Macht und Verantwortungsbewusstsein zu erlangen. Scheler umschreibt dies abfällig mit: der "Streber".

 

3). Die drei Wertkategorien:

Frankl unterscheidet drei Wertkategorien, die dem Leben einen Sinn vermitteln können. In ihnen soll sich der gesunde Mensch flexibel ("wendig") hin- und her bewegen.

Für Victor Frankl folgt daraus, dass solange ein Sinn in irgendeiner der drei Wertkategorien gefunden werden kann, das Leben nicht sinnlos sein kann. Ja sogar, dass nicht nur im Schaffen und im Erleben das menschliche Leben sich zu erfüllen vermag, sondern auch noch im Leiden!

"Denn das Leben erweist sich grundsätzlich auch dann noch als sinnvoll, wenn es weder schöpferisch fruchtbar noch reich an Erleben ist. Der Sinn des Lebens verwirklicht sich auch in dem Sinne, wie sich der Mensch zu den Einschränkungen seines Lebens stellt. .. Denn wie der Mensch sich zu einem unabänderlichen Schicksal einstellt, darauf kommt es hier an."

Kann ein Mensch z.B. auf Grund einer Krankheit die ersten beiden Formen von Werten nicht mehr verwirklichen, kann er nach Frankl zur höchsten Form der Wertverwirklichung gelangen, indem er sich von sich selbst distanziert und über sich hinaus auf den Sinngrund verweist. Es geht um die personale Auseinandersetzung mit einem irreversiblen Schicksal. Frankl möchte Menschen zur Bejahung und Annahme von Leiden führen, welches nicht mehr abwendbar ist.

"Die Einbeziehung dieser letzten Wertkategorie hat zur Folge, 'daß die menschliche Existenz eigentlich niemals wirklich sinnlos werden kann: das Leben des Menschen behält seinen Sinn bis in ultimis'." So behält das Leben des Menschen einen Sinn, solange er atmet!

Der Mensch ist "nicht zum Vergnügen" auf der Welt". Frankl sagt, dass die Lust allein gar nicht imstande ist, dem Leben des Menschen einen Sinn zu geben. Solange sie dies nicht vermag, kann aber auch der Mangel an Lust dem Leben den Sinn nicht nehmen.

Im Schaffen verwirklicht der Mensch schöpferische Werte, im Erleben Erlebniswerte und im Leiden Einstellungswerte. Die Auseinandersetzung mit dem schicksalhaft Gegebenen ist letzte Aufgabe und eigentliches Anliegen des Leidens. An zwei Beispielen soll dieses kurz erläutert werden:

 

Beispiele:

a). Arbeitslosigkeit - Arbeitslosigkeitsneurose:

Die existenzielle Bedeutung des Berufes auch als Ausdruck persönlicher Identität ist dann besonders deutlich, wenn er gänzlich wegfällt, sei es im Fall von Verlust des Arbeitsplatzes oder beim Renteneintritt. Der Arbeitslose/Rentner fällt hier oft in ein tiefes Loch. Er entwickelt eine Form von Apathie, die ihn daran hindert, auf anderen Wert-Ebenen einen Sinn zu finden. Diese Apathie führt nicht selten zu einem tiefen Gefühl der Minderwertigkeit und in eine soziale Isolation.

"Der Arbeitslose erlebt die Unausgefülltheit seiner Zeit als eine innere Unausgefülltheit, als eine Unausgefülltheit seines Bewusstseins. Er fühlt sich unnütz, weil unbeschäftigt. Weil er keine Arbeit hat, meint er, sein Leben habe keinen Sinn."

Frankl betrachtet den unter der Arbeitslosigkeit Leidenden unter besonderen Umständen sogar als neurotisch:

"Wie wir gesehen haben, kann als Mittel zum neurotischen Zweck sowohl die Arbeitslosigkeit als auch die Berufsarbeit missbraucht werden. Von dieser neurotischen Verwendung als Mittel zum Zweck ist aber jene richtige Einstellung wohl zu unterscheiden, die dafür sorgt, dass die Arbeit ein Mittel zum Zweck sinnvollen Lebens bleibt. Denn die Würde des Menschen verbietet, daß er selber zu einem Mittel werde, daß er zum bloßen Mittel des Arbeitsprozesses, zum Produktionsmittel degradiert werde. Arbeitsfähigkeit ist nicht alles, sie ist weder ein zureichender noch ein notwendiger Grund, um das Leben mit Sinn zu erfüllen. Ein Mensch kann arbeitsfähig sein und trotzdem kein sinnvolles Leben führen; und ein anderer kann arbeitsunfähig sein und trotzdem seinem Leben Sinn geben. Von der Genussfähigkeit gilt im allgemeinen das gleiche".

