Benjamin Bell

- Lehrbegriff der Wundarzneykunst-

ausgearbeitet von Udo Lorenzen

Fach: Geschichte der Medizin; Seminarleiter: Prof. Dr. J.H.Wolf; Seminar: Quellen und Forschungen zur Geschichte der Medizin, Referent: Udo Lorenzen WS 2003/2004

 

 

 

A. Benjamin Bell Biographie:

Benjamin Bell, Chirurg und Schriftsteller, wurde in Dumfries (Schottland) am 4. April 1749 geboren.

Er wird in der Literatur immer als ein Nachfahre der "Covenanter" beschrieben, also ein schottischer Unabhängigkeitsverfechter, aber weder militant noch dogmatisch, dafür ernsthaft und konsquent.

( Die Covenanter waren jene Leute in Schottland, die den nationalen Vertrag im Jahr 1638 unterschrieben. Sie unterschrieben diesen Vertrag, um ihren Widerstand gegen die Einmischung der Stuart’s, die damals im Königshaus saßen, in die Angelegenheiten der presbyterianischen Kirche von Schottland zu bekunden. Die Stuart’s glaubten, dies sei das göttliche Recht des Monarchen, sie glaubten also auch, sie seien die geistlichen Köpfe der Kirche von Schottland. Dieses konnte von den Schotten nicht akzeptiert werden. Kein weltlicher Mann, nicht einmal ein König, konnte geistlicher Kopf ihrer Kirche sein. Nur Jesus Christus konnte geistlicher Kopf einer christlichen Kirche sein. Dies war der Beginn eines langen Kampfes mit viel Leiden, Folter und Gefangenschaft und sehr schwerer Unterdrückung der Schotten. Die Verfolgungen wurden im Jahr 1660 noch häufiger und grausamer unter der Regierung von von Charles II. )

Er stammte aus einem Clan, dem "Bell Clan", der schon immer in vorderster Front gegen die Engländer gekämpft hatten; sein Ur-Großvater George Bell z.B. war ein Rebell und wurde ständig von den Engländern verfolgt. (also ein waschechter "Highlander" oder "Braveheart")

Benjamin Bell war das zweite Kind von George Bell und Anne Corri, Heirat 1745;

George Bell wird als exzentrisch und lebenslustig beschrieben. er machte gerne Witze, war selten ernsthaft, oft zum Leidwesen seiner Frau. George Bell scheiterte zweimal im Geschäftsleben und konnte als ein stabiles Familienoberhaupt nicht überzeugen (Zitat S. 2). Deshalb war die finanzielle Lage der Bells oft labil und die Angst vor Verarmung oft präsent. Erst in der Landwirtschaft fand er Interesse und Halt und hatte auch Erfolge. Trotz der Gegensätzlichkeit hielt die Ehe 70 Jahre (!!), sie gebar 15 Kinder, wovon der älteste männliche unser Benjamin Bell war. Interessanterweise wird Mrs. Bell, also Anne Corrie, sehr viel positiver in der Biografie beschrieben, überlegen und beherrscht, mit äußerster Frömmigkeit ausgestattet, hatte sie den günstigsten Einfluß auf ihren Gatten und ihren ältesten Sohn Zitat S. 4). Der Vater wurde 91 Jahre alt, die Mutter sogar 106 Jahre und überlebte beide.

Die älteste Schwester von George Bell war mit dem damals berühmten Chirurgen John Mowat verheiratet, dessen Vater, ebenfalls Chirurg und ebenfalls ein echter Highlander, sich durch ein beträchtliches Alter von 116 Jahren auszeichnete: noch mit 100 Jahren soll er erfolgreich eine Lithomie durchgeführt haben. Dieser Kontakt zur Familie Mowat mag ein Motiv für Benjamin Bell gewesen sein, in die Medizin zu gehen und Chirurg zu werden!

Diese Kostellation, ein schwacher, eher unbeständiger und wenig erfolgreicher Vater und eine dominate, vielleicht ehrgeizige, auf jeden Fall aber sehr bodenständige und gläubige Mutter mag eine der Triebfedern gewesen sein für B. Bells späteren Erfolg.

Zurück zu Benjamin Bell: (von seiner Mutter immer liebevoll Ben gerufen)

Er erhielt eine ausgezeichnete klassische Bildung auf der Grammatikschule dieser Stadt unter Dr. Chapman, dem Rektor.

B. Bell hatte früh seine Berufswahl in der Medizin getroffen. Er kam als Lehrling bei James Hill unter, einem Chirurg in Dumfries, dessen Praxis in diesem Viertel sehr bekannt war. Es war schon immer ein besonderes Merkmal in B. Bells Charakter, das er, wenn er einmal mit Etwas angefangen war, dieses mit äußerster Inbrunst und Eifer verfolgte. Er durchlief so seine Lehrjahre, die mit Mühen und Strapazen durchzogen waren, die mit der Arbeit im Laden eines Chirurgenapothekers verbunden waren, mit der besten Einstellung und großem Pflichtgefühl. Er half seinem Meister schon bald in der Behandlung seiner Patienten. Diese lobten ebenso sein gutes Benehmen, seine gute Laune und sein korrektes Verhalten während der Arbeit.

1766 ging er er nach Edinburgh und wurde dort, kaum 17 Jahre alt, Mitglied der Universität.. Der erste und besonders der zweite Alexander Monro ( Monro, Alexander, englischer Anatom, 1733 –1817; Das berühmteste Mitglied einer Edinburger Anatomenfamilie (sein ebenfalls bekannter gleichnamiger Vater lebte 1697-1767 und war Professor der Anatomie) promovierte nach dem Medizinstudium 1755 in seiner Heimatstadt und erhielt schon im selben Jahr eine Professur für Anatomie und Chirurgie. Bald darauf unternahm Monro eine Studienreise nach London, Paris und Berlin, kehrte 1758 nach Edinburg zurück, unterstützte seinen Vater auf dem Lehrstuhl für Anatomie und übernahm diesen ab 1759 allein, bis ihn seinerseits 1801 sein Sohn ablöste. Bis 1809 hielt Monro noch Vorlesungen, gab dann auch seine Praxis auf und zog sich in den Ruhestand zurück. Seine wichtigsten Studien betrafen das Gehirn und das Nervensystem, das er mit dem Mikroskop erforschte. Er experimentierte mit dem Einfluß von Opium auf das Nervensystem, beschrieb die Schleimbeutel des menschlichen Körpers, verfaßte Abhandlungen über Auge und Ohr sowie eine vergleichende Studie über die Anatomie von Fischen, anderen Tieren und Menschen. Sein Name ist im anatomischen Sprachgebrauch noch heute bekannt: man spricht vom Monroschen Punkt als Einstichstelle bei der Punktion von Aszites (Bauchwassersucht), von Monroschen Zysten und vom Foramen interventriculare Monroi.) wurden dort seine Lehrer in der Anatomie und Cirurgie. Sie bekamen schon bald offensichtliche Hinweise auf das besondere Genie von Benjamin Bell.

Aus dieser Zeit gibt es einige interessante Briefe, die Bell an seine Eltern geschrieben hatte, die seinen Enthusiasmus für das Studium und seinen Lehrern ggü. bezeichnen.

Benjamin Bells Leidenschaftlichkeit in dem Studium der Anatomie in all ihren Zweigen war enorm. Da er vorhatte, selbst Chirurg zu werden, wusste er nur zu gut, dass ein Ansehen in dieser Berufssparte nur durch unermüdliche Praxis erlangt werden konnte.

Im November 1767 wurde Bell Dresser (Friseur?) in der chirurgischen Station der dortigen Klinik und war wegen seiner Erfahrungen bei Mr. Hill dort schon bald sehr erfolgreich..

