Referat zum Thema: Was bewog Janus Korczak dazu, seinen Beruf als Arzt zugunsten eines Pädagogen aufzugeben?
Fach: Allgemeine Pädagogik; Seminarleiterin: Jutta Kahl-Popp Seminar:
Janusz Korczak: Erziehungsphilosophie und pädagogische Konzeption, Referent:
Udo Lorenzen (u.lorenzen@ki.comcity.de; www.abz-nord.de), SS 2007
A. Begriffsbestimmungen:
Arzt, gr. ιατρός (iatros)
= heilen, retten, wiedergutmachen, beseitigen, abhelfen, Heilung, Rettung,
Verbesserung, den Arzt, die Heilkunst betreffend, heilkundig: lat. Medicus
Iatrogen: durch den Arzt verursacht (heute z. B. für
Kunstfehler)
Pädagoge, gr. παιδαγωγός (paidagogos) = eigent. „Knabenführer“, ein Sklave, der die Söhne seines Herrn zur Schule und nach dem Turnplatz führte und beaufsichtigte (nach Menge, 1909); Kinderaufseher, Knabenerzieher, Lehr- und Zuchtmeister; Mentor, allg. zuständig für die Vermittlung von Erziehung, Unterricht, Anleitung, Zucht, Züchtigung, Bildung, Kenntnisvermittlung, lat. paedagogus
Pädagogik: pais, paidos = der Knabe, das Kind, agein = treiben, leiten, führen, also die Anleitung von Kindern
Pädiater: Kinderarzt
Pädiatrie: Kinderheilkunde
Päderastie (griech. paiderastia) Knabenliebe
Pädophilie (griech. pais und philia) Kinderfreundschaft
B. Henryk Goldszmit’s
Stationen als Arzt und Pädagoge:
1898-1905 Medizinstudium an der medizinischen Fakultät in Warschau
1905 Erhalt des ärztlichen Diploms
1906-06: Feldarzt für den Zaren im russisch-japanischen Krieg
1906-1912 Arbeit als Kinderarzt in Warschau
1907 Korczak reist für 1 Jahr nach Berlin, dort Praxis in der Pädiatrie
und Weiterbildungen durch Professoren an der Charité
1910 Korczak reist für ½ Jahr nach Paris, dort Arbeit mit Kinderärzten
und Besichtigungen von Waisenhäusern und Besserungsanstalten
1911 Korczak reist für 4 Wochen nach in England, um Waisenhäuser
kennenzulernen (dort der Anstoß zur beruflichen Veränderung?)
1912 Eröffnung eines Waisenhauses in Warschau
1914-18 Lazarettarzt im 1. Weltkrieg für den Zaren; hier beginnt Korczak
mit seinem Buch „Wie man ein Kind lieben soll“.
1919. Polen wird ein souveräner und unabhängiger Staat (Versailler
Vertrag); mehr Freiheit der Lehre und des Lernens für die Akademiker
1919-36 lässt sich als Janusz Korczaks Blütezeit bezeichnen:
·
Leitung des Waisenhauses Nasz Dom („Unser Haus“),
·
Dozent am Institut für Sonderpädagogik
·
ab 1926 Sachverständiger für Erziehungsfragen und Kindes-missbrauch beim
Bezirksgericht in Warschau
·
1926 bis 1930 Redakteur der Kinderzeitung Mały Przegląd
(„Kleine Rundschau“). In dieser Zeit schrieb Korczak zahlreiche Bücher, in
denen er seine Erfahrungen und Ideen mit Kindern/in der Pädagogik mitteilte.
·
1935/36 Mitarbeiter des polnischen Rundfunks, wo er als „Alter Doktor“
vor dem Mikrofon mit und über Kinder plauderte.
Ab 1919 hat Korczak wohl die Metamorphose vom Arzt zum Pädagogen
vollzogen!
