Referat zum Thema: Was bewog Janus Korczak dazu, seinen Beruf als Arzt zugunsten eines Pädagogen aufzugeben?

 

Fach: Allgemeine Pädagogik; Seminarleiterin: Jutta Kahl-Popp, Seminar: Janusz Korczak: Erziehungsphilosophie und pädagogische Konzeption, Referent: Udo Lorenzen (u.lorenzen@ki.comcity.de;  www.abz-nord.de), SS 2007

 

 

A. Begriffsbestimmungen:

 

Arzt, gr. ιατρός (iatros) = heilen, retten, wiedergutmachen, beseitigen, abhelfen, Heilung, Rettung, Verbesserung, den Arzt, die Heilkunst betreffend, heilkundig: lat. Medicus

 

Iatrogen: durch den Arzt verursacht (heute z. B. für Kunstfehler)

 

Pädagoge, gr. παιδαγωγός (paidagogos) = eigent. „Knabenführer“, ein Sklave, der die Söhne seines Herrn zur Schule und nach dem Turnplatz führte und beaufsichtigte (nach Menge, 1909); Kinderaufseher, Knabenerzieher, Lehr- und Zuchtmeister; Mentor, allg. zuständig für die Vermittlung von Erziehung, Unterricht, Anleitung, Zucht, Züchtigung, Bildung, Kenntnisvermittlung, lat. paedagogus

 

Pädagogik: pais, paidos = der Knabe, das Kind, agein = treiben, leiten, führen, also die Anleitung von Kindern

 

Pädiater: Kinderarzt

Pädiatrie: Kinderheilkunde

Päderastie (griech. paiderastia) Knabenliebe

Pädophilie  (griech. pais und philia) Kinderfreundschaft

 

(Eingeführt wurde der Begriff (als „Paedophilia erotica“) 1896 durch den Wiener Psychiater Richard von Krafft-Ebing. K. geht sehr sensibel mit dem schon damals vorhandenen Kindesmissbrauch um (siehe seine Schrift: Für den Schutz des Kindes).

 

 

B. Henryk Goldszmit’s Stationen als Arzt:

 

1898-1905 Medizinstudium an der medizinischen Fakultät in Warschau

(Hinweis auf die „fliegende Universität“ in Warschau, die immer auf der Flucht vor der russischen Polizei war, die überall Verrat witterten. Hier bekam K. Kontakt zu bedeutenden polnischen Sozialwissenschaftlern, die über den Tellerrand schauten und versuchten, übergreifend einzelne Fachdisziplinen zusammenzuführen und aktuelle soziale Fragen diskutierten. Diese Art der Gespräche war für K. prägend und brachte ihn in die Nähe der Pädagogik. Zitat: Der rechte Arzt ist kein wissenschaftlich neugieriger Theoretiker, sondern ein genialer Dilettant, d.h. einer, der für jeden Fall eine besondere Intuition, ein besonderes Erfassen des immer neu Vielfältigen sucht und findet.“ (Dilettant (ital. dilettare aus lat. delectare "sich ergötzen"; eigentlich ein Nichtfachmann, Amateur oder Laie. Der Dilettant übt eine Sache aus privatem Interesse bzw. zum Vergnügen aus. Dabei erwirbt der Dilettant oft vollendete Kenntnisse und Fähigkeiten über sein Gebiet.

Aber er bleibt ein Dilettant, solange er seine Tätigkeit nicht professionell ausübt, also um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, oder eine entsprechende, anerkannte Ausbildung absolviert hat.

 

1905 Erhalt des ärztlichen Diploms

1905-06: Lararettarzt für den Zaren im russisch-japanischen Krieg

In seiner Schrift „Über den Krieg“ schildert er die Grausamkeiten eines Krieges für die Kinder, als er in China einzieht. K. unterhält aber auch die Soldaten mit seiner Fantasie und russischen Märchen; K schreibt: „Chinesischer Hunger, chin. Missachtung der Waisenkinder, chin. Kindersterblichkeit. Der Krieg ist ein Greuel. Besonders weil niemand berichtet, wie viele Kinder hungern, schlecht behandelt werden und schutzlos sind.“

1906-1912 Arbeit als Kinderarzt in Warschau

K. arbeitet im Berson-Baumann-Spital für Kinder in Warschau; das Spital verfügte über sieben Krankenstationen, 43 Betten, einen OP-Saal, ein Labor und eine Ambulanz. Hier kämpfte K. gegen Scharlach, Diphtherie, Typhus, TBC und Syphilis, aber auch gegen die Ignoranz vieler Kollegen. Krankenhaus war „Armenpraxis“. Auch übte K. eine erfolgreiche Privatpraxis aus, in der er für die Reichen Professoren-Honorare verlangte (3-5 Rubel), für die Armen einen symbolischen Kopeken, denn nach dem Talmud hilft ein unbezahlter Arzt dem Patienten nicht.