Bald wurde er zum Hilfs-Chirurgen im königlichen Krankenhaus ernannt, das ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung seiner Fähigkeiten bot.

Obwohl Benjamin Bell besonders prädestiniert für den Beruf eines Chirurgen war, gab es keine Abteilung in der Medizin, die ihn nicht interessierte. Die Vorlesungen und Experimente in Chemie des Wissenschaftlers Dr. Joseph Black (Joseph Black (1728-1799), Professor in Glasgow und Edinburg, leistete wichtige Beiträge in der experimentellen Physik und Chemie; er wies u.a. nach, dass die ausgeatmete Luft Kohlendioxid enthält.) , der aus Glasgow nach Edinburgh kam, als Bell sein Studium begann, fanden besonders sein Interesse.

Dr. William Cullen (Cullen, William, schottischer Arzt, 1710 –1790; Cullen begann seine Laufbahn 1740 als Landarzt in seiner Heimat. Als sehr geachteten Arzt ernannte man ihn sogar zum Bürgermeister. Durch seinen Freund William Hunter ermutigt, bewarb er sich um eine Lehrkanzel an den Universitäten Glasgow und Edinburg. In weiterer Folge erhielt er an beiden Universitäten Professuren für Chemie, Pharmakologie und schließlich für theoretische Medizin. Später lehrte er für kurze Zeit auch praktische Medizin. Ab 1757 hielt er seine Vorlesungen nicht mehr in lateinischer, sondern in englischer Sprache. Er suchte die Krankheitsursachen im Nervensystem, das für ihn von einem Fluidum erfüllt und in ständiger Bewegung war. Bei Störung dieser Bewegungen tritt eine Krankheit auf, die zum betreffenden Organ weitergeleitet wird. Cullen trifft eine Einteilung des Fiebers nach verschiedenen Kriterien von stark bis schwach. Interessant erscheint uns auch seine Theorie über die Gicht: er betrachtet sie als Krankheit, die den gesamten Organismus befällt, insbesondere aber das Gehirn betrifft und von hier zu den Gelenken ausstrahlt. Die Wirksamkeit von Medikamenten geht für ihn vom Magen aus. 1774 veröffentlichte er eine bearbeitete Neuausgabe der Edinburger Pharmakopöe; 1775 legte er den klinischen Unterricht nieder, um sich nur mehr seinen Theorien zu widmen.
Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, lebte 1789 in Leipzig, wo ihm bei der Übersetzung von Cullens Werk der Materia medica die erste Idee zu seiner Homöopathie-Lehre kam (Chinarindenversuch).)
, Professor am dortigen Institut für Medizin, war ebenfalls einer seiner Lehrer. Die Theorie und Praxis der Physik wurde von Dr. John Gregory und die Botanik von Dr. John Hope (1725-86)(keine weiteren Informationen gefunden!)gelehrt. Dies waren die Professoren, von denen Benjamin Bell viel lernte. Die Creme de la Creme der damaligen Naturwissenschaften in Schottland und ein junger wissbegieriger Student, der die wichtigsten Koryphäen vorort hatte. Eine gute Verbindung!

Im Jahr 1770 beschloss Benjamin Bell die zwei großen Schulen für chirurgische Praxis in Paris und London zu besuchen. Bevor er es jedoch tat, bestand er alle die Prüfungen an der Hall of Surgery und er wurde ein Mitglied des Royal College of Surgeons in Edinburgh.

1770-1772: Die Reise nach Paris und London kostete Bell damals £ 150 Pfund, also ein verhältnismäßig billiges Unterfangen auch für die damalige Zeit.

Der damals schon berühmte John Hunter <(Hunter, John, englischer Chirurg, 1728 –1793; Der jüngere Bruder William Hunters kam 1748 aus seiner Heimat Schottland nach London, wo er mit dem Medizinstudium begann. Er unterstützte seinen damals schon angesehenen Bruder bei dessen anatomischen Untersuchungen und fertigte exakte Präparate an. Bald entschied er sich für die Chirurgie. Ab 1755 übernahm er einen Teil der anatomischen Vorlesungen seines Bruders, erhielt 1756 eine Stelle als Chirurg an einem Spital und trat 1760 für drei Jahre in die Marine ein, um an verschiedenen Expeditionen teilzunehmen. Nach London zurückgekehrt, widmete er sich seinen anatomischen, physiologischen und vor allem chirurgischen Untersuchungen und Tätigkeiten und baute sich in kurzer Zeit eine große und sehr angesehene Praxis auf. Für die Chirurgie, die er auf die gleiche Stufe wie die Innere Medizin stellte, ist Hunter von grundlegender Bedeutung.) wurde in London sein Lehrer. Über diese Phase seines Lernens gibt es sehr spärliche Details, außer einem Brief an William Cullen 1772, bei dem er sich dafür bedankt, dass dieser ihn bei den Hunters mit einem Schreiben eingeführt hatte. Er lobt hier John Hunter in den höchsten Tönen: I have had the pleasure of a most agreeable, and at the same time most useful, aquaintance I ever met with.

In seinen späteren Werken übt sich Bell dann aber auch im wissenschafftlichen Streit mit Hunter und stellt einige seiner Theorien in Frage (siehe später)

1772 im Alter von 23 Jahren kehrte Bell nachhause zurück und begann seine chirurgische Praxis in Edinburgh. Es gab Wenige, die besser vorbereitet waren als er für die chirurgische Praxis. Er war einer der ersten Chirurgen, der betonte, unnötigen Schmerz bei der Operation zu vermeiden! Von seinen vielen Verdiensten um die praktische Chirurgie ist eines der wesentlichen, daß er bei allen Operationen, namentlich Geschwulst-Exstirpationen, auf die Erhaltung von möglichst viel gesunder Haut drang. Er wurde später so berühmt, das er immer, wenn besondere Operationen anlagen, gerufen wurde, um sie durchzuführen. Ein Sprichwort lautete damals: "gebe dich niemals mit dem Tod ab, bevor Benjamin Bell dich nicht gesehen hat." (No one would willingly die without being visited by Benjamin Bell).

Zur gleichen Zeit erbte er einen größeren Landbesitz von seinem Großvater und wurde mit den Problemen der Landbevölkerung und Bauern konfrontiert. Diese Erbschaft führte zu einer Mißstimmung mit seinem Vater, der eigentlich der direkte Erbe gewesen wäre, dem der Großvater die Verwaltung der Länderei aber nicht zutraute. Trotzdem versuchte Benjamin Bell, seinen Vater in die Verwaltung des Anwesens zu intergrieren, was dieser aber nur halbherzig tat. (There is in short an appearance of laissez faire on the part of Mr. Bell senior.)

Die Beschäftigung mit seinem neuen Besitz fesselte Bell dermaßen, dass er später ebenfalls Traktate über Ökonomie und Agrarkultur schrieb (siehe später).

1776 heiratete Benjamin Bell Grizel Hamilton, die Tochter von Dr. Robert Hamilton, dem Professor für Theologie an der Universität von Edinburgh. Deren Bruder, James Hamilton, hatte er in Paris kennengelernt. Mit Grizel hatte er zahlreiche Kinder. Der Hamilton-Clan besaß ebenfalls berühmte Mediziner und Naturwissenschaftler, z.B. Alexander H. in der Hebammenkunst (Abhandlung über die Hebammenkunst, 1782) oder Sir William H (1730-1803)., (erforschte z.B. den Vesuv und beteiligte sich an den Ausgrabungen bei Pompeji) und Sir William Hamilton (1788-1856), der bekannte Proffessor für Logik und Metaphysik.

