Referat: Die Pulslehre des Avicenna

Fach: Geschichte der Medizin; Seminarleiter: Prof. Dr. J.H.Wolf; Seminar: Quellen und Forschungen zur Geschichte der Medizin, Referent: Udo Lorenzen, WS 2004/2005

Benutzte Literatur:

1. Fragestellung: Gibt es eine Verbindung zwischen der chinesischen Pulsdiagnostik und der Pulslehre des Avicenna (möglich über den damaligen regen Handelsverkehr zwischen Vorderasien und China/Indien über die Seidenstraße); möglicher Textvergleich der Pulslehre des tang-zeitlichen "König der Medizin" Sun Si Miao (581-682), der berühmte Arzt der Tang-Dynastie (618-907); die Idee war, darüber später eine Magisterarbeit zu schreiben. Historisch belegt ist der medizinische Kontakt zwischen Persien und China erst seit dem 1313, wo ein persischer Gelehrter namens Rashiel al Din al Hamdani eine chinesische Enzyclopädie der Medizin erhielt und z.T. ins Arabische übersetzte. (Nei Jing. Mai Jing, Jin Gui Yao Lue); Avicenna hat seine Überlegungen zum Puls alle aus den griechischen Werken des Galenos!

2. Grundproblem: liegt in den mehrsprachigen Übersetzungsvorlagen und ist ein philologisches: Philologie: die Wissenschaft der Deutung von Texten, oder: die wissenschaftliche Erforschung einer Kultur aufgrund seiner Sprache und Literatur. Vordringlichste Aufgabe ist die Herstellung möglichst authentischer Texte, d.h wie echt ist eine Übersetzung vom Original. Avicenna hat im 10. J. die griechischen Originaltexte ins Arabische übersetzt, die dann später von Gerard von Cremona im 12. J. ins Lateinische übersetzt hat. Dieser lateinische Text war die Vorlage für alle späteren westlichen Versuche, Avicennas Medizin zu verstehen. Es gibt keine kritische Edition von Gerards lateinischer Übersetzung, d.h. alle haben später nur von ihm abgeschrieben! Später haben Gelehrte viele Übersetzungsfehler und obskure Beschreibungen entdeckt, bes. in den anatomischen und pharmakologischen Teilen des Canons.

So gab es immer eine Diskrepanz zwischen der allgemein anerkannten medizinhistorischen Bedeutung des Canons und seiner tatsächlichen Erforschung (Zitat Julius Hirschberg:

"Diese barbarisch lateinischen Übersetzungen sind nicht lesbar. Viele Sätze geben keinen Sinn, auch wenn wir jedes einzelne Wort verstehen. Es ist, wie wenn ein feines Marmorbildwerk in grobem Sandstein nachgebildet worden wäre".

Andererseits erklärt er aber fast ehrfürchtig: "Man bräuchte heutzutage ein ganzes Ärztekollegium, um ein solches Werk hervorzubringen. Avicennas Canon medicinae ist ein annähernd vollständiges Lehrbuch der damaligen Heilkunde, charakterisiert durch gegliederte Ordnung und genaue Beschreibung. In der Weltliteratur findet man bis heute kaum etwas Ebenbürtiges" (Hirschberg: Geschichte der Augenheilkunde bei den Arabern, Leipzig 1905)

Trotzdem: wir haben es Cremona zu verdanken, das der Canon Medicinae überhaupt in den Westen gelangt ist!

3. Beispiele auf Folien: (arabische Ausgabe des Canon Medicinae von 1593, Rom, die lateinische Übersetzung von Cremora ist die Ausgabe von 1507, Venedig)

4. Geschichtliche Situation:

Der letzte bedeutende und große Arzt der Antike war Galenos von Pergamon (129-199 n.Chr.). Er verfasste hunderte medizinische Abhandlungen und setzte den gültigen medizinischen Maßstab seiner Zeit und lange danach. Galens Krankheitskonzept stütze sich maßgeblich auf die Humoralpathologie des Hippokrates. Er ergänzte sie und gab ihr die Form, mit der sie dann mehr als 1500 Jahre überdauerte. Zum Ende des römischen Reiches um 400 n.Chr. zersplitterte das Römische Reich in einen weströmischen und einen oströmischen Teil (Byzanz). Im westlichen Teil ging in der Zeit der germanischen Völkerwanderung das antike Medizin-Wissen fast gänzlich verloren. Nur in der sog. Klostermedizin übernahmen Mönche und Nonnen die Pflege und die Weitergabe der Medizin. Ihre Hilfeleistungen für die Kranken waren für sie ein Werk christlicher Barmherzigkeit, ohne wissenschaftliches Interesse.

Andererseits begann im Osten eine Phase der Rezeption des antiken Erbes: Die antiken Autoren wie Hippokrates, Plato, Arestoteles, Dioscorides und Galen wurden gesammelt, zusammengefasst, neu geordnet und in Kompendien konzentriert. u.a. auch im Canon Medicinae von Avicenna.

Im 7. und 8. Jahrhundert eroberten die Araber den Vorderen Orient. Die Medizin der Antike gelangte so in die islamische Welt, wurde hier gesammelt und erweitert und kehrte im Mittelalter von dort wieder in den Westen zurück.

Im 11. bis 13. Jahrhundert entstanden die ersten Medizinschulen in Salerno und Toledo und zahlreiche Übersetzungen medizinischer Werke aus dem Arabischen ins Lateinische, u.a. auch Avicennas "Canon medicinae". Sie bildeten die Grundlage für den medizinischen Unterricht an den Universitäten bis zum 18. Jahrhundert!

 

Lebenslauf des Avicenna:

Avicenna - Der Doktor der Doktoren

Der Medicus aus dem Morgenlande

Er war der größte Geist der islamischen Welt, und vor seiner Weisheit verneigte sich selbst das Abendland. Ibn Sina, genannt AVICENNA, der Arzt und Philosoph aus Persien, begründete die moderne Heilkunst und leugnete die Unsterblichkeit der Seele. Und er liebte den Wein und die Frauen (aus einem Stern-Artikel vom 14. Februar 2001)

Der persische Arzt, Naturwissenschaftler, Philosoph, Astronom, Dichter und Staatsmann Abu Ali al-Hussein Ibn Abdallah Ibn Sina (979-1037) ابن سينا, kurz Ibn Sina genannt (lat. Avicenna) wird von vielen als der größte Gelehrte und »Fürst der Wissenschaften« des Islam angesehen.. Bei der Übersetzung seines Namens Ibn Sina in Hebräische wurde aus Ibn ein Aven; Die Lateinisierung des Namens Avensina ergab dann Avicenna. Von den Persern wird er liebevoll Bu Ali genannt.

Avicenna war einer der bedeutensten Erscheinungen in der islamischen Medizin- und Geistesgeschichte. Wegen der Vielfalt seines Wissens verkörperte er den universellen Gelehrten wie kaum ein anderer vor und nach ihm.

Bis zu seinem 10. Lebensjahr widmete er sich dem Koranstudium, danach studierte er Logik, Geometrie und Astronomie. Da er schon als Knabe seine Lehrer überflügelt hatte, brachte er sich selbst mit 16 Jahren Physik, Metaphysik und Medizin bei. Mit 17 Jahren hatte er sich bereits durch eine eigene Arztpraxis große Erfahrungen in der praktischen Medizin angeeignet. Es gelang ihm, den Samanidenfürsten Nuh ibn Mansur zu heilen, und dieser machte ihn zu seinem Leibarzt.

Avicenna, der in gesamten Orient Fürst aller Wissenschaften genannt wurde, war nicht nur ein bahnbrechender Mediziner, sondern ein ungeheuer vielseitiger Gelehrter, der es verstand, das Wissen seiner Zeit zu systematisieren. Avicenna war ein brillanter Heilkundiger und Denker mit herausragenden Leistungen auf den Gebieten der Medizin und der Philosophie. Seine Hauptwerke sind das medizinische Monomentalwerk "Al-Qanun Fi`l-Tibb" (Canon medicinae / Kanon der Medizin) und das umfassende enzyklopädische Werk "Kitab ash-Shifa" (Das Buch der Genesung), in dem er sich u.a. mit der Metaphysik des Aristoteles auseinandersetzt.

Das literarische Gesamtwerk Avicennas umfasste beinahe 500 kleinere und größere Schriften, die meist in Arabisch, der Gelehrtensprache des islamischen Mittelalters, verfasst waren. Einige seiner Arbeiten schrieb Avicenna in seiner Muttersprache Farsi (ein persischer Dialekt), wodurch er wesentlich zur Entwicklung einer Fachterminologie für die iranische Nationalsprache beitrug. Leider ging ein Teil dieses riesigen Bestandes verloren, doch umfasst sein erhaltenes Gesamtwerk noch heute etwa 240 Schriften.

Sein fünf Bücher umfassender Kanon der Medizin, enthält nahezu alle Teile der Medizin Dieser Kanon ist unterteilt in einen theoretischen, pathologischen, chirurgischen und pharmazeutischen Teil, Avicenna erhob mit diesem Kanon den Anspruch, die gesamte altertümliche Medizin endgültig abgeschlossen zu haben. (siehe später). Er stellte fest: Medizin ist wirklich nicht schwer!

1187 wurde der Kanon von Gerhard von Cremona ins lateinische übersetzt, Maimonides übersetzte ihn im 14 Jahrhundert ins Hebräische. Der ,,Canon medicinae" war bis ins 18. Jahrhundert hinein fester Bestandteil des Lehrplans der medizinischen Fakultäten Europas.

In der großen Halle der Medizinischen-Fakultät der Universität von Paris hängt ein Porträt des Avicenna. Im iranischen Hamadan wurde im Jahre 1952 ein modernes Mausoleum für den großen Gelehrten errichtet, dem auch ein Museum mit Bibliothek angegliedert ist. In Buchara, im heutigen Usbekistan, befindet sich ein ähnlichen Museum mit Schriften und Zeitdokumenten des großen Gelehrten.

Die Liste der Ehrungen Avicennas in der ganzen Welt, seinem Werk und Wirken gewidmeten Kongressen, Vorlesungen, Denkmälern, Münz- und Briefmarkeneditionen ließe sich fast endlos fortsetzen. Wie groß sein Ansehen selbst im christlichen Abendland war, zeigt sich auch an der Tatsache, dass ein Abbild von ihm ein buntes Fenster des Mailänder Doms ziert.

Die Lebensgeschichte Avicennas ist in der islamischen Welt und im christlich-jüdischen Abendland seit dem Mittelalter bekannt. Sie erschien bereits gemeinsam mit der ersten lateinischen Übersetzung seines Hauptwerkes, dem "Kanon der Medizin". Diese erste Biografie entstand im Kreis seiner Schüler. Sie beruht maßgeblich auf Avicennas eigenen Angaben und auf die Niederschriften seiner Schüler.


Das Leben Avicennas (979 -1037)

Avicennas Vater, war Verwalter eines Dorfes, dass zu den Besitzungen des in Buchara residierenden Samaniden Herrschers Nu Ibn Mansur gehörte. Bu Ali wurde dort von seinem Vater unterrichtet. Sein Elternhaus diente als Schule für die jungen Männer der Umgebung. Neben Koranstudien wurden in diesem Unterricht auch nichttheologische Sachgebiete wie Physik und Astrologie behandelt. Sehr schnell erwarb Bu Ali - zunächst im Kreis seiner Mitschüler, den Ruf eines Wunderkindes mit sagenhaftem Gedächtnis. Bereits mit zehn Jahren konnte er den Koran und zahlreiche arabische Gedichte auswendig vortragen.


Mit 13 Jahren nahm Avicenna private medizinischen Studien auf. Mit sechzehn begann er regelmäßig als Arzt zu praktizieren. Nach weiteren vier Jahren waren seine medizinischen Studien, eigenen Angaben zufolge, bereits weitgehend abgeschlossen. Die Medizin sei eine "eher einfache Wissenschaft" - und was er später dazu gelernt habe, sei nicht das Wesentliche gewesen - ist eines der bekanntesten Zitate des Avicenna.


Neben seinen medizinischen Studien, beschäftigte sich Avicenna schon in seiner Jugend mit der Philosophie. Sein Lehrer war der damals bekannte islamische Philosoph Abu Natili. Dieser ermöglichte ihm auch das Studium klassischer griechischer Autoren. Die Grundlagen für seine späteren mathematischen Studien erwarb sich Avicenna auf dem heimischen Marktplatz von indischen Händlern - ein Glücksfall für die Geistesgeschichte - denn Indien war damals in mathematischer Hinsicht die fortschrittlichste Region der Erde.

Nach dem Fall der Samaniden Dynastie in Buchara und dem ebenfalls in diese Zeit fallenden Tod seines Vaters, begann für Avicenna eine rastlose Reisezeit. Er begann ein Wanderleben, das ihn an die Höfe vieler berühmter Fürsten brachte. Er wurde Leibarzt verschiedener Herrscher und versuchte auch, sich politisch zu betätigen, aber geriet wegen seiner scharfen Zunge und seines arroganten Hochmuts schnell in Ungnade verschiedener Herrscher. Er zettelte Intrigen und Meutereien gegen einige seiner Herrscher an konnte schließlich froh sein, nicht zum Tode verurteilt worden zu sein. Er mußte allerdings 4 Monate im Gefängnis verbringen.

Danach siedelte er nach Isfahan um bekam wieder eine Stellung als Leibarzt, seine politische Kariere war allerdings gescheitert. Dort blieb Avicenna 15 Jahre und vollendete die meisten seiner Werke, vor allem den Canon Medicinae und sein zweites Hauptwerk, das "Buch der Genesung".

Ständige Kriegszüge seines Herrschers ruinierten allerdings die Gesundheit. Avicennas. Er musste die strapaziösen Feldzüge seines königlichen Patienten ebenfalls mitmachen. Einmal wurde er von heftigen Koliken befallen und versuchte sich selbst zu heilen, indem er sich täglich 10 Klistiere verabreichen ließ.

Auch wegen seines ausschweifenden Lebensstiles (Wein und Frauen) wurde er danach immer schwächer. Er bemühte sich verzweifelt, seine Gesundheit wiederzuerlangen und nahm immer größere Mengen an Medizin ein. Als er dennoch nicht gesund wurde, weigerte er sich schließich, noch irgendeine Medizin einzunehmen; er verteilte sein ganzes Vermögen an die Armen und schenkte seinen Sklaven die Freiheit. Im Jahre 1037 verstarb Avicenna im Alter von 58 Jahren. Er wurde in einem schlichten Mausoleum an der Stadtmauer von Hamadan begraben.


Der Canon Medicinae:

Der Canon Medicinae ist das größte und bekannteste Werk des Avicenna. Es enthält ca. 1 Million Wörter und ist, wie die meisten arabischen Bücher, in viele Kapitel, Subkapitel und Unter-Sub-Kapitel unterteilt.

Der Canon besteht aus 5 Büchern, jedes Buch ist unterteilt in Abschnitte (Fen), jeder Abschnitt hat Traktate (Talimm, diese wiederum Summa (Djumelat) und als kleinste Einheit dann Kapitel (Fasl)

Das I. Buch enthält 4 Fen; das 1. Fen handelt von den theoretischen, grundlegenden Begriffen der Medizin, Charakterisierung verschiedener Menschentypen und ihre Krankheitsanfälligkeiten (die Lehre von den Säften und Temperamenten), ausführliche Beiträge über Anatomie und Physologie des menschlichen Körpers, Symptomatologie, sowie diverse Krankheiten und ihre Entstehung, Im 2. Fen wird die Pulslehre und deren Bedeutung beschrieben, Im 3. Fen die Kinderheilkunde, die Definition der Tumore und Diätetik, Hygiene, Geriatrie, Reisekrankheiten und schließlich im 4. Fen die Allgemeine Therapie, Aderlaß, Schröpfen und Einläufe

Das II. Buch umfasst Grundkenntnisse der Heilmittel (also eine Materia Medica) in alphabetischer Ordnung. Es enthält über 760 Drogen mit Kommentaren für ihre Anwendung und Wirksamkeit. Er empfahl bei neuen Drogen vorher Tierversuche, bevor sie am Menschen erprobt wurden.

Das III. Buch besteht aus 22 Fen und beschäftigt er sich mit den Krankheiten des Körpers und der Organe von Kopf bis Fuß. Ausführliche Berichte über Parasiten, der Nieren und Harnblase, ein kurzer Abriß der Geburtshilfe, Gynäkologie und chirurgische Eingriffe. Sein Beitrag zur Sexualität und deren Hygiene ist heute noch berühmt aufrecht zu halten.

Das IV Buch hat 7 Fen und nimmt im 1. Abschnitt zu verschiedenen fieberhaften Erkrankungen Stellung; er versucht deren Ursache abzuklären und entsprechende Behandlungen anzuwenden.

Sein Beitrag zur Krisenslehre und Prognose im 4. Buch ist enorm, ebenfalls über Unfallchirurgie wird hier ausführlich beschrieben. Schließlich werden im 4. Buch Vergiftungen und deren Behandlungen, Hunde- u. Schlangenbisse, Tollwut, Insekten- u. Bienenstiche, u. Hautkrankheiten also die Toxikologie beschrieben.

Das V. Buch ist ein Antidotarium; es beschreibt für verschiedene Krankheiten über 6000 Rezepte.

Besondere Leistungen/Erkenntnisse im Canon Medicinae:

Avicenna erkannte und differenzierte eine Vielzahl Krankheiten und empfahl Therapien, die noch heute Gültigkeit haben z.B. bei Diabetes Mellius verordnete er eine Diät. Er beschreibt ziemlich genau die Differenzialdiagnose der Gelbsucht, cerebrale Apoplexien, Meningitis und Anämien. Ibn Sina erkannte unter anderem, dass Tuberkulose ansteckend ist. Er lieferte exakte Beschreibungen anderer infektiöser Erkrankungen, unterschied Formen der Hepatitis und gab eine differentialdiagnostische Unterscheidung von Lungen- und Rippenfell-entzündung. Auch beschrieb er lokale Tumore, die man heute als Krebs bezeichnen würde und stellte fest, dass die Wucherungen im ganzen Organismus auftreten können. Und im Gegensatz zur Wundeiterung, die man nach Hippokrates als wünschenswerte Selbstreinigung angesehen hatte, lehrte Ibn Sina die Asepsis, die eiterungslose Wundbehandlung. Dafür verwendete er warme, weiche Kompressen mit Kräutern und starkem Rotwein, dessen Anwendung der Islam zu medizinischen Zwecken erlaubt.

Grosse Beachtung verdienen seine Beiträge zur Chirurgie. Während im Abendland an bei vollem Bewusstsein und gefesselten Patienten operiert wurde, die dabei große Qualen litten; hat Avicenna die Patienten vor solche Operationen mit Hanf- und Opiatextrakten betäubt und in Ruhe operiert. Möglicherweise ist hier eine Beziehung zum berühmten chinesischen Chirurgen Hua To (110-207 n. Chr.) zu sehen, der genau dieselbe Methode der Anästhesie gebrauchte.

Bei kleineren Operationen entwickelte Avicenna eine Form von Lokalanästhesie. Er setzte Blutegel an, diese haben durch ihre Rüssel anästhelische Alkaloide abgesondert und so eine lokale Betäubung herbeigeführt. Avicenna hat Leberabszesse drainiert, bei Aszites punktiert und Magenspülungen durchgeführt; In ersteren Fällen soll er sogar einen künstlichen Darmausgang gelegt haben.

Ibn Sina bemerkte die enge Verbindung zwischen Emotionen und körperlicher Verfassung; er fühlte, dass Musik einen deutlichen Einfluß auf das körperliche und seelische Befinden des Patienten Einfluß hatte. Es werden viele psychologische Krankheiten im Canon beschrieben, sogar der Liebeskummer: In der Diagnose eines Prinzen, der krank darnieder lag, fühlte er eine deutliche Pulsveränderung (Pulsflattern), als der Name der Geliebten erwähnt wurde. Die simple Therapie war: bringe den Leidenen mit der Geliebten zusammen! Ebenso bekannt ist sein Einsatz der Pulsdiagnose als Lügendetektor, um die Ehefrau des Sultans eines Ehebruchs zu überführen.

Der Canon mit seinem enzyklopädischen Inhalt, seiner Systematik und seiner philosophischen Tiefe wurde, wie schon gesagt, für 700 Jahre das grundlegende Textbuch für den medizinischen Unterricht in Europa.

Vom 12. Jahrhundert an diente der Canon als Hauptführer der medizinischen Wissenschaften in der westlichen Welt. Es wird gesagt, das Leonardo da Vinci (1452-1519) vom ihm sehr beeinflußt wurde, und der berühmte Mediziner Dr. William Osler (1849-1919) konstatierte: "the Canon has remained a medical bible for a longer time than any other work". Für William Harvey ist die von Avicenna verfasste Abhandlung über den Puls, einer der Ausgangspunkte für seine Forschungen und Überlegungen über den Blutkreislauf. Seine Metaphysik in "Das Buch der Genesung" hat großen Einfluß auf Albertus Magnus und Thomas von Aquino ausgeübt.

Ein Beispiel für die Ordnung im Buch:

Buch V Antidotarium

Fen 1 von den zusammengesetzten, nach den Dispensatorien verzeichneten Heilmitteln

Talimm 1: von dem Theriak und den großen Latwergen

Summa 1: von dem Theriak und der Erläuterung seiner Zusammensetzung

oder:

Buch I Der Umfang der Medizin und seine körperliche Grundlage

Fen 2: Allgemeine Krankheiten und ihre Ursachen

Talimm 4: Diagnostische Methoden

Djumelat 1: Beschreibung der Pulslehre

Fasl 2: Gründe, warum man am Handgelenk den Puls fühlt

Fasl 3: Techniken des Pulsfühlens ect.

 

Die Pulslehre Avicennas:

Quellen: Canon Medicinae

Die Pulsschrift des Avicenna(Dissertation, s.o.)

Im Vergleich läßt sich eine z.T. fast wörtliche Übereinstimmung festellen, auch die Reihenfolge der Darstellung ist weitgehend identisch; Khalili vergleicht in seiner Dissertation die 10 "Grundpulse" aus den Galenischen Schriften, mit denen aus dem Canon Medicinae und der Pulslehre des Avicenna und schreibt:

Aus dieser Übersicht geht hervor, wie weitgehend die Übereinstimmung im Sachlichen ist. Ein besondere interessantes Kapitel stellt die Lehre vom Pulsrhythmus dar. Während im Canon der Rhythmus unter Berufung auf Galen behandelt wird, lehnt Avicenna in seiner Pulsschrift ausdrücklich die von Galen vertretene Lehre über die enge Beziehung zwischen der Musik und der Medizin in der Rhythmuslehre ab. In den Beschreibungen der verschiedenen Pulsarten zeigt sich eine große Übereinstimmung mit den entsprechenden Ausführungen bei Galenos.

Bei einer Würdigung der hier zum ersten Mal ins Deutsche übertragenden Pulsschrift wird man als Hauptmerkmal herausstellen müssen, dass sie sich inhaltlich sehr eng an die Ausführungen über den Puls im Qanun hält. Sie gibt die antike graeco-arabische Pulstradition kurz zusammengefasst wieder, ohne neue Gesichtspunkte zu bieten. Bei den Schwierigkeiten, die die lateinischen Übersetzungen das Canon infolge ihrer meist wortwörtlichen Übertragung der exakten Interpretation dienen, kann es überdies nur nützlich sein, wenn eine noch aus dem 11. Jahrhundert stammende Schrift uns die authentischen Ansichten von Avicenna und dazu noch in seiner Muttersprache bietet. Wenn er in dieser Schrift auch keinen orginellen Gedanken äußert, so spricht aus diesem Werk doch der auch sonst gerühmte klare und systematische Geist des großen persischen Arztes. Die Schrift charakterisiert sich als ein Kompendium galenischer Pulslehre, ausgezeichnet durch Klarheit und Kürze.

Zitate: Überschrift)

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen!

"Die Pulsschrift des großen Meisters.

Schenke Gott ihm seine Gnade

Vor allem sei Lob und Preis dem Schöpfer und Heil über den erwähnten Propheten Muhammad, sowie über seine Familie und seine Gefährten. Möge der Segen Gottes auf ihnen allen ruhen!

Das Ersuchen unseres Gebieters, des gerechten Königs, des Erfolgreichen und Siegreichen, Adud al Din Ala al Daulahwa Qahiral Ummah wa Tag al Millahh Abugafar Hisam, des Herrschers der Gläubigen - Möge Gott ihm Gnade und Wohl verleihen - erging an mich, auf das ich über die Pulslehre ein Buch schriebe, welches alles Grundsätzliche im Einzelnen umfasse. Diesem Wunsch nachkommend, habe ich nun nach bestem Vermögen und Wissen diese Buch verfasst, und zwar, wie gewünscht, in persischer Sprache.

Die allgemeinen Grundlagen dieser Wissenschaft:

Zunächst muss man wissen, dass der Schöpfer vier Grundelemente erschaffen hat:

Feuer: warm und trocken

Luft: feucht und warm

Wasser: kalt und feucht

Erde: trocken und kalt

Der Mensch hat die ausgeglichenste Mischung aus diesen vier, durch ihre Vereinigung im Menschen bilden sich:

der Körper (badan)

der Geist (ruh)

die Seele (nafs).

"Der Körper ist dicht, der Geist ist fein, die Seele aber ist etwas von beiden Verschiedenes. Ihre Feinheit ist etwas anderes als die Feinheit des Geistes, denn der Sinn von Feinheit in Verbindung mit dem Geist bedeutet soviel wie die Zartheit einer subtilen, lichten, zusammengesetzten Substanz, etwa wie klare Luft. Die Feinheit der Seele aber ist mit der Art von Feinheit zu vergleichen, mit der wir ein geheimnisvolles Wort oder einen tieferen Sinn bezeichnen. Den Körper bildete der Schöpfer aus den Gliedern, die Glieder selbst aus dem Dichten der vier Säfte, den Geist dagegen aus dem Feinen und dem Dampf derselben."

Die vier Säfte sind:

  1. Reines Blut als Grundstoff
  2. Phlegma, welches erst halb Blut ist und noch nicht richtig
  3. Gelbe Galle, das ist der Schaum des Blutes
  4. Schwarze Galle, d.h. das, was sich vom Blut abgesetzt und abgelagert hat.

"Diese vier Säfte erschuf der Schöpfer aus den vorherigen 4 Substanzen aufgrund verschiedener Mischungen und Masse. Aus dem Feinen dieser vier Säfte erschuf er den Geist! Die Entstehung und Bildung des Geistes findet im Herzen statt, wo er, wie auch in den Schlagadern, seinen Sitz hat. Aus dem Herzen gelangt der Geist auf dem Wege durch die Schlagadern zu den anderen Gliedern und zwar zuerst in die Hauptglieder, wie das Gehirn, die Leber und die samenbildenden Organe, von dort dann in die restlichen Körperteile. An jeder dieser Stellen ist die Natur des Geistes eine andere. Im Herzen selbst ist er sehr heiß, das Feine der gelben Galle und des Feuers wiegen dann in ihm vor; was dann vom Geist zum Gehirn geht, um dasselbe zu beleben und seine Funktionen zu ermöglichen, ist kälter und feuchter, das Feine des Wassers und der Dampf des Phlegmas wiegen in der Mischung vor. Der Teil des Geistes in der Leber, welcher auch hier beleben und die Funktionen derselben ermöglichen soll, ist wieder wärmer und weicher mit dem Gefühl von Feuchtigkeit, vorwiegend Bestandteile dieser Mischung sind das Feine der Luft und der Dampf des Blutes. Insgesamt gibt es also vier Grundformen des Geistes":

  1. Der Lebensgeist im Herzen, das Prinzip aller anderen Erscheinungsformen des Geistes
  2. Der animalische Geist, der im Gehirn sitzt
  3. Der natürliche Geist – wie die Ärzte ihn nennen – der in der Leber ist
  4. Der generative Geist, dh. der Fortpflanzung, der seinen Platz in den Hoden hat

Der Geist in diesen vier Formen steht zwischen der Seele als edelster Substanz und zwischen dem Körper, der gröbsten Substanz. Die Seelenkräfte werden durch Vermittlung des Geistes in alle Körperteile geleitet.

Resümee des Avicenna: Die Wissenschaft vom Puls ist die Wissenschaft von den Zuständen des Geistes, sowie die Wissenschaft vom Urin die Wissenschaft von den Zuständen der Säfte ist. Daher sagt uns der Puls am meisten über die Verfassung des Herzens, eben weil das Herz der Entstehungsort des Geistes ist und der Urin sagt uns am meisten über die Verfassung der Leber, weil in der Leber die Säfte entstehen!

Die Gründe, warum man den Puls am Handgelenk fühlt:

Technik der Pulstastung:

wenn die Handfläche nach oben zeigt, erscheint der Puls breiter, tiefer und weniger stark, bes. bei dünnen Menschen; wenn die Handfläche nach unten zeigt, erscheint der Puls oberflächlicher, länger und enger

Zeit der Pulstastung:

Der Puls sollte gefühlt werden, wenn der Patient nicht in emotionaler Aufregung oder Ärger ist, wenn er sich nicht angestrengt hat, viel gegessen hat oder sehr hungrig ist. Auch sollte es nicht in einer Zeit sein, in der Gewohnheiten vernachlässigt oder neue aufgenommen werden.

Entstehung des Pulses:

"In derselben Weise, wie der Schmied durch Öffnen und Spreizen des Blasebalgs Luft hineinzieht und dann durch Schließen und Zusammenpressen dieselbe hinaustreibt, ziehen Herz und Schlagadern durch eine Ausdehnungsbewegung Luft an und führen sowohl von außen die frische Luft als auch von innen die dampfförmige Nahrung des Geistes demselben zu, um dann dadurch, dass sie sich zusammenpressen, die Ausscheidungen des Geistes, einen rauchartigen Dampf, hinauszutreiben, was eben zur Erhaltung des Geistes dient. Diese beiden Bewegungen mit den zwei zwischenliegenden Ruhepausen werden Puls (Nabd) genannt. Der Puls wird durch das Atmen gleichsam entfacht: die Lunge, als Luftbehälter in der Nähe des Herzens liegend, wird mit Luft gefüllt, damit das Herz davon empfange und seine Abfälle an sie abgebe. Haben sich die letzteren in Form eines rauchigen Dampfes dort angesammelt, so stößt sie die verbrauchte Luft wieder aus, um erneut frische aufzunehmen, und so geht das ein ganzes Leben lang. Jeder Atemzug dauert einige Pulsschläge, so viele, bis die Luft verbraucht ist und ein neuer Atemzug nötig ist. Diese Bewegung nebst Pausen sind verschieden entsprechend der Verschiedenheit des Geistes. Der Geist ist von verschiedener Beschaffenheit gemäß den verschiedenen Zuständen des Körpers und der Seele. In diesem Zusammenhang sind die Pulsbewegungen nebst ihren Pausen Erkennungszeichen für die Beurteilung anderer Zustände des Körpers."

Somit besteht jeder Puls aus vier Teilen:

  1. Bewegung der Ausdehnung
  2. Ruhepause nach der Ausdehnung
  3. Bewegung des Zusammenziehens
  4. Ruhepause nach der Zusammenziehung

Dabei sagt uns die Ausdehnungsbewegung am meisten über den Puls aus. Für die Pulsuntersuchung legt Avicenna nach Galenos entlehnt 10 "Gattungen"(lat. genera, englisch features = Grundmerkmale) zu Grunde

  1. die Masse der Ausdehnung
  2. Schnelligkeit und Langsamkeit
  3. Kraft und Schwäche
  4. Häufigkeit und Seltenheit
  5. Wärme und Kälte
  6. Weichheit und Härte
  7. Fülle und Leere
  8. Gleichheit und Verschiedenheit
  9. Ordnung und Unordnung
  10. Gattung des Rhythmus

Bei Punkt 10 widerspricht er heftig der Idee Galenos, das die rhythmischen Verhältnisse im Puls die gleichen Proportionen haben wie in der Musik die Töne zueinander (z.B. die Saiten eines Zupfinstrumentes.)

"Diese von Galen vertretene Lehre ist hier fehl am Platze und übrigens falsch, weil das Vorbringen musikalischer Lehren in der Medizinwissenschaft nur zu Schwierigkeiten führen kann. Denn keinem Vertreter derselben hilft dies etwas, und schließlich ist es ja auch kein Fehler, wenn ein Arzt nichts davon versteht. ... Galen wollte eben als Musiker und als Arzt- und noch in anderen Wissenschaften dazu – in Ruf kommen".

Zusammengesetzte Pulse:

sind Pulse, die mehrere Merkmale verbinden: z.B. der springende Puls, der wallende Puls, der wurmförmige Puls, ameisenförmige, sägenförmige, mausschwänzige, nadelförmige, zitternde, u.v.m

 

Was beeinflußt den Puls:

"bei Schlaflosigkeit, Kummer, Schwäche, Trübung des Körpers durch Säfte, übermäßige körperliche Anstrengung, bei einer feuchten Natur und bei Krankheit wird die Ader schwach. Bei Nachlassen der Kräfte oder seelischer Belastung wird der Puls innehaltend, ameisenförmig, dann wurmartig infolge der Schwäche. Der Puls des Mannes st größer und kräftiger, bei der Frau ist er schneller und kleiner; der Puls der Kinder ist im Verhältnis zu ihrem Körper groß, aber auch besonders weich; bei Jugendlichen ist der Puls groß und schnell; bei alten Menschen ist der Puls klein, träge langsam. wenn er auch noch weich ist, zeigt er fremde Feuchtigkeit, die nicht natürlich ist".

Der Puls im Frühling ist wie bei Jugendlichen, im Sommer ist er klein, schnell und häufig, im Winter ist er schwach, selten und langsam.

Die Wirkung von Wein auf den Körper und den Puls ist vielschichtig; kalt getrunken vermindert er den Puls und macht ihn langsam und unregelmäßig, im Verhältnis zu der Geschwindigkeit, mit der der Wein in den Körper eintritt. Wird der Wein warm getrunken, erzielt man einen erwärmenden Effekt.

Emotionen:

Zorn: der Puls wird groß, aufsteigend und schnell, ist Furcht dabei, kann der Puls unregelmäßig sein, ebenso bei Schamgefühl;

Freude: der Puls wird langsam und träge, groß und weich

Kummer: der Puls ist klein, schwach, träge und langsam;

Furcht: der Puls ist schnell, zitternd und unregelmäßig (akuter Schreck), bei langandauernder

Der natürliche Puls:

ist weder zuviel noch zu wenig , er schlägt gleichmäßig im Rhythmus und kräftig.