Hier eine existenzielle Umdeutung der schöpferischen Werte durch den Beruf in Erlebniswerte zu erreichen oder sogar neue Einstellungswerte mit dem Leidenden zu erarbeiten, wäre im Sinne Frankl`s Logotherapie. Ob dies eine der Aufgaben der helfenden Berufe in der heutigen Zeit sein kann, mag dahin gestellt sein. (später dazu einige kritischen Anmerkungen)

 

b). Klimakterium - Klimakterische Neurosen

Im Bereich klimakterisch-neurotischer Erkrankungen wird die Psychodynamik vor allem durch die sogenannte Torschlusspanik repräsentiert. Es geht um die Frustration der Kinderlosigkeit bzw. der Unfähigkeit noch Kinder zu kriegen ab einem bestimmtem Alter der Frau.

"Aber die Frustration ist nicht bloß, wie es die Psychiatrie annimmt, eine sexuelle, bedeutet also nicht nur geschlechtliches Unbefriedigtsein; sondern wir selbst verstehen darunter in erster Linie eine existentielle Frustration, die Unerfülltheit eines Menschen hinsichtlich des Sinnes seines Lebens."

Eine der Möglichkeiten, ihr Dasein sinnvoll zu gestalten, ist für die Frau zweifellos zu finden in der Ehe und im Mutterwerden. Wenn diese Wertmöglichkeit aber nicht in ihrer Relativität belassen, sondern verabsolutiert wird, dann kann dies die Frau in eine existentielle Verzweiflung treiben. Dieser Verzweiflung entgeht die unverheiratet und kinderlos bleibende Frau nur, indem sie bewusst Verzicht leistet. Der Verzicht wird nur möglich, wenn die betreffenden Frauen davon überzeugt werden können, daß Liebesglück und Mutterschaft wohl eine, aber eben keineswegs die einzige Möglichkeit darstellen, dem Leben einen Sinn zu geben.

Ein altes chinesisches Sprichwort sagt zwar, jeder Mann solle in seinem Leben einen Baum gepflanzt, ein Buch geschrieben und einen Sohn gezeugt haben; aber hielte man sich daran – die meisten Männer müssten ebenso am Sinn ihres Lebens verzweifeln.

"Wie arm wäre doch das Leben, wenn es – neben der Elternschaft – keine anderen Möglichkeiten sinnvoller Gestaltung zuließe! Was wäre das aber auch schon für ein Le- ben, dessen Sinn damit stünde und fiele, daß man heiratet und Kinder kriegt, Bäume pflanzt und Bücher schreibt? In Wirklichkeit läuft eine solche Einschränkung der Sinnmöglichkeiten auf eine Entwertung des Lebens hinaus – und auf eine Entwürdigung der Frau."

Aber nicht nur die Mütterlichkeit wird verabsolutiert, sondern auch die Jugendlichkeit: jugendliches Aussehen um jeden Preis – so lautet die Devise, und zwar eine vom Zeitgeist diktierte Devise. Dass ein krampfhaftes Bemühen in dieser Richtung sich ebenfalls im pathologischen Sinne auswirken muss, ist schon von Frankl in den 30-ger Jahren beschrieben und wird heutzutage mit der "Forever Young"-Ideologie noch auf die Spitze getrieben.

 

4). Die Fähigkeit zu leiden:

"Solange wir leiden, bleiben wir seelisch lebendig, im Leiden reifen wir, an ihm wachsen wir".

Der Leidensdruck ist eine Grundvoraussetzung für jede Therapie/Interaktion eines professionellen Helfers! Ohne Leidensdruck gibt es keine Patienten, der gesunde Mensch genießt das Leben, hat keine Symptome und braucht keinen Helfer.

Aber nach Frankl gibt es eine Abwesenheit von Leiden ("Apathie"), die einen kranken Menschen beschreibt, der zwar Hilfe braucht, aber sie nicht unbedingt sucht.