(100 Kopeken = 1 Rubel, zur damaligen Zeit (1905) = 3,22 Mark). Dabei legte sich K. mit der übrigen medizinischen Welt an und beklagte deren Raffgier und überhöhte Preise bei schlechten Leistungen. „Die Feldschere erklärten mir zusammen mit den Drogisten und den Apothekern den Krieg. Ihre Meinung war übereinstimmend: ein Verrückter, ein gefährlicher Verrückter!“.

1907 Korczak reist für 1 Jahr nach Berlin, dort Praxis in der Pädiatrie und Weiterbildungen durch Professoren in der Charite.

Korczak kam nicht als berühmter Schriftsteller, sondern als armer Student nach Berlin. „Mit hungrigem Magen schlägt sich K. durch die 1-jährige Lehrzeit in Berlin, eines der Zentren für Kinderheilkunde seiner Zeit. Er besuchte Fortbildungskurse, bildete sich bei berühmten Kinderärzten weiter und genießt das Privileg von guten Verkehrsmitteln (10 Pf. eine Fahrt) in Berlin, die ihn schnell von einem Ort zum anderen bringt. Berlin ist teuer und K. muss eher spartanisch leben. 35-40 Rubel monatlich kostet sein Lebensunterhalt. Die kostenlose Benutzung der Bibliothek begeistert ihn, das Verlangen von Geld für Fachfortbildungen („Verkauf von Wissen“) stößt ihn ab. Aber wer bezahlt, kann auch etwas verlangen!

1910 Korczak reist für ½ Jahr nach Paris, dort Arbeit mit Kinderärzten und Besichtigungen von Waisenhäusern und Besserungsanstalten

1911 Korczak reist für 4 Wochen nach in England, um Waisenhäuser kennenzulernen (dort der Anstoß zur beruflichen Veränderung?)

Hier in England sieht Korczak seine Ideale verwirklicht. Es gibt genügend Wohnraum, Werkstätten, einen großen Garten, ein Schwimmbad, Haustiere und genügend Personal. Das sich liebevoll um die Waisen kümmert. Es gibt eine Schule, die Kinder können lernen und werden auf eine Leben außerhalb des Waisenhauses vorbereitet. London hatte bereits all das verwirklicht, was K. sich unter vernünftigen Lebensbedingungen von Waisen vorgestellt hatte. 

1912 Eröffnung eines Waisenhauses in Warschau

1914-18 Lazarettarzt im 1. Weltkrieg für den Zaren; hier beginnt Korczak mit seinem Buch „Wie man ein Kind lieben soll“.

1919. Polen wird ein souveräner und unabhängiger Staat (Versailler Vertrag); mehr Freiheit der Lehre und des Lernens für die Akademiker

 

1919-36 lässt sich als Janusz Korczaks Blütezeit bezeichnen:

 

·        Leitung des Waisenhauses Nasz Dom („Unser Haus“),

·        Dozent am Institut für Sonderpädagogik

·        ab 1926 Sachverständiger für Erziehungsfragen und Kindesmissbrauch beim Bezirksgericht

·        1926 bis 1930 Redakteur der Kinderzeitung Mały Przegląd („Kleine Rundschau“). In dieser Zeit schrieb Korczak zahlreiche Bücher, in denen er seine Erfahrungen und Ideen mit Kindern/in der Pädagogik mitteilte.

·        1935/36 Mitarbeiter des polnischen Rundfunks, wo er als „Alter Doktor“ vor dem Mikrofon mit und über Kinder plauderte.

 

Ab 1919 hat Korczak wohl die Metamorphose vom Arzt zum Pädagogen vollzogen!

 

 

C. Goldszmits/Korczaks Sozialmedizinische Schriften:

 

I. Eindrücke und Erfahrungen eines jungen Arztes

 

*Bilder aus dem Spital (1908-1909)

1. „Kazio Radecki (1½ Jahre) kommt mit seiner Mutter zum Arzt.