C. Goldszmit/Korczak’s
Sozialmedizinische Schriften:
*Bilder
aus dem Spital (1908-1909)
Eindrücke aus Berlin (1907)
Sorgenkinder (1909)
Das kleine Spital (1925)
Über den Krieg (1905)
Über den Krieg – Der Lazarettzug (1905)
*Ein
Tropfen Milch (1904)
Kleinkindwaage in der privaten Praxis (1909)
Über die Bedeutung des Stillens von Kleinkindern (1910)
Die Wandlung in den Auffassungen zur natürlichen Ernährung
im Verlauf von vier Jahren (1910)
Stilltechnik bei Säuglingen (1910)
Der Sonntag des Arztes (1911)
Ein Tropfen Milch oder der Sonntag des Arztes? (1911)
Ein Beitrag zur Technik der Säuglingsuntersuchung (1911)
Vom Institut für Kinderhygiene (1904)
Pocken und Straßenbahnen (1904)
Doktor Sokolowski wundert sich (1904)
Strohhalme für Eiskaffee (1904)
Und was fehlt dir? (1904)
Von einer Konferenz ... (1904)
*Streiflichter
(II) (1904)
Rettungsdienst (1904)
Streiflichter (III) (1904)
Aus der Hygiene-Gesellschaft (1904)
Streiflichter (IV) (1904)
Spitäler (1904)
Streiflichter (VI) (1904)
Statt Berichterstattung und ... Empörung (1905)
Menschen mit Puls 72. (1905)
Wo liegt die Wahrheit? (1905)
An den Industriellenkreis (in
Erwiderung) (1906) Nochmals zum Thema St. Aleksander-Spital (1907) Geheimnisse aus dem Berufsleben der
Hebammen (1907)
Was kommt? (1909)
*Über ein Kinderspital (1909)
Krankenkasse (1926)
Gesundheit (1898)
*Der
Glaube (1898)
Der Sonderling (1900)
Auf dem Posten (1900)
Aus dem Tagebuch eines Arztes (1900)
Der Landarzt (1901)
Medizin in Selbstverwaltung (1906)
*Gedankensplitter
(1906)
Über ärztliche Philanthropie (1907)
Diätetik oder Rezepte? (1910)
Ludwik Paster (1923)
Arzt im Internat (1923)
Jede Woche wiegen (1923)
Jede Woche wiegen (1932)
Haarschneiden (1923)
Haarschneiden (1934)
Nächtliches Bettnässen bei Internatskindern (1923)
Der Schlaf (1924)
*Für
den Schutz des Kindes (1933)
Beobachtung eines Falls (1937)
D. Thesen für die Entwicklung Korczaks zum Pädagogen:
Die Fragen, warum Korczak die kinderärztliche Tätigkeit aufgibt und zur pädagogischen Arbeit überwechselt, sind nur sehr hypothetisch zu beantworten.
Die Beurteilung dieses Entschlusses durch Korczak-Biographen reicht vom Scheitern in der Medizin bis hin zu einem fast »mystischen Bekehrungserlebnis«.
Korczak selbst äußert sich später ambivalent über diesen
Schritt. 1925 schreibt er: »Es gärte in mir die Demütigung der Desertion«, und noch 1942,
heißt es im Ghetto-Tagebuch: »In den Jahren danach wurde ich das unangenehme
Gefühl nicht los, desertiert zu sein. Ich hatte das kranke Kind, die Medizin
und das Krankenhaus verraten. Falscher Ehrgeiz hatte mich gepackt: Arzt und
Bildhauer der kindlichen Seele. Der Seele. Nicht mehr und nicht weniger. (Ach
du alter Tor, du hast dein Leben und die Sache verpfuscht. Die verdiente Strafe
hat dich getroffen!)«. »Ich habe das Krankenhaus um des „Hauses der
Waisen“ willen verlassen. Ich fühle mich schuldig. (...) Jetzt, wo ich weiß,
dass ich nichts weiß und warum ich nichts weiß, wo ich im Sinne des obersten
Postulats, dem Kranken nicht zu schaden (primum non nocere = zuallererst nicht
schaden), wirken könnte, schwimme ich auf unbekannte Wasser hinaus. Das Krankenhaus hat mir so
vieles gegeben, und ich, ich Undankbarer, gab ihm so wenig. Eine hässliche
Fahnenflucht. Das Leben hat mich dafür bestraft.« (Janusz Korczak)
Schwerwiegende Entscheidungen dieser Art entspringen meistens einer
Vielheit von Beweggründen, bewussten und unbewussten. Ich bin geneigt,
anzunehmen, dass Korczaks Beschluss zur Aufgabe der Praxis unter dem Vorgefühl
einer herannahenden Krise seiner Beziehungen zu Patienten, Kollegen und sogar
Apothekern gefasst wurde, deren Groll er sich durch exzentrisches und
unkonventionelles Benehmen zugezogen hatte (Erich Kurzweil)
In einer Selbstspiegelung Korczaks in der Figur des Psychiaters aus
dem Senat der Verrückten lässt Korczak dort den Arzt, der mit seinen
Patienten zusammenlebt, sagen: »Sie kommen schon voller Vorbehalte, lächeln ihr nachsichtiges
Psychiaterlächeln, stellen meine Methode auf den Prüfstand. Man zischt, wartet,
dass ich ermüde, stolpere; Umnachtung. Dann sind sie obenauf. – (...) Der
einzige Unterschied zwischen mir und den anderen ist der, dass ich nicht meine
Visite bei ihnen mache, sondern mit ihnen lebe, dass ich kein Mitleid habe,
sondern mitempfinde.«
In Der Sonderling lesen wir: „Ein Sonderling“, hieß es. „Aber ein guter
Arzt.“ Seht ihr: Er war kein Narr mehr, kein Dummkopf, kein Tölpel, nur
noch ein Sonderling ....Er
behandelte die Armen umsonst, verschenkte viel, arbeitete viel, stritt sich mit
dem Apotheker, der mit den Preisen für die Medikamente wucherte, und mit den
betrügerischen Feldschern, außerdem richtete er einen Kinderhort ein, regte
einen Bürger der Gegend dazu an, bei sich Ferienlager zu veranstalten;
in der Fabrik führte er neue Ventilatoren ein, schrieb viel für die Warschauer
Zeitungen über die Hygiene des Volkes, über ärztliche Hilfe für die armen
Bewohner der Dörfer und Kleinstädte – und er zeichnete immer nur mit einem
Buchstaben. Gott, gib,
dass es so viel wie möglich solcher untölpelhafter Sonderlinge gibt.