Es leiden nicht wirklich im Sinne der Logotherapie Frankl’s:

a). Der Mensch, der sich von einem Unglück abzulenken oder sich zu betäuben versucht; er löst sein Problem nicht, sondern er versucht, das Leiden zu umgehen (z.B. sich betrinkt nach einem Verlust); viele Suchtformen haben dieses Grundmuster

b). Melancholia anaesthetica = die Unfähigkeit, traurig zu sein, gefühlskalt, innerlich wie abgestorben. Der an Melancholia anaesthetica Leidende leidet unter seiner Unfähigkeit zum Leiden! Wir haben hier äußerst verschlossene Menschen vor uns, die keinen Zugang mehr zu ihren Gefühlen haben.

 

5). Die Bedeutung des Leidens:

"In der Existenzanalyse erweist sich der Sinn des Leidens, erweist sich das Leiden als sinnvoll zum Leben gehörig. Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod. Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt".

Es kann der Fall eintreten, dass der Menschen leidensfähig werden muss, um seinem Leben einen Sinn zu geben, z. B nach einer schweren Krankheit, einem Unfall, jede plötzliche Versehrtheit, die eine Fortsetzung des vorherigen Lebens unmöglich macht.

Es gibt viele Beispiele für eine neue Sinnfindung aus existenzieller Not heraus. Heldenromane sind oft nach diesem Muster gestrickt. Aber auch viele Filme schaffen ihren besonderen Reiz eben durch diese Wandlungen zwischen den Wertkategorien.

6). Diskussion:

In der Kürze der Zeit war eine größere Diskussion über das Thema nicht möglich. Die Annahme, dass Langzeitarbeitslose über eine Veränderung ihrer Wertkategorien eine gelassenere Einstellung zu ihrer Situation bekommen, wurde zu Recht kritisiert. Denn der Verzicht auf schöpferische Werte im Arbeitsprozess zu Gunsten von Erlebniswerten hat dort seine Grenzen, wo Erlebnisse Geld kosten oder die Familie mit in Not gerät und soziale Probleme auftreten. Hier auf eine Veränderung der Wertkategorien (Einstellungswerte) hinzuarbeiten, erscheint zynisch gerade in Hinblick auf die schillernde Konsumwelt der Märkte und Medien. Denn wer nicht markengerecht konsumieren kann, ist ein Loser, dies ist heute schon die Einstellung der Jugend. Und ein Winner zeichnet sich eben durch die Möglichkeiten seines materiellen Konsums aus. Hier andere Einstellungen zu vermitteln, ist schon in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kaum möglich, bei Erwachsenen höchstens über spirituelle und religiöse Ideen zu erreichen.

Ich erinnere mich an eine Zeit (1982-1986), in der ich als Sozialpädagoge Asylbewerber betreut hatte. In dem Wohnheim, welchem ich als Leiter vorstand, waren 50 Flüchtlinge verschiedener Nationalitäten, die auf das Ergebnis ihres Asylantrages warteten. Zur Untätigkeit verdammt, konnten sie weder über Erlebniswerte ihre persönliche Stabilität aufrechterhalten noch über veränderte Einstellungswerte, denn für das Erste war kein Geld vorhanden und für das Zweite keine Zeit, weil die Asylanträge in der Periode der "Asylantenschwemme" fast alle negativ verabschiedet wurden. Die Abschiebung ins Heimatland schwebte also über dem Flüchtling wie ein Damoklesschwert.

So kam es neben massiven psychischen Veränderungen der Ausländer auch zu einem erheblichen Anteil von Kriminalität, wobei die Schwarzarbeit den größten Anteil daran ausmachte. Hier spiegelt sich für mich das Grundbedürfnis nach schöpferischen Werten in der Arbeit wieder, die einen integralen Bestandteil der menschlichen Identität und Würde ausmachen.

Die Rolle des professionellen Helfers als Begleiter des Leidenden wurde noch diskutiert. Es geht nicht nur darum, ein Mitgefühl zu entwickeln (Homo Compatiens), um überhaupt Zugang zum Leidenden zu bekommen, sondern aktive Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, damit der Kranke Eigenverantwortlichkeit zurückgewinnen und der Helfer sich aus der aktiven Rolle zurücknehmen kann. Dies erfordert ein flexibles Verändern des Nähe-Distanz-Verhältnisses zum Klienten und ein sorgfältiges Einschätzen der Veränderungen beim Leidenden.

Ob der Pädagoge überhaupt der richtige Ansprechpartner für einen leidenden Patienten ist, entscheidet sein Berufsumfeld, das Klientel sowie die Proffesionalisierung und berufliche Kompetenz des Pädagogen.