Entwickelt sich das Kind gut? Na ja, sie hatte zwölf: Vier leben, acht sind gestorben. Das erste starb gleich nach der Geburt. Das zweite brachte es auf 32 Wochen – es war dick, rund und fröhlich – kein einziges Mal krank. Abends hatte sie es in die Wiege gelegt, am Morgen lebte es nicht mehr.  – eingeschlafen wie ein Hühnchen.

Das Dritte blieb am Leben

Das Vierte war knapp ein Jahr alt, als es starb – es hatte irgendwelche Knoten am Körper.

Das Fünfte starb an Masern; das Sechste lebt.

Das Siebte hatte Diphtherie und ist erstickt; das Achte ist auch irgendwie gestorben, das Neunte lebt.

Das Zehnte und Elfte starben an der gleichen Krankheit: Das Bäuchlein begann sich aufzublähen, danach schwollen die Beinchen an (Bauchwassersucht = Aszites als Folge von Mangelernährung oder TBC).

Und das Zwölfte lebt. Der Mann hustet, solange sie ihn kennt, und sie hatten immer eine feuchte Wohnung. Und bei unserem Kazio sieht es auch nicht so aus, als würde er durchkommen. Acht kleine Särge unter der Erde, und dem kleinen Kazio, dem 9. Kind, läuft es aus dem Öhrchen und die Halsdrüsen sind geschwollen. ... Da habt ihr das erste Spitalbild – wenn noch weitere dazugekommen sind, werde ich ein Vorwort schreiben, ein blutiges Vorwort!“

 

 

2. Wann werden wir endlich, verdammt noch mal, damit aufhören, einfach nur Salizylsäure gegen all das Elend, gegen die Ausbeutung, gegen die Rechtlosigkeit, gegen das Elend, gegen die Verwaisung, gegen das Verbrechen zu verschreiben? Wann, zum Teufel? ...

 

Korczak sieht das soziale Elend seiner Patienten und macht sich Luft gegen seine zunehmende Hilflosigkeit dem sozialen Umwelt seiner kranken Kinder gegenüber und der Unsitte, nur noch Aspirin zu verschreiben. („alle 2 Stunden 1 Teelöffel voll“).

 

Eindrücke aus Berlin (1907)

Sorgenkinder (1909)

Das kleine Spital (1925)

Über den Krieg (1905)

Über den Krieg – Der Lazarettzug (1905)

 

 

II. Pädiatrische Arbeiten zur Säuglingspflege

 

*Ein Tropfen Milch (1904)

Kleinkindwaage in der privaten Praxis (1909)

Über die Bedeutung des Stillens von Kleinkindern (1910)

Vehement setzt sich Korczak für die natürliche Ernährung der Säuglinge an der Brust ein und kämpft gegen die modische und bequeme Fertignahrung aus der Dose, die letztendlich dazu führt, dass man sich in der ersten Monaten mit Klistieren, Rizinusöl und Kompressen hindurchwurschtelt. Eingehend beschreibt er die Technik des Stillens mitsamt der Komplikationen und Hindernisse. Hierzu gehört auch sein beharrliches Werben um die Säuglingswaage, sein zweitwichtigstes Instrument nach der Mutterbrust. (Waage = Gesundheitsbarometer). „Notwendig sind nur ein Arzt, der sich für die Sache einsetzt, eine Säuglingswaage und eine Mutter, die in der Lage ist, ihr Kind bei sich zu behalten und selber zu stillen. Ein Arzt, ein Waage für 30 Rubel und eine Mutter!.

Die Wandlung in den Auffassungen zur natürlichen Ernährung

im Verlauf von vier Jahren (1910)

Stilltechnik bei Säuglingen (1910)

Der Sonntag des Arztes (1911)

Ein Tropfen Milch oder der Sonntag des Arztes? (1911)

Ein Beitrag zur Technik der Säuglingsuntersuchung (1911)

 

III. Beiträge zur Gesundheitspolitik

 

Vom Institut für Kinderhygiene (1904)

Pocken und Straßenbahnen (1904)

Doktor Sokolowski wundert sich (1904)

Strohhalme für Eiskaffee (1904)

Und was fehlt dir? (1904)

Von einer Konferenz ... (1904)

*Streiflichter (II) (1904)