Kurz nach seiner Heirat hatte B. Bell einen schweren Unfall: er stürzte so schwer vom Pferd und erlitt ein derartig schweres Trauma, dass er 2 Jahre lang arbeitsunfähig wurde. Bell hatte große Angst, nie wieder gesund zu werden. Auch bekam er existenzielle Ängste, seine Familie nicht mehr ernähren zu können. (Vor seinem Unfall verdiente Bell ca. 400 Pfund pro Jahr)

Deshalb mietete er eine Farm auf dem Lande und versuchte sich in der Landwirtschaft, um im schlimmsten Fall hier Geld zu verdienen. Nach 2 Jahren war er aber soweit wiederhersgestellt, dass er wieder als Chirurg paktizieren konnte. Er nutzte die Zeit seiner Krankheit auch für das Studieren von chirurgischen Schriften, die Vorarbeit also für sein späteres Hauptwerk "A System of Surgery". Einem Gerücht, B. Bell sei durch den Sturz geisteskrank (mental disease) geworden, widersprach sein damals berühmter Kollege Alexander Wood sehr vehement: der junge Mann habe mehr gesunden Menschenverstand als alle, die sich um seinen kümmern würden.

Trotz seiner Krankheit und Schwäche machte sich B. Bell oft Sorgen um sein Geschwister und half auch mit Geldmitteln aus, selbst wo seine berufliche Zukunft ungewiss war. Es war häufig seine Mutter, die ihn mit ihren Sorgen belegte und er daraufhin, als rechtschaffener ältester Sohn, die Führungsrolle in der Familie übernahm. Mehrere Briefwechsel mit seiner Familie zeugen davon. So schlägt er z.B. vor, jedem seiner Geschister £ 50 Pfund aus dem Gewinn seines Erbes zu schenken und machte sich viele Gedanken um deren Ausbildungen.

1977: Geburt seines 1. Sohnes, danach insgesamt 7 Kinder, drei davon starben in früher Kindheit. (Zitat S. 67); Josef Bell, der jüngste, wurde ebenfalls ein berühmter Chirurg.

James Wardrop, ein zeitgenössischer Chirurg aus London, der B. Bell persönlich kannte sagte über ihn: "Bell’s Wesen vermied jede Form von Gehabe. Er war immer freundlich, und bediente sich einer einfachen und klaren Sprache. Seine Art, sich auszudrücken, war beeindruckend und für die Patienten sehr vertrauenserweckend. Bei aller Aufregung in den Operationen zeigte er größte Beherrschung. Er war ein sehr erfolgreicher Chirurg, und viele Jahre lang der gefragteste unter allen Chirurgen Schottlands!"

Eine andere positive Eigenschaft Bells’s war es, obwohl sehr belesen, im Gespräch seinem Gegenüber immer das Gefühl zu geben, er (Bell) sei der Lernende, auch wenn er selbst die Informationen weitergab. So lebt er den klugen Satz von Alexander Pope (1688-1744): men should be taught as though you taught them not, and things unknown be told as things forgot (Menschen sollten gelehrt werden als ob nicht belehrst, unbekannte Dinge sollten erzählt werden, als ob nur vergessen.)

Nach seinem Unfall mit 27 Jahren schien es, als ob Bell niemals richtig wiederhergestellt war. Er war schnell erschöpft bei seinen Hausbesuchen bei Patienten, besonders wenn er Treppen steigen mußte. Schon mit 40 Jahren versagte ihm oft die Kraft und er brauchte lange Erholungsphasen am Meer. In den letzten Jahren war seine körperliche Kraft derart erschöpft, dass er kaum noch Nahrung aufnehmen konnte.

Schließlich starb er am 5. April 1806 in Edinburg mit 57 Jahren.

Noch ein familiäres Erbe:

B. Bell war der Großvater eines anderen berühmten Chirurgen Dr. Joseph Bell (1837 - 1911), der Arthur Conan Doyle (1859 - 1930), seinen Studenten, inspirierte zu dessen Figur des Sherlock Holmes und Dr. Watson in den berühmten Romanen.

"Yet he is the original Sherlock Holmes--the Edinburgh medical students' ideal--who could tell patients their habits, their occupations, nationality, and often their names, and who rarely, if ever, made a mistake. Oftentimes he would call upon one of the students to diagnose the cases for him. Telling the House Surgeon to usher in a new patient, he delighted in putting the deductive powers of the student to the test, with results generally amusing, except to the poor student victim himself. This is Conan Doyle's description of Joseph Bell: "He would sit in the patients' waiting-room, with a face like a Red Indian, and diagnose the people as they came in, before even they opened their mouths. He would tell them their symptoms, and would even give them details of their past life, and he would hardly ever make a mistake."

 

Benjamin Bell als Schriftsteller und Autor:

Seine ersten Publikationen schrieb B. Bell schon 1973 "The History of a case in which some of the vertebrae were found dissolved", und 1975: "A treatise in the therapy and management of ulcers" sowie "A dissertation on white swellings of the joints". Diese wurden ins Deutsche übersetzt 1779 und 1792 (mit Zusätzen von Hebenstreit), 1782 ins Französische und bekamen zahlreiche Auflagen. Sie wurden als Klassiker der Chirurgie des 18 Jahrhunderts angesehen. (nach Heirs of Hippokrates)

Benjamin Bell hatte schon früh den Plan, ein "System of Surgery" zusammenzustellen, die Vorarbeiten dazu führte er in seinr Krankheitsphase 1776. Im Jahr 1783, sechs Jahre nachdem er sich wieder in Edinburgh niedergelassen und praktiziert hatte, wurde der 1. Band veröffentlicht. Die übrigen Bände erschienen dann nach und nach bis zum Jahr 1788 in sechs Bänden (in insgesamt 7 Auflagen).

Den 1. Band (1783) widmete er Alexander Monro, den 2. Band (1784) Alexander Wood, der 3. Band (1785) ist den Managern des Royal Infirmary of Edinburgh gewidmet, Band 4 (1787) ohne Widmung, Band 5 (1788) ebenso und Band 6 (1788) ohne Widmung, aber mit einem Vorwort: sein System of Surgery sei nun fertig, aber er werde in jeder neuen Auflage die neuesten Erkenntnisse der Chirurgie mit einbauen. Highlights diese Bandes sind u.a der Kaiserschnitt, Amputationen, Schmerzreduktion bei der Operation und das Öffnen, Einbalsmamieren und -bandagieren toter Körper.

Die Bücher wurden vom Verlag Charles Elliot veröffentlicht und kosteten damals pro Band 6 Schilling und 6 Pence.(seit dem 8. Jahrhundert: 1 Pfund = 20 Shilling = 240 Pence bis 1971, dann wurde der Münzwert des Pfundes in das Dezimalsystem übertragen: Statt 20 Shilling waren es nun 100 Pennies, womit die traditionellen Shilling und Pence ersetzt wurden. Auf den Wert des heutigen Euro umgerechnet entspräche ein damaliges Pfund 5 Euro.) Auf den Wert und die Kaufkraft des heutigen Euro umgerechnet entspräche ein damaliges Pfund ca. 5 Euro. Sie sind mit vielen schönen Kupfertafeln bebildert.

Die deutsche Übersetzung "Lehrbegriff der Wundarzneykunst" erschien 1791-1798 mit Zusätzen von Hebenstreit (Hebenstreit, Ernst Benjamin Gottlieb (1753-1803) Prof. der Med. in Leipzig.)in 5 Bänden.

Das "System of Surgery" wurde das beliebteste Handbuch seiner Zeit, weil es die Anschauungen von Benjamin Bell über die Chirurgie in klarer und verständlicher Weise wiedergibt. Es wurde ebenfalls ins Französische, Italienische und Spanische übersetzt.

In diesem prächtig erläuterten und bebilderten Lehrbuch führte Bell eine Anzahl von Verbesserungen bezüglich Amputationstechnik ein, wie der "dreifache Einschnitt von Bell" . Die Klarheit und Genauigkeit, mit denen der Text geschrieben wurde, lieferten ein Musterbeispiel für die chirurgischen Arbeiten des späten 18. Jahrhunderts. Die Tatsache, das sein Werk bis 1801 sieben Auflagen bekam, zeigt sehr deutlich, wie sehr es die Bedürfnisse seiner Zeit befriedigte und welch hohe Wertschätzung es unter den Fachleuten erhielt.

Eine Anektote am Rande: (Wie man als Buchverleger auch damals kaum Geld verdiente)

Charles Elliot's Medizin-Verlag in Edinburgh (1772-1790). Elliot wurde mit etwa 600 Veröffentlichungen in seiner Karriere verbunden, einschließend der Encyclopaedia Britannica, der er zu internationalem Erfolg verhalf. Geboren in Edinburgh im Jahr 1710, war sein Anliegen, schottische medizinische Schriftsteller zu fördern. Elliot arbeitete mit einer Anzahl von medizinischen und wissenschaftlichen Schriftstellern einschließlich den Monros, Gregory, Cullen, Lind, Hulme und Fourcroy. Obwohl einige seiner medizinischen Bücher einen Gewinn brachten, bekam Elliot keinen guten Rücklauf auf seine Investitionen seiner medizinischen Veröffentlichungen. Bei Versuchen, mit Londoner Verlegern um Copyrechte zu kämpfen, zahlte Elliot sehr hohe Sätze. Seine profitabelste Publication war Benjamin Bell's "A system of surgery", aber er bezahlte teuer für das Privileg, diues Buch zu veröffentlichen.

Mit "A system of surgery" verdiente Benjamin Bell £600 auf einmal (1782), in einer Zeit, als viele Copyrechte nur £10-60 wert waren; and William Cullen bekam sogar £1200 für seine Materia Medica von 1774. Dies war zu dieser Zeit das teuerste Copyright. Obwohl ihm nicht ein großer finanzieller Erfolg erschienen ist, war Elliots persönliche Belohnung, eine Anzahl von medizinischen und wissenschaftlichen Verfassern seiner Zeit gefördert zu haben

1793 erschien noch seine "Abhandlung über Gonorrhöe," und 1794 eine andere "Abhandlung über Hydrocele, Sarcocle, Krebs und andere Erkrankungen der Hoden", eine weniger populäre Schrift von ihm. Die deutsche Übersetzung erfolgte 1795, ebenfalls von Ernst Benjamin Gottlieb Hebenstreit.

 

 

 

 

Durch seine Erbschaft und später auch durch den Ankauf diverser Landgebiete wurde Benjamin Bell in seinem späteren Leben auch mit ökonomischen und wirtschaftspolitischen Fragen konfrontiert, die in vielen Traktaten Ausdruck fand. Durch den persönlichen Kontakt und das Lesen der Schriften des schottischen Moralphilosophen und Nationalökonom Adam Smith (1723-1790) wurde er schließlich ein Vertreter der frühen freien Marktwirtschaft.

Von 1783-1802 verfasste Benjamin Bell verschiedene Artikel über das Recht und Unrecht der damaligen Ökonomie und die Vorteil einer freien Marktwirtschaft mit materiellen Anreizen. (S. 99 ff.) So machte er sich auch einen Namen als fortschrittlicher Politökonom. Berühmt wurde seine Kritik gegen die damalige "Fenstersteuer" die besagte, dass bei einem Häuserbau möglichst wenig Fenster eingebaut werden dürften oder bereits eingebaute Fenster entfernt werden müssten: it must tend to generate diseases, when our houses must be deprived of that portion of light and air, which the inhabitants ought to possess, without which they can enjoy comfort nor health (S. 101). Er machte sich einen Namen als Menschenfreund, dem das öffentliche Wohlergehen ebenso am Herzen lag wie das Wohl seiner Familie

Sein Lebenslauf zeigt, wieviel Energie er besaß, die es ihm ermöglichte, all seine Publikationen, seine medizinische Praxis und seine politische Arbeit zu tun. Trotzdem wurde er körperlich immer schwächer, wohl noch als Folge seines Unfalls 1776. Bis zu Letzt war Benjamin Bell noch als Chirurg tätig. Er praktizierte 29 Jahre in seinem Beruf und seine Patienten hatten soviel Vertrauen in seine Fähigkeiten, das der Satz: nobody thougt he could die without having consultet Benjamin Bell in aller Munde war. Er war ein derart erfolgreicher Operateur, das er mehr Anfragen von Patienten hatte als jeder andere Chirurg in Schottland. Seine einfache und klare Sprache schuf Vertrauen beim Patienten, er verhielt sich zu jedem, gleich welcher Herkunft, als Gentleman und zeigte niemals Hochmut und Arroganz ggü. den Nicht-Gelehrten. Er war niemals in Eile, sondern hatte immer die Zeit übrig, die ein Patient verlangte.

Auch wenn Benjamin Bell keine religiösen Ambitionen nach außen trug, war sein Denken und Handeln selbstlos und philantrophisch ganz im Sinne der christlichen Nächstenliebe.

Er starb im Alter von 57 Jahren, im Vergleich mit dem Alter seiner Eltern recht früh. (die Mutter wurde 106, der Vater 91 Jahre alt). Sein schwerer Unfall mit 27 Jahren scheint ihm die Kraft genommen zu haben, die er für ein erfülltes hohes Alter gebraucht hätte und von der Konstitution seiner Eltern her wohl auch ursprünglich vorhanden war.

Verschiedene An- und Einsichten Benjamin Bells:

  1. Eine Methode, die besonders im 18. Jahrhundert in den gehobenen Kreisen Englands angewandt wurde bestand darin, erforderliche Zähne, die zuvor jungen Menschen gegen Entgelt entnommen worden waren, einzusetzen. Während John Hunter dabei ein Infektionsrisiko nicht für möglich hielt, war Benjamin Bell der Meinung, daß die "Zähne nicht von krank erscheinenden Personen entnommen werden" dürften. Diese Methode geriet daher mehr und mehr in die fachliche Kritik. (Band 3, S. 424)
  2. Benjamin Bell beschrieb als erster, dass es sich bei der Gonorrhoe (Tripper) um eine andere Krankheit als bei der Lues venerea (Syphilis) handelt; zudem macht er eindeutig klar, dass er die gängige Theorie von der Einschleppung dieser Seuche nach Europa durch Columbus für nicht haltbar hält, weil sie viel älter sei und schon bei den Griechen und Römern auftrat. Noch im 18. Jahrhundert wurde nicht zwischen Syphilis und Gonorrhoe unterschieden, besonders nachdem John Hunter (1728-1793) im Jahre 1767 mit einem Impfversuch die Identität scheinbar bewiesen hatte. Benjamin Bell (1749-1806) und Astley Cooper (1768-1841), die dagegen die Gonorrhoe bereits als eigenständige Erkrankung ansahen, konnten sich mit ihren Ansichten nicht durchsetzen. Erst der Venerologe Philippe Ricord (1800-1889) widerlegte den Versuch Hunters durch eigene Impfversuche im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts.
  3. Kritik an den Pelikan: Zweifellos wurde mit dem Pelikan sehr viel Schaden angerichtet. "Den Pelikan hingegen regiert die ganze Stärke der Faust und des Arms, welches die bloße Klemmung der Hand weit übertrifft. Kurz, es ist ein sehr ungeschicktes Instrument. Der Verfasser zeigt auch gar nicht die Art des Gebrauchs desselben; und fehlen vollends die benachbarten Zähne, so ist das ganze Instrument vergebens, weil es ohne Stützpunkt ist. Bei Wundärzten, die es nicht besser verstehen, ist dieses Instrument übrigens ziemlich in Ansehen" ( Praktische Darstellung aller Operationen der Zahnarzneikunst, Berlin 1804 ). Auch Benjamin Bell bildete in "System of Surgery" zwei Pelikane ab, hielt aber von deren Anwendung nicht viel, weil er keinen Vorteil zum Zahnschlüssel sah. (Band 3, S. 440)
  4. Auch die Nephrolithiasis (Steinbildung in der Niere) versucht man vielfach operativ zu heilen, obwohl Benjamin Bell die Meinung vertritt, es handele sich dabei um ein absurdes und gefährliches Unternehmen. (Band 2, S. 123f.)

5. Benjamin Bell als früher Verfechter der Homöopathie: (System of Surgery, 3rd edit., 1789), He says: 'One of the best applications to every burn of this kind is strong brandy or any other ardent spirit; it seems to induce a momentary additional pain, but this soon subsides, and is succeeded by an agreeable soothing sensation. It proves most effectual when the parts can be kept immersed in it; but where this cannot be done, they should be kept constantly moist with pieces of old linen soaked in spirits.' To this I may add that warm, and indeed, very warm, alcohol is much more rapidly and much more certainly efficacious, for it is much more homœopathic than when not heated. And all experience confirms this in a most astonishing manner. Thus Benjamin Bell (in Kuhn's Phys. Med. Journ., Leipzic 1801, Jun., p. 428), in the case of a lady who had scalded both arms, caused one to be covered with very warm oil of turpentine, and made her plunge the other into cold water. In half an hour the first arm was well, but the other continued to be painful for six hours longer; when it was withdrawn one instant from the water she experienced much greater pain in it, and it required a much longer time than the first for its cure. (Band 4, S. 179 f.)

 

 

6. Zur Brustamputation:

Benjamin Bell folgte der Praxis von Jean Louis Petit, französischer Chirurg, 1674 –1760, und empfahl, die ganze Brust abzunehmen, selbst wenn der Knoten nur klein sei, und das die Brust ohne den Pektoralmuskel abgeschnitten werden müsse. Er empfahl, das so wenig Haut wie möglich entfernt werden sollte, dafür aber die Lymphdrüsen von der Achselhöhle aus durch einen separaten Schnitt entfernt werden müßten. (Band 2, S. 374f)

7. Amputationen: Er versuchte bei jeder Amputation soviel Haut zu retten wie es ging

(" Save Skin!"), damit die Wunde sauber bedeckt war und eine Infektionsgefahr reduziert wurde. (Ausschluss von Luft). Ein Rezensor seines "System of Surgery" schreibt:

"Es kann nicht angezweifelt werden, dass, hätte B. Bell nichts anderes für die Chrurgie getan als die Empfehlung: Save Skin! als Grundregel, wäre er allein deshalb zu den großen Chirurgen der Geschichte zu zählen! (S. 170) (Band 2, S. 378

8. Schmerzminderung: B. Bell war ein Verfechter des Vermeidens unnötiger Schmerzen bei Operationen; er lehnte Betäubungsmittel im Übermaß ab, weil sie Übelkeit und Erbrechen und andere Nebenwirkungen verursachten. Er empfahl das Abdrücken der Nerven mit einer Schraubzwinge nach James Moore. Bells Einfall dazu war, gleichzeitig auch die Arterien abzudrücken, damit die Venen sich nicht ausdehnen und platzen können. (Band 4, S. 526)

 

Literatur:

Benjamin Bell: Lehrbegriff der Wundarzneykunst, aus dem Englischen übersetzt von Ernst Benjamin Gottlieb Hebenstreit, Leipzig, dritte Auflage 1805, Faksimile von 1979

Diepgen, Paul: Geschichte der Medizin, Berlin, 1. Auflage, 1949, 3 Bände

Sournia/Poulet/Martiny: Illustrierte Geschichte der Medizin, deutsche Bearbeitung unter der Leitung von Richard Toellner, 1986, 6 Bände, digitale Bibliothek 3.21

* Benjamin Bell (Enkel): The Life, Character and Writings of Benjamnin Bell (1749-1806), Edinburgh, 1868

* Sir Benjamin Ward Richardson: Disciples of Aesculaius, Vol II, London, 1900

* John Kay: Kay’s Original Portraits Vol II, Edinburgh, 1877

* Rev. Thomas Thomson: Eminent Scotsmen, Vol I, London, 1870

* Reproduced with kind permission of the Royal College of Surgeons of Edinburgh

 

 

 

 

 

 

 

B. Vorwort des Buches:

 

Benjamin Bells

Mitglieds des königlichen Kollegium der Wundärzte zu

Edinburg und Wundarztes am dortigen königlichen Hospital

Lehrbegriff

der Wundarzneykunst

(A System of Surgery)

Aus dem Englischen,

mit einigen Zusätzen und Anmerkungen.

Mit Kupfern

Dritte vermehrte Ausgabe

Leipzig, 1804

ins Deutsche übersetzt von

Ernst Benjamin Gottlieb Hebenstreit

 

 

Vorerinnerung des Verfassers zur ersten Ausgabe des Originals

Der Beyfall und die Nachsicht, womit das Publikum die von mir vor einigen Jahren herausgegebene Abhandlung von den Geschwüren und deren Behandlung, nebst einigen Bemerkungen über die weißen Geschwülste der Gelenke und die chirurgische Behandlung der Entzündung und die Folgen derselben (die auch bey dem Verleger des gegenwärtigen Buchs in einer deutschen Übersetzung erschienen sind) aufgenommen hat, ermuntert mich, gegenwärtigen Lehrbegriff der Wundarzneykunst bekannt zu machen, zu dessen Einleitung und Vollständigkeit die den gedachte Abhandlung von den Geschwüren dienet.

Es scheint mir aber, da ich jetzt ein so schweres und weitläufiges Unternehmen, als das gegenwärtige ist, ankündige, vor allen Dingen nötig zu seyn, hier die Ursachen, die mich zu demselben bewogen haben, und den Plan, den ich mir dabey vorgelegt habe, kürzlich zu erzählen.

Das System der Wundarzneykunst welches der gelehrte und berühmte deutsche Arzt (Lorenz) Heister ( Lorenz Heister (1683-1758), der „Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie“ in Deutschland; in Leiden ein Schüler von Boerhaave im Jahre 1739 herausgegeben hat ( Die neuste von dem Verfasser selbst besorgte Ausgabe seiner Institutionum chirurgiae ist zu Amsterdam im Jahr 1750 in zwei Quartbänden gedruckt worden. Es gilt von diesem Buch noch immer das, was unser Verfasser davon sagt, und es wäre nichts mehr zu wünschen, als das ein neuer chirurgischer Schriftsteller, der aber eigne praktische Kenntnisse haben müßte, ein ähnliches nach dem Heisterschen Plan eingerichtetes Werk liefern, und in Anlehnung der Wundarzneykunst das leisten möchte, was Haller mit den physiologischen Kenntnissen seines Zeitalters getan hat. Kein anderer als ein deutscher oder holländischer Arzt ist wohl im Stande, ein solches Werk zu schreiben, weil allen anderen Nationen die hierzu nöthige literarische Kenntnis, Genauigkeit und Arbeitsamkeit mangelt. Möchte es doch einem Richter (August Gottlob Richter, 1742-1812, Professor für Chirurgie und Augenheilkunde in Göttingen, auch ein hervorragender Internist) gefallen, sich nach Beendigung seiner deutschen Anfangsgründe der Wundarzneykunst durch ein größeres lateinisches Werk um die Aerzte und Wundärzte aller Nationen verdient zu machen! Ernst Benjamin Gottlieb Hebenstreit) , begreift alles dasjenige in sich, was die Erfahrungen aller vorherigen Zeiten entdecket und nützlich gefunden hat, wozu von diesem Schriftsteller noch diejenigen Bemerkungen hinzugefügt worden sind, die er nach seiner eigene Kenntnis in der Zergliederungskunst und Erfahrung in der Wundarzneykunst hinzusetzen konnte.

Dieses war das erste vollständige System der Wundarzneykunst, welches diesen Namen verdient, und es ist auch bis jetzt noch immer das Einzige in seiner Art geblieben.

Seit Heisters Zeiten ist die Wundarzneykunst mit sehr vielen schätzbaren und wichtigen Entdeckungen bereichert worden, deren Urheber und Erfinder auch dem Publikum von Zeit zu Zeit Nachricht davon gegeben haben. Allein alle diese Abhandlungen handeln nur von einzelnen Materien, und stehen nothwendig miteinander in feiner Verbindung, so daß die Kenntnisse, mit welchen unsere Wissenschaft in neueren Zeiten vermehrt worden ist, sehr zerstreut sind, und sich vielleicht für viele in einer ganz unzugänglichen Lage befinden.

Es ist zwar nicht zu leugnen, das einige neuere Schriftsteller Versuche gemacht haben, die chirurgischen Kenntnisse und neuen Entdeckungen in ein vollständiges System zu bringen. J. Z. Platner ( Johann Zacharias Platner (1694-1747), Professor der Anatomie und Chirurgie in Leipzig, verdient um die Augenheilkunde ) gab seine Anfangsgründe der Chirurgie im Jahr 1745 zu Leipzig lateinisch heraus, und ein anderer Leipziger öffentlicher Lehrer C.G. Ludwig ( Christian Gottlieb Ludwig (1709-1773), Professor der Anatomie und Chirurgie, später der Pathologie und Therapie in Leipzig) , machte sich im Jahr 1767 durch eben solche Anfangsgründe der Chirurgie (institutiones chirurgiae) um die gelehrte Welt verdient.

Man kann aber diese beiden Bücher eigentlich nur als Leitfaden zu den Vorlesungen dieser beiden berühmten Leipziger Lehrer ansehen, und ob gleich beide Schriften großen Beyfall verdienen, so sind sie doch zu kurz, als das ihre Verfasser de4m Leser eine deutliche, genaue und vollständige Idee von allen Gegenständen, welche sie abhandeln, darin hätten geben können.

Dieser Mangel eines vollständigen und mit den neuesten Entdeckungen bereicherten Handbuchs der Chirurgie, nöthigt den jungen Lehrling der Wundarzneykunst sowohl als den schon erfahrnen praktischen Wundarzt, der einen vollständigern Unterricht zu haben wünschet, eine große Menge verschiedener Schriften nachzulesen, die er sich nur mit vieler Mühe verschaffen, oder auf deren Durchlesung er auch wegen anderer Verrichtungen nicht die gehörige Zeit wenden kann.

Diese Betrachtung und die von mir selbst so oft erfahrene Unbequemlichkeit, welche der Mangel eines gut ausgearbeiteten und vollständigen chirurgischen Systems mit sich führt, hat mich bewogen, das gegenwärtige Werk zu unternehmen. Ungeachtet dasselbe vielleicht für erfahrene und nachdenkende praktische Wundärzte und Ärzte, die alle neuen Schriften durchzulesen gewohnt sind, wenig Neues lehren wird, so schmeichle ich mir doch, dass es dagegen jüngeren Wundärzten und Ärzten, und auch allen denjenigen, die nicht viel Gelegenheit gehabt haben, sich weitläufige Kenntnisse zu verschaffen, nützlich seyn soll.

 

Ich habe aber bey dieser Schrift den Endzweck, einen Abriss von dem gegenwärtigen Zustande der Wundarzneykunst, wie dieselbe heut zu Tage von den erfahrenen Wundärzten von Europa ausgeübt wird, wenigstens in so weit mitzuteilen, als ich dieses nach meinen eigenen Beobachtungen, die ich bey meinem vieljährigen Aufenthalt in Hospitälern habe machen können, und den damit verbundenen Vortheilen zu thun vermögend gewesen bin, welche mir das Lesen und mein Briefwechsel verschafft hat.

Ich muß hierbey erinnern, daß ich mit Fleiß eine Menge von Verbesserungen, die man zu verschiedenen Zeiten fast in allen Theilen der Wundarzneykunst vorgeschlagen hat, ausgelassen habe. Es hat in den letztvergangenen dreißig oder vierzig Jahren unter den Wundärzten ein so ungezähmter Hang zu Erfindung neuer chirurgischer Werkzeuge geherrschet, daß es ordentlich zur Mode und Gewohnheit geworden ist, einem jeden neuen chirurgischen Buche auch neue und sonderbare Werkzeuge beyzufügen. Einige derselben haben ohne allen Zweifel sehr viel Nutzen geschafft; allein die allermeisten dienen mehr dazu, das Genie ihrer Erfinder zu zeigen, als die chirurgischen Operationen zu erleichtern, für welche sie eigentlich bestimmt sind. Denn ob gleich bey einer jeden chirurgischen Operation die Leichtigkeit, dieselbe zu verrichten, ein Umstand ist, auf den man vorzüglich mit zu sehen hat, so wird doch die Absicht, um deren Willen wir eine Operation unternehmen, gemeiniglich durch sehr einfache Mittel erricht.

Ein Hauptendzweck, den ich bey gegenwärtigem Buche gehabt habe, bestehet darin, die Wundarzneykunst von allen den unnützen Werkzeugen und den überflüssigen Maschinenwesen zu befreyen, womit man dieselbe beschwert hat, und bloß das beyzubehalten, was auf dem festen Grund der Erfahrung gegründet ist. Ich habe daher eine besondere Sorgfalt darauf verwendet, nichts anzunehmen, was ich nicht selbst durch eigene Erfahrung bestätigt gefunden habe, oder von anderen mit Nutzen habe anwenden sehen.

Das Amt, in welchem ich bey einem großen Hospital, beim königlichern Krankenhaus zu Edinburg, stehe, zu welchem der größte Theil der Armen in Schottland, wenn ihr Zustand chirurgische Operationen bedarf, seine Zuflucht zu nehmen pflegt, hat mir, nebst meiner chirurgischen Privatpraxis Gelegenheit verschafft, alle und jede Operationen zu wiederholtenmalen zu verrichten, und oft gegenwärtig zu seyn, wenn dieselben von den besten hiesigen Wundärzten verrichtet worden sind. Es setzt mich dieses in Stand, von jeder derselben mit einem gewissen Zutrauen in meine eigene Einsicht und Beurtheilungskraft, ob gleich, wie ich hoffe, mit einer hinlänglichen Behutsamkeit zu sprechen. Hätte ich nicht diese Vortheile gehabt, so würde ich gewiss mich nicht gewagt haben, gegenwärtiges Werk zu unternehmen: denn es kann ein Wundarzt vornehmlich nur durch Ausübung seiner Kunst in Hospitälern diejenige Erfahrung in so zahlreichen und verschiedenen Operationen erlangen, welche ihn in den Stand setzt, sich von denselben einen vollständigen, richtigen und fruchtbaren Begriff zu machen.

Ich habe im gegenwärtigem Werk keine besondere schematische Eintheilung und Ordnung der Materien, welche ich darin abhandle, zu befolgen gesucht. Man hat zwar Eintheilungen und Klassifikationen dieser Art bey verschiedenen Wissenschaften mit großem Vortheil angewendet. Durch sie ist das Studium der Naturgeschichte außerordentlich erleichtert worden, und man kann vielleicht auf eine weit leichtere Art eine Kenntnis der allgemeinen Krankheiten, welchen der menschliche Körper unterworfen ist, durch eine kurz gefasste Übersicht erlangen, welche man davon vermittels eines gut durchdachten nosologischen Systems erhalten kann.

 

Da aber die Krankheiten aller Art, welche den Beystand desjenigen Theils der Wundarzneykunst erfordern, der sich vorzüglichmit chirurgischen Operationen beschäftigt, vollkommen lokal und unter sich nicht durch solche Zufälle verbunden sind, welche alle diese Krankheiten miteinander gemein haben; und da auch selten der Fall sich ereignet, daß die zur Heilung solcher Krankheiten nothwendigen Mittel, bey mehreren derselben eine beträchtliche Ähnlichkeit haben, so kann die eitle Parade, solche Krankheiten unter solchen Umständen zu klassifizieren, zwar die Stärke der Einbildungskraft ihres Urhebers zeigen ( Wahrscheinlicher Weise zielt unser Verfasser hier auf den Edinburgischen Wundarzt John Aitken, der sich in seinem Werk Anfangsgründe der theoretischen und praktischen Wundarzneykunst einer solchen schematischen Ordnung bedient. (Hebenstreit). John Aitken besuchte die Universität von Edinburgh zwischen 1763 und 1769, aber graduierte nicht als Medical Doctor. Er gewann die Mitgliedschaft (d.h. Fellowhip) von diesem königlichen College im Jahr 1770 und war für zwei Sitzungen älterer Präsident der königlichen medizinischen Gesellschaft. Zwischen 1771 und 1790 gab er zahlreiche Bücher und Broschüren über Medizin, Geburtshilfe, Anatomie und Physiologie heraus. Er war Chirurg an Edinburghs Royal Hospital ab 1779 und hielt Vorträge über die meisten Themen im medizinischen Lehrplan. Er starb im Jahr 1790. (Auskünfte über: The Library of The Royal College of Surgeons of Edinburgh) ) , allein es wird daurch weder die Erlernung der Wundarzneykunst, noch die Ausübung derselben sehr erleichtert.

Ungeachtet ich nun aber die verschiedenen Materien, welche den Inhalt des gegenwärtigen Werks ausmachen, in seine äußerliche schematische Ordnung bringen will, so werde ich doch, wenn eine Materie mit der anderen in einer natürlichen Verbindung stehet, keinesweges dieselben von einander zu trennen suchen; und wenn die Beschreibung einer chirugischen Operation nach dem, was ich von einer anderen gesagt habe, leicht verstanden werden kann, beyde Operationen zunächst hintereinander betrachten. Allein in anderen Fällen, wo zwischen den verschiedenen abgehandelten Dingen keine Verbindung zu entdecken ist, kann man auch mit keinem Vortheil für die Leser den Versuch machen, dieselben in eine methodische Ordnung zu bringen.

Wollte ich die Verbesserungen, die in der Wundarzneykunst binnen den zuletzt vergangenen fünfzig oder sechzig Jahren gemacht worden sind, nach der Reihe erzählen, so würde es mir oft sehr schwer, ja unmöglich fallen, denjenigen zu bestimmen, der die jetzt gebräuchliche Verfahrensart zuerst erfunden und eingeführet hat. Ich würde daher auch, wenn ich eine genaue und bestimmte Nachricht von dem Fortgang und der Verbesserung der verschiedenen chirurgischen Operationen von ihrem rohen Anfang bis zu ihrem jetzigen verbesserten Zustande geben wollte, mich genöthigt sehen, von einer jeden derselben eine vollständige chronologische Geschichte zu liefern. Allein es würde eine Untersuchung von dieser Art ein Werk nur noch mehr verlängern, das wegen der Menge der in demselben abgehandelten Materien nothwendiger Weise ohnehin schon sehr weitläufig werden muß. Ich werde daher überhaupt alle Untersuchungen von dieser Art vermeiden, jedoch, wenn man den Erfinder einer merkwürdigen Verbesserung mit Gewißheit kennet, demselben alle Gerechtigkeit widerfahren lassen, welche seine Erfindung verdient.

Diejenigen von meinen Lesern, welche theoretische Untersuchungen lieben, werden, wie ich hoffe, sich hier öfters in ihrer Erwartung getäuscht finden. Ich habe, wenn die Sache, von der ich rede, dadurch deutlicher und begreiflicher gemacht werden konnte, zuweilen solche Bemerkungen darüber gemacht, welche mir durch die Erfahrung und gesunde Vernunft bestätigt zu werden schienen. Hingegen aber habe ich überall sorgfältig vermieden, mich ja in keine Untersuchung zweifelhafter und bloß spekulativer Meinungen einzulassen.

 

 

Ich habe bey jeder Krankheit, die ich in gegenwärtiger Schrift abzuhandeln habe, die Erscheinungen oder Zufälle der Krankheiten --- die Ursachen, von welchen man weiß, daß sie gewöhnlicher Weise dazu Gelegenheit geben --- die wahrscheinlichen Folgen dieser Krankheit --- und endlich die beste Art, diese Krankheit zu behandeln, der Ordnung nach beschrieben. Zu gleicher Zeit habe ich aber auch in den Fällen, wo eine wichtige Operation stattfindet, sowohl die in der Nähe liegenden Theile, deren Verletzung der Wundarzt sorgfältig vermeiden muß, als auch diejenigen angezeigt, welche derselbe nothwendig zertheilen muß.

Bey der Beschreibung der Operationen selbst habe ich mich beständig an die Methode gehalten, welche jetzt von unseren besten Wundärzten befolgt wird, und es sind hiervon bloß diejenigen Fälle ausgenommen, wo ich selbst einige Verbesserungen vorgeschlagen habe. Von diesen letztern habe ich nie eine empfohlen, deren Nutzen sich nicht durch wiederholte Versuche bestätiget hat.

Es ist bey einem Werk von dieser Art unvermeidlich, daß ich nicht hin und wieder in meinen Meinungen von den Meinungen einiger sehr angesehenen Schriftsteller abgehen sollte. Man wird indessen, wie ich hoffe, finden, daß ich in allen Beyspielen von dieser Art keinen anderen Beweggrund, als nur den Wunsch gehabt habe, eine Kunst zu größerer Vollkommenheit zu bringen, welche ich hier zu beschreiben und zu erläutern suche.

Benjamin Bell, 1783

 

 

C: Benjamnin Bells Lehrbegriff der Wundarzneykunst

(A System of Surgery) Inhalt:

Buch 1:

Erstes Hauptstück: Von den Nähten (Suturae)

Zweites Hauptstück: Von dem Unterbinden der Schlagadern und anderen Mitteln zur Stillung der Blutungen

Drittes Hauptstück: Vom Blutlassen oder den Mitteln, eine Ausleerung des Blutes durch die Kunst zu bewirken

Viertes Hauptstück: Von den verschiedenen Arten der Pulsadergeschwulst

Fünftes Hauptstück: Von den wahren Brüchen (Herniae)

Sechstes Hauptstück: Von dem Wasserbruch

Siebtes Hauptstück: Von dem Blutbruch

Achtes Hauptstück: Von dem Krampfaderbruch des Hodensackes (Variocele)

Neuntes Hauptstück: Von dem Fleischbruch (Sarkocele) oder dem scirrhösen Hoden

Zehntes Hauptstück: Von der Phimosis und von der Ablösung des männlichen Gliedes

Buch 2:

Elftes Hauptstück: Von dem Blasenstein

Zwölftes Hauptstück: Von dem Unvermögen Harn zu halten (Incontinentia urinae)

Dreizehntes Hauptstück: Von der Unterdrückung des Harnabganges oder von der Harnverhaltung (Supressio urinae)

Vierzehntes Hauptstück: Von den Verstopfungen oder Verengerungen in der Harnröhre

Fünfzehntes Hauptstück: Von den Fisteln im Mittelfleisch (anatomisch der Damm)

Sechszehntes Hauptstück: Von den Hämorrhoidalgeschwülsten oder der blinden goldenen Ader

Siebenzehntes Hauptstück: Von condylomatösen Auswüchsen oder Feigwarzen, und anderen dergleichen Krankheiten am Hintern

Achtzehntes Hauptstück: Von dem Vorfall oder Heraustreten des Mastdarms

Neunzehntes Hauptstück: Von der Verschließung oder Verwachsung des Hintern

Zwanzigstes Hauptstück: Von den Gesäß- oder Mastdarmfisteln

Ein und Zwanzigstes Hauptstück: Von dem Bauchstich oder dem Abzapfen des Wassers im Unterleib (Paracentesis abdominis)

Zwei und Zwanzigstes Hauptstück: Von der Öffnung der Brusthöhle (Paracentesis thoracis)

Drei und Zwanzigstes Hauptstück: Von der Luftröhrenöffnung oder Bronchotomie

Vier und Zwanzigstes Hauptstück: Von der Öffnung der Speiseröhre oder Oesophagotomie

Fünf und Zwanzigstes Hauptstück: Von der Ausrottung des Brustkrebses

3. Buch:

Sechs und Zwanzigstes Hauptstück: Von den Krankheiten des Gehirns, welche Folgen äußerlicher Verletzungen sind

Sieben und Zwanzigstes Hauptstück: Von den Augenkrankheiten

Acht und Zwanzigstes Hauptstück: Von den Krankheiten der Nase und des Schlundes

Neun und Zwanzigstes Hauptstück: Von den Krankheiten der Lippen

Dreißigstes Hauptstück: Von den Krankheiten des Mundes

Ein und Dreißigstes Hauptstück: Von den Krankheiten der Ohren und den an selbigen vorfallenden Operationen

Zwei und Dreißigstes Hauptstück: Vom schiefen Halse

Drei und Dreißigstes Hauptstück: Von den Krankheiten der Brustwarzen

Vier und Dreißigstes Hauptstück: Von künstlichen Geschwüren

Fünf und Dreißigstes Hauptstück: Von der Einimpfung der Blattern

4. Buch:

Sechs und Dreißigstes Hauptstück: Von Wunden

Sieben und Dreißigstes Hauptstück: Von Verbrennungen

Acht und Dreißigstes Hauptstück: Von Geschwüren

Neun und Dreißigstes Hauptstück: Von Knochenbrüchen

Vierzigstes Hauptstück: Von Verrenkungen

Ein und Vierzigstes Hauptstück: Von Verdrehung und Krümmung der Gliedmaßen

Zwei und Vierzigstes Hauptstück: Von der Krümmung des Rückgrats

Drei und Vierzigstes Hauptstück: Von der Ablösung der Gliedmaßen

Vier und Vierzigstes Hauptstück: Von der Absonderung der Knochenenden bei Krankheiten der Gelenke

Fünf und Vierzigstes Hauptstück: Von Verhütung und Verminderung der Schmerzen bei chirurgischen Operationen

Sechs und Vierzigstes Hauptstück: Von der Geburtshilfe

Sieben und Vierzigstes Hauptstück: Von Eröffnung und Zergliederung toter Leichname

Acht und Vierzigstes Hauptstück: Vom Einbalsamieren

Neun und Vierzigstes Hauptstück: Von Bandagen

D: Zusammenfassung:

Benjamin Bell, Biografie und Werke

2. April 1749: wurde Benjamin Bell geboren als zweites Kind von George Bell und Anne Corrie in Dumfries

1755-1764: klassische Bildung auf der Grammatikschule dieser Stadt unter Dr. Chapman dem Rektor der Schule

1762-1766: Lehrling bei James Hill, einem bekannten Chirurg in Dumfries

1766-1770: mit 17 Jahren Student der Universität von Edingurg.. Seine Lehrer dort:

Alexander Monro (primus et secundus) als Lehrer in Anatomie und Chirurgie

Dr. Joseph Black als Lehrer in Chemie

Dr. William Cullen, Professor am dortigen Institut für Medizin

Dr. John Gregory als Lehrer in Theorie und Praxis der Physik

Dr. John Hope (1725-86) als Lehrer in Botanik

1770 Mitglied des Royal College of Surgeons in Edinburgh

1770-1772 Reise zu den zwei großen Schulen für chirurgische Praxis in Paris und London, dort als Lehrer der damals schon berühmte John Hunter

1772 Rückkehr nach Edinburg und Beginn seiner chirurgischen Praxis

1776 Heirat mit Grizel Hamilton, die Tochter von Dr. Robert Hamilton, Professor für Theologie an der Universität von Edinburgh.

1776-1778: schwerer Unfall Benjamin Bells, erstmalig Studieren von chirurgischen Schriften, als Vorarbeit für sein späteres Hauptwerk "A System of Surgery"

1783-1788: Entstehung und Veröffentlichung von "System of Surgery" in 6 Bänden im Verlag Charles Elliot, pro Band für 6 Schilling und 6 Pence.

1791-1798: Erscheinung der deutschen Übersetzung "Lehrbegriff der Wundarzneykunst" mit Zusätzen von Benjamin Gottlieb Hebenstreit in 5 Bänden.

1793: "Abhandlung über Gonorrhöe"

1794 "Abhandlung über Hydrocele, Sarcocle, Krebs und andere Erkrankungen der Hoden",

1778-1798: eingeschränkte Chirurgentätigkeit in eigener Praxis aus gesundheitlichen Gründen

1783-1802: inspiriert durch Gespräche u.a. mit dem Nationalökonom Adam Smith Artikel über und politische Arbeit in nationalen Fragen, bes. Steuerfragen, Landwirtschaft und freier Marktwirtschaft

5. April 1806: Tod in Edinburg mit 57 Jahren.

 

An- und Einsichten Benjamin Bells:

  1. Benjamin Bell beschrieb als erster, dass es sich bei der Gonorrhoe (Tripper) um eine andere Krankheit als bei der Lues venerea (Syphilis) handelt;
  2. Kritik an den Pelikan als Instrument bei Zahnbehandlungen
  3. Auch die Nephrolithiasis (Steinbildung in der Niere) versuchte man vielfach operativ zu heilen, obwohl Benjamin Bell die Meinung vertritt, es handele sich dabei um ein absurdes und gefährliches Unternehmen.
  4. Benjamin Bell als früher Verfechter der Homöopathie: (System of Surgery, 3rd edit., 1789), "One of the best applications to every burn of this kind is strong brandy or any other ardent spirit; it seems to induce a momentary additional pain, but this soon subsides, and is succeeded by an agreeable soothing sensation"
  5. Amputationen: Er versuchte bei jeder Amputation soviel Haut zu retten wie es ging (" Save Skin!"), damit die Wunde sauber bedeckt war und eine Infektionsgefahr reduziert wurde. (Ausschluss von Luft).
  6. Schmerzminderung: Ein Verfechter des Vermeidens unnötiger Schmerzen bei Operationen

 

 

Literatur:

Benjamin Bell: Lehrbegriff der Wundarzneykunst, aus dem Englischen übersetzt von Ernst Benjamin Gottlieb Hebenstreit, Leipzig, dritte Auflage 1805, Faksimile von 1979

Diepgen, Paul: Geschichte der Medizin, Berlin, 1. Auflage, 1949, 3 Bände

Sournia/Poulet/Martiny: Illustrierte Geschichte der Medizin, deutsche Bearbeitung unter der Leitung von Richard Toellner, 1986, 6 Bände, digitale Bibliothek 3.21

* Benjamin Bell (Enkel): The Life, Character and Writings of Benjamnin Bell (1749-1806), Edinburgh, 1868

* Sir Benjamin Ward Richardson: Disciples of Aesculaius, Vol II, London, 1900

* John Kay: Kay’s Original Portraits Vol II, Edinburgh, 1877

* Rev. Thomas Thomson: Eminent Scotsmen, Vol I, London, 1870

* Reproduced with kind permission of the Royal College of Surgeons of Edinburgh