Korczak hatte bereits im Kind des Salons (1904)
geschrieben: »Ich
spüre, wie sich in mir unbekannte Kräfte sammeln, die mir die Erleuchtung
bringen, – und das Licht, das mich bis zum letzten Atemzug begleiten wird. Ich
spüre, ich stehe kurz davor, aus der Tiefe meiner Seele das Ziel ans Licht zu
fördern, aus dem ich mein Glück gewinnen werde.«
Betty Jean Lifton schreibt in ihrer Korczak-Biographie,
dass »die Medizin
allein für diesen visionären Kinderarzt nicht mehr ausreichte, dass sie (...)
seinem reformatorischen Eifer nicht genügte.« Korczak will dem Kind ganz
bewusst eine mehrjährige Beobachtung, vor allem auch in Zeiten der Gesundheit
widmen. Deshalb möchte er mit ihm »unter einem Dach leben« und nicht nur
während der »Visite« oder des »Hausbesuchs« bei ihm sein. Ihn interessiert das ganze
»Kind in seiner physischen und moralischen Gesundheit. «
Sein Besuch Waisenhauses in London mag ein
Schlüsselerlebnis für Korczak gewesen sein: „Plötzlich wurde ihm klar, dass der Sohn eines
Wahnsinnigen, ein Knecht, der ein polnischer Jude unter russischer Herrschaft
ist, kein Recht darauf hat, ein Kind zu zeugen.“ Gleichzeitig kam ein neuer
Mann hervor, der die Idee, dem Kind und seinen Rechten zu dienen, an Sohnes
starr annahm. (Betty Jean Lifton)
Er wandte sich gegen Ehe und Familie, in denen sein Vater versagt hatte und zu denen bei Janusz Korczak nie eine Neigung bestanden hatte. Diese Entscheidung traf er mit 33 Jahren!
Wolfgang Pelzer verknüpft die Aufgabe der ärztlichen Tätigkeit Korczaks eng mit den für ihn so bedeutsamen Erfahrungen in den jährlichen Sommerkolonien. Diese Erfahrungen reflektiert Korczak vielerorts, sie liefern ihm Material für seine pädagogischen Überlegungen. Diese Zeiten können also nicht hoch genug bewertet werden.
Aleksander Lewin interpretiert den Wechsel zur Erziehungsarbeit auf dem »Hintergrund tragischer Visionen«, er lässt Korczaks Pädagogik aus »der Sorge um das Schicksal der Welt entspringen, der Sorge um das Schicksal der Kinder, die sich widerspiegelt in der Korczak’schen Pädagogik der Unruhe und nicht nur des Herzens, wie das von vielen behauptet wird.« Es ist für Lewin die »Unruhe eines tragischen Menschen«, wie sie sich bei ihm auch in anderen elementaren Entscheidungen bekundet: Verzicht auf eine Ehe, Aufbruch nach Palästina, Ausharren im Ghetto.
Janusz Korczak hat auch einmal gesagt: „Ich komme mit Kindern
einfach besser zurecht!“
Zur Diskussion: Korczak erlebte seinen Vater als angsteinflößend und als Wahnsinnigen;
er hegte Vermutungen, dass der Vater an den Spätfolgen einer Syphilis erkrankt
war; vielleicht begründet dies Korczaks Angst vor allem Sexuellen? Seine Mutter
taucht in seinen Schriften ebenfalls kaum auf (sie war 17 Jahre, als sie
heiratete, sein Vater 30 Jahre), viel prägender war seine Großmutter und auch
z.B. die Köchin im Elternhaus, die im viele Geschichten erzählte; eine sexuelle
Identität (auch erotische Wünsche oder Sehnsüchte sind in seinen Texten nicht
erkennbar); Sublimation â Aufopferung für Kinder.
E. Quellenangaben:
Korczak, Janus: Sämtliche Werke, hier Band 8: Sozialmedizinische Schriften, bearbeitet
und kommentiert von Michael Kirchner (Arzt) und Erich Dauzenroth (ehemaliger
Professor für Erziehungswissenschaften in Gießen) Gütersloh 1999
Die Gartenlaube 1878 – Illustriertes Familienblatt (Zeitschrift für Erziehung,
Gesundheit und Bildung)
Gerabek, Werner/Haage, Bernhard D./Keil, Gundolf u. a. (Hg.):
Enzyklopädie Medizingeschichte, Berlin 2005
Sigerist, Henry E.: Große
Ärzte, München 1932
Dauzenroth, Erich und Hampel,
Adolf: Wer war Janusz Korczak? - acht
Vorträge, Gießen 1975
Peiper, Albrecht: Chronik
der Kinderheilkunde, Leipzig 1951