Korczak schreibt gegen die Unsitte des Geschlechtsverkehrs von Geschlechtskranken (Syphilis, Tripper etc.) mit unschuldigen Mädchen oder Schwangeren, die mit solchen „magischen Ritualen“ ihre Krankheit heilen wollen (Unreinheit durch Reinheit). Dies war zu der Zeit einer der Hauptmotive für Kindesmissbrauch! „Die diesem schädlichen Aberglauben Vertrauenden denken, der Verkehr mit einer Jungfrau sei ein wirksames Heilmittel; vor einigen Jahren sah ich ein 8-jähriges Mädchen, das beim Notzuchtversuch eines Anhängers dieses Aberglaubens mit Tripperkokken infiziert wurde.“

Rettungsdienst (1904)

Streiflichter (III) (1904)

Aus der Hygiene-Gesellschaft (1904)

Streiflichter (IV) (1904)

Spitäler (1904)

Streiflichter (VI) (1904)

Statt Berichterstattung und ... Empörung (1905)

Menschen mit Puls 72. (1905)

Wo liegt die Wahrheit? (1905)

An den Industriellenkreis (in Erwiderung) (1906) Nochmals zum Thema St. Aleksander-Spital (1907)  Geheimnisse aus dem Berufsleben der Hebammen (1907)

Was kommt? (1909)

*Über ein Kinderspital (1909)

Korczak schreibt über seine Vorstellungen eines Kinderkrankenhauses und kritisiert indirekt die bisherige Praxis, z.B. Das mehr Geld in Schulen gesteckt wird als in Krankenhäuser. Sein Spital soll Kindererziehung im weiteren Maße beeinflussen, soll Bildung und Erziehungsinstitution sein, soll das Kind beschützen vor Ansteckung von Infektionskrankheiten, vor Übergriffen seitens der Familie, soll also den sanitären Zustand der Stadt kontrollieren. Ein Kinderspital sollte ohne Kosten behandeln, um die finanzielle Lage der Eltern nicht zu erschöpfen; es sollte genügend Plätze haben, damit auch eine Ambulanz für akute Notfälle möglich ist. „Ein Spital für Kinder muss unbedingt vorbildlich sein, die Pflege der Kranken ideal. Man muss bedenken, dass eine Mutter, die einem kranken Kind besonders viel Liebe entgegenbringt, dieses Kind fremden, bezahlten Händen überlässt, während man sie selbst wegschickt.“  

Krankenkasse (1926)

 

 

IV. Ärztliches Denken und Handeln

 

Gesundheit (1898)

*Der Glaube (1898)

Korczak erzählt die Geschichte eines Arztes, verheiratet mit 2 Kindern. Seine Frau stirbt bei der Geburt der Tochter, er kann nicht helfen; Als Witwer mit 2 Kindern sucht er  mit Eifer und Verbissenheit die Medizin bis auf den Grund zu erforschen; er wurde berühmt als Gelehrter, galt als einer der begabtesten Ärzte und machte bedeutende Entdeckungen. Dann wurde sein Sohn Janek, nun 11 Jahre alt, krank. Der Vater nahm all seine Kräfte zusammen und trat den Kampf an. Der Kampf war fürchterlich! Aber der Tod ließ das Opfer nicht aus den Fängen und in der Sterbestunde flüsterte Janek: Väterchen, du bist ein großer Arzt, trotzdem werde ich sterben. Mama sagte mir soeben, dass ich sterbe. Glaube mir, Väterchen, Gott ist stärker als deine Arzneien, hundertmal stärker.“ Gegen Morgen starb Janek. Dann erkrankte seine Tochter Zosia. Wieder begann ein verbissenes Ringen, wieder vergebens und die Anzeichen des nahenden Todes waren die gleichen. Daraufhin fing der Arzt zu beten an. Zosia wurde gesund. Der Arzt ist heute Universitätsprofessor, und wenn er jedes Jahr eine neue Schar von Medizinstudenten vor sich sieht,  beginnt er seine Vorlesung mit den Worten: Meine Herren, es gibt zwei Welten, eine geistige und eine materielle. Die erste überlassen wir Gott,  die zweite zu erkennen wollen wir unser Leben widmen. Lasst euch nicht vom falschen Glanz des menschlichen Wissens blenden, die Krümel eures Wissens mögen euch nicht hochmütig machen.  Euer Wissen wird nur dann stark sein, wenn es der Glaube stützt.“     

Der Sonderling (1900)

Auf dem Posten (1900)

Aus dem Tagebuch eines Arztes (1900)

Der Landarzt (1901)

Medizin in Selbstverwaltung (1906)

*Gedankensplitter (1906)

Korczak beschreibt den Alltag eines Arztes, der mit seinem Beruf auch Geld verdienen will/muss. „Vor zwei gab es für mich nur Kranke, heute weiß ich, dass es zahlende und nicht zahlende Kranke gibt. Scheinbar nichts Natürlicheres auf der Welt: ein Arzt muss schließlich sich und seine Familie vom Arzthonorar unterhalten. Dennoch fühle ich Schmerz, als ich mit dem Kopf auf dieses Wahrheit stieß. Ein Arzt muss um die Annerkennung in jenen Kreisen bemüht sein, die ihm Patienten sichern. Gibt es denn, wenn man sich Annerkennung verschaffen will, andere Methoden als – hohes Können und rationelles Heilen, und: uneigennütziges Raten? Dennoch erweist es ich, dass dies dem Arzt zum Schaden gereicht. Ein Arzt, der ehrlich rät, erleidet Einbußen.“ Korczak reflektiert hier auch den kommerziellen Aspekt der Heilkunde; er sieht reiche und arme Familien, Ärzte und Quacksalber und kritisiert die Ungerechtigkeit der Akzeptanz von Feldschern, Wunderrabbinern, Quacksalbern und Kurpfuschern ggü. ethisch redlich handelnden Ärzten.

Über ärztliche Philanthropie (1907)

Diätetik oder Rezepte? (1910)

Ludwik Paster (1923)

 

 

V. Pädologische Arbeiten

 

Arzt im Internat (1923)

Jede Woche wiegen (1923)

Jede Woche wiegen (1932)

Haarschneiden (1923)

Haarschneiden (1934)

Nächtliches Bettnässen bei Internatskindern (1923)

Der Schlaf (1924)

 

 

*Für den Schutz des Kindes (1933)

·        Hier stellt Korczak Thesen auf über Sexualität und Missbrauch:

·        Das Kind erlebt erotische Emotionen, aber es begehrt nicht, und es hat keine bewussten sexuellen Empfindungen.

·        Das Kind kann gewaltsam in sexuelle Erlebnisse hineingezogen oder heimtückisch eingewöhnt werden.

·        Die tiefsitzende Überzeugung, dass das „Schweinereien“, verachtenswerte und abscheuliche Dinge sind, assoziiert sich mit der ebenso festen Regel, dass man mit den Eltern darüber nicht sprechen darf. Sie haben Angst, weil die Eltern schlagen oder schreien werden.

·        Das Gerichtsverfahren ist für die geschädigte Seite unangenehm: peinliches Aufsehen, Angst vor Rache, Zeitverlust und eine zweifelhafte Satisfaktion.

·        Die Rolle des Vaters sieht im Lichte meiner Fälle besonders unrühmlich aus.

·        Wie verhält sich das Kind? ... Das Kind hat das Recht, nicht zu wissen, sich nicht zu erinnern, es hat das Recht, bewusst zu lügen.

·        In keinem Fall stellte ich fest, dass das Kind sich stolz fühlte über die Rolle, die ihm zugefallen war.

·        Das Alter der Angeklagten: 15-60 Jahre, die Zeit des Erwachens und des Schwundes der Begierde und der Potenz, aber auch das Alter der Reife, der vitalen Kräfte und der Möglichkeiten, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.

·        Zur Prophylaxe: Was kann die Schule, was können die Eltern dagegen tun? Offen darüber sprechen, vor „normalen Wahnsinnigen“ warnen, also Aufklärung in der Sprache des Kindes.

 

D. Thesen für die Entwicklung Korczaks zum Pädagogen:

 

Die Fragen, warum Korczak die kinderärztliche Tätigkeit aufgibt und zur pädagogischen Arbeit überwechselt, sind nur sehr hypothetisch zu beantworten.

 

Die Beurteilung dieses Entschlusses durch Korczak-Biographen reicht vom Scheitern in der Medizin bis hin zu einem fast »mystischen Bekehrungserlebnis«.

 

Korczak selbst äußert sich später ambivalent über diesen Schritt. 1925 schreibt er: »Es gärte in mir die Demütigung der Desertion«, und noch 1942, heißt es im Ghetto-Tagebuch: »In den Jahren danach wurde ich das unangenehme Gefühl nicht los, desertiert zu sein. Ich hatte das kranke Kind, die Medizin und das Krankenhaus verraten. Falscher Ehrgeiz hatte mich gepackt: Arzt und Bildhauer der kindlichen Seele. Der Seele. Nicht mehr und nicht weniger. (Ach du alter Tor, du hast dein Leben und die Sache verpfuscht. Die verdiente Strafe hat dich getroffen!)«. »Ich habe das Krankenhaus um des „Hauses der Waisen“ willen verlassen. Ich fühle mich schuldig. (...) Jetzt, wo ich weiß, dass ich nichts weiß und warum ich nichts weiß, wo ich im Sinne des obersten Postulats, dem Kranken nicht zu schaden (primum non nocere = zuallererst nicht schaden), wirken könnte, schwimme ich auf unbekannte Wasser hinaus. Das Krankenhaus hat mir so vieles gegeben, und ich, ich Undankbarer, gab ihm so wenig. Eine hässliche Fahnenflucht. Das Leben hat mich dafür bestraft.« (Janusz Korczak)

Schwerwiegende Entscheidungen dieser Art entspringen meistens einer Vielheit von Beweggründen, bewussten und unbewussten. Ich bin geneigt, anzunehmen, dass Korczaks Beschluss zur Aufgabe der Praxis unter dem Vorgefühl einer herannahenden Krise seiner Beziehungen zu Patienten, Kollegen und sogar Apothekern gefasst wurde, deren Groll er sich durch exzentrisches und unkonventionelles Benehmen zugezogen hatte (Erich Kurzweil)

 

 

In einer Selbstspiegelung Korczaks in der Figur des Psychiaters aus dem Senat der Verrückten lässt Korczak dort den Arzt, der mit seinen Patienten zusammenlebt, sagen: »Sie kommen schon voller Vorbehalte, lächeln ihr nachsichtiges Psychiaterlächeln, stellen meine Methode auf den Prüfstand. Man zischt, wartet, dass ich ermüde, stolpere; Umnachtung. Dann sind sie obenauf. – (...) Der einzige Unterschied zwischen mir und den anderen ist der, dass ich nicht meine Visite bei ihnen mache, sondern mit ihnen lebe, dass ich kein Mitleid habe, sondern mitempfinde.«

 

In Der Sonderling lesen wir: „Ein Sonderling“, hieß es. „Aber ein guter Arzt.“ Seht ihr: Er war kein Narr mehr, kein Dummkopf, kein Tölpel, nur noch ein Sonderling ....Er behandelte die Armen umsonst, verschenkte viel, arbeitete viel, stritt sich mit dem Apotheker, der mit den Preisen für die Medikamente wucherte, und mit den betrügerischen Feldschern, außerdem richtete er einen Kinderhort ein, regte einen Bürger der Gegend dazu an, bei sich Ferienlager zu veranstalten; in der Fabrik führte er neue Ventilatoren ein, schrieb viel für die Warschauer Zeitungen über die Hygiene des Volkes, über ärztliche Hilfe für die armen Bewohner der Dörfer und Kleinstädte – und er zeichnete immer nur mit einem Buchstaben. Gott, gib, dass es so viel wie möglich solcher untölpelhafter Sonderlinge gibt.

 

Korczak hatte bereits im Kind des Salons (1904) geschrieben: »Ich spüre, wie sich in mir unbekannte Kräfte sammeln, die mir die Erleuchtung bringen, – und das Licht, das mich bis zum letzten Atemzug begleiten wird. Ich spüre, ich stehe kurz davor, aus der Tiefe meiner Seele das Ziel ans Licht zu fördern, aus dem ich mein Glück gewinnen werde.«

 

Betty Jean Lifton schreibt in ihrer Korczak-Biographie, dass »die Medizin allein für diesen visionären Kinderarzt nicht mehr ausreichte, dass sie (...) seinem reformatorischen Eifer nicht genügte.« Korczak will dem Kind ganz bewusst eine mehrjährige Beobachtung, vor allem auch in Zeiten der Gesundheit widmen. Deshalb möchte er mit ihm »unter einem Dach leben« und nicht nur während der »Visite« oder des »Hausbesuchs« bei ihm sein. Ihn interessiert das ganze »Kind in seiner physischen und moralischen Gesundheit. «

 

Sein Besuch Waisenhauses in London mag ein Schlüsselerlebnis für Korczak gewesen sein: „Plötzlich wurde ihm klar, dass der Sohn eines Wahnsinnigen, ein Knecht, der ein polnischer Jude unter russischer Herrschaft ist, kein Recht darauf hat, ein Kind zu zeugen.“ Gleichzeitig kam ein neuer Mann hervor, der die Idee, dem Kind und seinen Rechten zu dienen, an Sohnes starr annahm.  (Betty Jean Lifton)

 

Er wandte sich gegen Ehe und Familie, in denen sein Vater versagt hatte und zu denen bei Janusz Korczak nie eine Neigung bestanden hatte. Diese Entscheidung traf er mit 33 Jahren!

Wolfgang Pelzer verknüpft die Aufgabe der ärztlichen Tätigkeit Korczaks eng mit den für ihn so bedeutsamen Erfahrungen in den jährlichen Sommerkolonien. Diese Erfahrungen reflektiert Korczak vielerorts, sie liefern ihm Material für seine pädagogischen Überlegungen. Diese Zeiten können also nicht hoch genug bewertet werden.

 

Aleksander Lewin interpretiert den Wechsel zur Erziehungsarbeit auf dem »Hintergrund tragischer Visionen«, er lässt Korczaks Pädagogik aus »der Sorge um das Schicksal der Welt entspringen, der Sorge um das Schicksal der Kinder, die sich widerspiegelt in der Korczak’schen Pädagogik der Unruhe und nicht nur des Herzens, wie das von vielen behauptet wird.« Es ist für Lewin die »Unruhe eines tragischen Menschen«, wie sie sich bei ihm auch in anderen elementaren Entscheidungen bekundet: Verzicht auf eine Ehe, Aufbruch nach Palästina, Ausharren im Ghetto.

 

Janusz Korczak hat auch einmal gesagt: „Ich komme mit Kindern einfach besser zurecht!“

 

Zur Diskussion: Korczak erlebte seinen Vater als angsteinflößend und als Wahnsinnigen; er hegte Vermutungen, dass der Vater an den Spätfolgen einer Syphilis erkrankt war; vielleicht begründet dies Korczaks Angst vor allem Sexuellen? Seine Mutter taucht in seinen Schriften ebenfalls kaum auf (sie war 17 Jahre, als sie heiratete, sein Vater 30 Jahre), viel prägender war seine Großmutter und auch z.B. die Köchin im Elternhaus, die im viele Geschichten erzählte; eine sexuelle Identität (auch erotische Wünsche oder Sehnsüchte sind in seinen Texten nicht erkennbar); Sublimation â Aufopferung für Kinder.

 

(Als Sublimierung bezeichnet die Psychoanalyse die Umsetzung eines Abwehrmechanismus nicht zugelassener Wünsche und Bedürfnisse in Leistungen, die sozial erwünscht sind oder sogar hoch bewertet werden. Nach psychoanalytischer Ansicht ist die Entstehung der gesamten menschlichen Kultur ein Ergebnis von Sublimierung.

Unter Sublimierung wurde von Sigmund Freud eine Umwandlung oder Umlenkung des unbefriedigten Geschlechtstriebs oder sexueller Triebenergie (Libido) in eine geistige Leistung oder kulturell anerkannte Verhaltensweisen in Bereichen wie Kultur, Religion oder Wissenschaften verstanden).

E. Quellenangaben:

 

Lifton, Betty Jean : Der König der Kinder – Das Leben von Janusz Korczak, Stuttgart 1990

Korczak, Janus: Sämtliche Werke, Band 8: Sozialmedizinische Schriften, bearbeitet und kommentiert von Michael Kirchner (Arzt) und Erich Dauzenroth (ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaften in Gießen) Gütersloh 1999

Die Gartenlaube 1878 – Illustriertes Familienblatt (Zeitschrift für Erziehung, Gesundheit und Bildung)

Gerabek, Werner/Haage, Bernhard D./Keil, Gundolf u. a. (Hg.): Enzyklopädie Medizingeschichte, Berlin 2005

Sigerist, Henry E.: Große Ärzte, München 1932

Dauzenroth, Erich und Hampel, Adolf: Wer war Janusz Korczak? - acht Vorträge, Gießen 1975

Peiper, Albrecht: Chronik der Kinderheilkunde, Leipzig 1951

Springer, Jenny: Die Ärztin im Hause, Dresden 1928