Handout:

 

Homo Patiens – der leidende Mensch

patiens = etwas ertragend, erduldend, geduldig, auch: hart, enthaltsam, genügsam;

von lat. patior = ertragen erleiden, erdulden; (Patience = ein Geduld erforderndes Kartenspiel)

Patient = der Leidende, ein Kranker, der einer therapeutischen (ärztlichen) Behandlung bedarf

Freud: Leiden entsteht liegt im gestörten Sexualtrieb, Psychoanalyse: Ziel ist Genussfähigkeit "Wo Es ist, soll Ich werden!" (der "Genießer")

Adler: Leiden entsteht im gestörten Agressions/-Geltungstrieb; Individualpsychologie: Ziel ist Selbstbewusstsein durch Geltung, Macht und Verantwortungsbewusstsein (Scheler abfällig: Der "Streber")

Frankl: Leiden entsteht in der Sinnlosigkeit bzw. gestörten Sinnfindung der menschlichen Existenz; Existenzanalyse oder Logotherapie: Ziel ist Sinnorientierung durch Sinnfindung und Annehmen des Leidens (der "Leidende")

War für Freud der Mensch lustorientiert und für Adler machtorientiert,

so ist der Mensch für Frankl sinnorientiert.

Sinn des Lebens:

erzielt man nach Frankl in drei möglichen Wertkategorien, in denen der gesunde Mensch flexibel ("wendig") hin- und her - wechseln kann.

schöpferische Werte: durch die Arbeit, durch Tun jeglicher Art, Werte, die sich durch ein aktives Schaffen verwirklichen;

Erlebniswerte: werden realisiert durch das passive Aufnehmen der Welt, z.B. in der Hingabe an die Schönheit der Natur, der Kunst, der Musik

Einstellungswerte: werden überall dort verwirklicht, wo ein Unabänderliches, etwas Schicksalhaftes, als solches eben hingenommen werden muss.

Daraus folgt für Frankl, dass nicht nur im Schaffen und im Erleben das menschliche Leben sich zu erfüllen vermag, sondern auch noch im Leiden!

Zitat: "Denn das Leben erweist sich grundsätzlich auch dann noch als sinnvoll, wenn es weder schöpferisch fruchtbar noch reich an Erleben ist. Der Sinn des Lebens verwirklicht sich auch in dem Sinne, wie sich der Mensch zu den Einschränkungen seines Lebens stellt. .. Denn wie der Mensch sich zu einem unabänderlichen Schicksal einstellt, darauf kommt es hier an."

So behält das Leben des Menschen einen Sinn, solange er atmet!

Der Mensch ist "nicht zum Vergnügen" auf der Welt". (Das Leben ist kein Wunschkonzert). Frankl meint, dass die Lust gar nicht imstande ist, dem Leben des Menschen einen Sinn zu geben. Solange sie dies nicht vermag, kann aber auch der Mangel an Lust dem Leben den Sinn nicht nehmen.

Im Schaffen verwirklicht der Mensch schöpferische Werte, im Erleben Erlebniswerte und im Leiden Einstellungswerte. Die Auseinandersetzung mit dem schicksalhaft Gegebenen ist letzte Aufgabe und eigentliches Anliegen des Leidens.

 

Beispiele:

Es leiden nicht wirklich im Sinne der Logotherapie:

  1. Der Mensch, der sich von einem Unglück abzulenken oder sich zu betäuben versucht, löst kein Problem, er versucht, das Leiden zu umgehen (z.B. Süchte!)
  2. Melancholia anaesthetica = die Unfähigkeit, traurig zu sein, gefühlskalt, innerlich wie abgestorben. Der an Melancholia anaesthetica Leidende leidet unter seiner Unfähigkeit zum Leiden!

"In der Existenzanalyse erweist sich der Sinn des Leidens, erweist sich das Leiden als sinnvoll zum Leben gehörig. Das Leiden, die Not gehört zum Leben dazu, wie das Schicksal und der Tod. Erst unter den Hammerschlägen des Schicksals, in der Weißglut des Leidens an ihm, gewinnt das Leben Form und Gestalt".

Es kann der Fall eintreten, dass der Menschen leidensfähig werden muss, um seinem Leben einen Sinn zu geben, z.B nach einer schweren Krankheit, einem Unfall, jede plötzliche Versehrtheit, die eine Fortsetzung des vorherigen Lebens unmöglich macht.

Beispiele für eine neue Sinnfindung aus existenzieller Not heraus: