Die traditionelle chinesische
Medizin (TCM) hat eine Geschichte von über 2500 Jahren hinter sich und somit
viel Zeit gehabt, Erfahrungen über Krankheiten des Menschen und ihrer
Behandlung zu sammeln. Ihr Menschenbild, ihr System der Krankheitsentwicklung,
der Diagnose und ihre Therapiemethoden sind dabei völlig anders als die der
westlichen Medizin. Unter den Therapiemethoden wie Akupunktur, chinesische
Arzneimittel, Tuina-Massage, Moxibustion, Taijiquan, Qigong etc. ist die
chinesische Pharmakologie die wichtigste und in China die am häufigsten
angewendete. Hier werden seit alters die meisten Patienten (über 70%) mit
chinesischen Arzneimitteln behandelt. Die chinesischen Drogen sind Produkte aus
überwiegend pflanzlicher, mineralischer oder tierischer Herkunft und werden
entweder im Ganzen oder in ihren einzelnen Bestandteilen verwendet. Sie können
einzeln eingesetzt werden, aber meistens werden sie in Form einer Rezeptur
kombiniert verwendet, um synergetisch die Heilkraft der einzelnen Drogen zu
optimieren.
In ihrer Anwendung sind die
chinesischen Arzneimittel sehr einfach: Rinde, Wurzel, Früchte, Zweige, Samen
etc. werden ohne komplizierte, moderne technische Verfahren verarbeitet. Auch die diagnostischen
Methoden in der TCM sind einfach: Befragung, Pulstastung, Zungen- und
Antlitzdiagnose …. Viele Menschen haben deshalb Zweifel an der traditionellen
chinesischen Medizin. So ist das Ziel der Diagnose in der traditionellen
chinesischen Medizin (TCM) nicht, bestimmte westliche Krankheitsbilder
festzustellen, sondern nach den Kriterien der TCM pathologische Zustände
(Disharmonien, Befindensstörungen) des Patienten zu erforschen und anschließend
dem entsprechend chinesische Arzneimittelrezepturen zu bestimmen. Dieses
eingedenk lassen sich die chinesische Arzneimittel nicht nach westlichen
Kriterien beurteilen. Auch wenn es in China eine Selbstverständlichkeit ist,
dass man durch chinesische Arzneimittel Patienten behandeln und heilen kann,
ist die Wirkung für denjenigen, der noch keine Kenntnisse über die TCM und
ihrer Heilmittel hat, oft wie Magie.
Die Vorteile in der Behandlung mit
chinesischen Arzneimitteln liegen in:
1) Ihrer zuverlässigen Wirkung:
Die meisten der chinesischen
Arzneimittel bzw. Rezepturen werden schon seit vielen hundert Jahren, manche
sogar seit über 2000 Jahren verwendet. In ihrer praktischen Anwendung haben die
chinesischen Ärzte vergangener Zeiten also reichlich Erfahrungen gesammelt über
die Heilwirkung der einzelnen Drogen, über ihre Dosierung, das Zusammenwirken
und ihre Modifikation in Rezepturen, mögliche Reaktionen der Patienten nach der
Arzneieinnahme und vieles mehr. Und während dieser medizinischen Praxis wurden
Tausende der chinesischen Arzneien bzw. Rezepturen immer wieder erprobt. Das
„Gute“ und „Wirksame“ ist so erhalten geblieben und das „Schlechte“ und
„Schädliche“ wurde ausgesondert. Dieser Erfahrungshintergrund schafft ein
zuverlässiges Handeln mit den chinesischen Drogen. Wenn wir heute die
chinesischen Arzneimittel oder Rezepturen lege artis anwenden, werden sie
ebenfalls zuverlässig wirken, und das nicht nur bei akuten Krankheitsfällen,
sondern auch bei schwierigen, komplizierten und chronischen Krankheiten.
2) Die Anwendung der chinesischen Arzneimittel
ist sehr sicher:
Chinesische Arzneimittel sind
meistens sanfte, natürliche Pflanzen, ohne oder mit sehr geringer Toxizität.
Solange nach den Regeln verwendet, werden keine Neben- oder toxische Wirkungen
und auch keine Arzneimittelresistenz hervorgerufen. Deshalb sind sie so gut
geeignet für eine langfristige Anwendung. Dies ist ein besonderer Vorteil, den
die westliche Medizin nicht hat. Da die durch Nebenwirkungen bedingten
Erkrankungen westlicher Medikamente immer häufiger werden, bekommen die
natürlichen Arzneimittel wie eben die chinesischen Drogen immer mehr Interesse
und Zuspruch. Da die importierten chinesischen Arzneimittel mittlerweile strengen
Einfuhrbestimmungen und regelmäßigen Qualitätskontrollen unterliegen, ist auch
die Gefahr einer Umweltbelastung der chinesischen Kräuter, wie es früher durch
die Presse ging, nicht mehr gegeben.
3) Betonung einer ganzheitlichen
Regulation:
Die TCM betrachtet und behandelt ihre
Patienten ganzheitlich. Warum wird ein Mensch krank? Im
chinesischen Denken ist die Gesundheit unzertrennlich mit der Vorstellung von
Fließen und Wandlungsfähigkeit verbunden. In der Chinesischen Medizin bedeutet Gesundheit ein dynamisches Gleichgewicht des
Menschen mit dem Vermögen, sich an viele innere und äußere Veränderungen
anzupassen. Wer krank wird, hat diese Anpassungsleistung verloren. Ein Modell zum Feststellen von Gleichgewicht
oder Disharmonie ist die uns bekannte Monade von Yin und Yang. Diese Zwei bringen sich
gegenseitig hervor, geben einander den Maßstab und vermitteln in einem
relativen Gleichgewicht Harmonie in der Welt. Hier reflektiert sich im
Zusammenspiel von zwei Wirkprinzipien die Polarität allen Lebens. Dabei
weisen die Schriftzeichen von Yin und Yang eigentlich auf konkrete Aspekte von
Zeit und Raum hin. Yin bezeichnet die im Schatten liegenden Hänge eines Flusses
oder Gebirges, Yang die besonnten Hänge. Yang ist die Tageszeit, in der die
Sonne scheint, Yin ist die Nachtzeit, wenn der Mond zu sehen ist.
Die
Vereinigung von Yin und Yang ist die Voraussetzung für Leben, die Trennung von
Yin und Yang bedeutet den Tod. Ein Leben im Einklang mit Yin und Yang
verspricht ein langes Leben und Gesundheit. Ein Ungleichgewicht von Yin und Yang bewirkt, dass Krankheiten
entstehen können. Es sind verschiedene Faktoren, die ein Ungleichgewicht
verursachen können und die der Behandler erkennen und einschätzen muss:
1. Die Angeborene Konstitution: familiäre
Veranlagungen, sog. Dispositionen müssen beachtet werden.
Das genetische Erbe legt die Grenzen der eigenen Gesundheit fest. Die Frage
ist, in welchen Organfunktionen macht sich die geringe Widerstandskraft
besonders bemerkbar („locus minoris resistentiae)“?
2. Emotionaler und geistiger Zustand:
Stress, Kränkungen, Sorgen, Ängste, Nöte, Abneigungen, Ärger, Trauer etc. haben
spezielle Wechselbeziehungen mit den Organen. Eine gestörte Organfunktion kann
übertriebene Emotionen hervorrufen, ebenso kann auch das Organ durch langanhaltende
starke Emotionen negativ beeinflusst werden.
3. Ernährung: Die schlechte Qualität und
der niedrige Nährwert vieler Lebensmittel heute ist ebenfalls eine Ursache von
Erkrankungen. Die meisten Nahrungsmittel enthalten Spuren von chemischen
Substanzen wie Geschmacks-, Farb- und Konservierungsstoffe, sowie Pestizide.
Auch unregelmäßiges, hastiges Essen unter Anspannung und zeitlichem Druck sind
oft Mitbegründer einer chronischen Erkrankung.
4. Umweltfaktoren: Kälte,
Wind, Hitze, Feuchtigkeit oder Trockenheit, auch der Mondstand, können jeweils
allein oder in Kombination schädigend auf den Organismus einwirken. Die
Wetterfühligkeit ist nur ein Beispiel dafür, wie das Klima unser Wohlbefinden
beeinflusst. Ebenfalls hat die Familien-, Wohn- und Arbeitssituation großen
Einfluss auf unsere Gesundheit.
5. Traumata: Damit sind nicht nur körperliche
Unfälle, sondern auch tiefliegende emotionale Verletzungen gemeint, die sich
grundlegend auf die Gesundheit auswirken können.
6. Suchtmittel: Unter diesem Gesichtspunkt
wird nicht allein der unmäßige Genuss von Kaffee oder Tee, Tabak, Alkohol,
Zucker, Fernsehen und harten Drogen betrachtet. Eine große Rolle spielt auch
die Einnahme von Langzeitmedikamenten, die oft genug unerwünschte
Nebenwirkungen haben. Im Zusammenwirken dieser Faktoren entwickelt sich die
Krankheit eines Menschen.
Deshalb
wird ein Behandler, der mit chinesischen Arzneimitteln arbeitet, nicht allein
nach den Details der akuten Beschwerden fragen, sondern auch eine komplette Anamnese erstellen über
die vergangenen Krankheiten, über auffällige Familienerkrankungen und über die
allgemeinen Lebensumstände. Auch wird er gegebenenfalls eine körperliche
Untersuchung vornehmen. Es wird ein vollständiges Bild des kranken Menschen
angestrebt, das die Beschwerden in ihrem Gesamtzusammenhang zeigt. Hinzu kommen
die Puls- und die Zungendiagnose, zwei
spezifisch chinesische Diagnosemethoden. So gelingt es, zusammen mit dem
genauen Befragen des Patienten, ein exaktes
Bild seines individuellen Leidens zu bekommen und den Weg der Behandlung
festzulegen.
Beim Diagnostisieren wird also der
gesamte Zustand der Patienten beurteilt und nicht nur das einzelne Symptom oder
nur bestimmtes Organ. Nehmen wir ein Beispiel. Ein Patient leidet seit über 6
Jahren unter starken, chronischen Kopfschmerzen (westl. Migräne). Durch eine
Computer-Tomographie wurde ein Hämangiom im Gehirn festgestellt. Dem Patienten
wurde zur Operation geraten. Wegen seiner großen Angst vor einer Operation kam
er zur traditionellen chinesischen Medizin (TCM). Der Patient wurde mit
chinesischen Arzneimitteln behandelt. Nach 2 Wochen waren die Kopfschmerzen
schon deutlich weniger. Nach weiteren 2 Monaten Behandlung war der Tumor bei
einer Computer-Tomographie-Kontrolle bereits deutlich kleiner. Zusätzlich
erzählte der Patient voller Freude, dass auch seine Impotenz geheilt sei. So
kann die Wirkung einer ganzheitlichen Regulation mit chinesischer Medizin
aussehen!
Warum haben die chinesischen
Arzneimittel eine therapeutische Wirkung?
In der chemischen Analyse
chinesischer Arzneimittel hat man festgestellt, dass sie verschiedene
Bestandteile und Nährstoffe besitzen, die unser Körper zum Leben braucht
(Vitamine, Mineralien, Spurenelemente usw.). Es gibt in China ein Sprichwort:
Arzneimittel und Nahrungsmittel haben denselben Ursprung. Auch zeigen moderne
pharmakologische Forschungen, dass in den chinesischen Arzneimitteln viel mehr
Nährstoffe als in der normalen Nahrung enthalten sind. Man findet zahlreiche
Alkaloide, Glykoside, flüchtige Öle, organische Säuren, ungesättigte
Fettsäuren, Resina, Chromophyll, anorganische Salze u.v.m. Diese können den
menschlichen Körper, seine Organe und ihre Funktionen beeinflussen, das
Immunsystem stärken oder verschiedene Krankheitserreger abtöten oder
inhibieren. So kann man mit Hilfe der westlichen Naturwissenschaft
nachvollziehen, dass die chinesischen Arzneimittel eine therapeutische Wirkung
haben. Manche westlichen Medikamente sind aus chinesischen Kräutern extrahiert,
wie z. B. Ephedrin, Berberin, Arteannuin, Ginkgetin.
In der Praxis werden die chinesischen
Arzneimittel aber nach den Theorien und Regeln der TCM eingesetzt. Sie können
nur beschränkt nach den Kenntnissen der westlichen Medizin oder als
Substitution mangelnder Körpersubstanzen verwendet werden. Wie bereits oben
aufgezeigt bedeutet Krankheit aus der Sicht der chinesischen Medizin eine
Störung des Gleichgewichts der inneren Funktionen, die durch die
verschiedensten Faktoren verursacht werden kann. Aus chinesischer Sicht kommt
es dann im Organismus zu Störungen eines Mangels oder einer Fülle, eines
Aufsteigens oder Absinkens, einer Kälte oder einer Hitze. Qi und Blut können
zuwenig sein oder stagnieren, die Essenzen können geschwächt sein oder Schleim
die Lebensprozesse verlangsamen. Andererseits hat man durch jahrhundertelange
Emperie herausgefunden, dass die chinesischen Arzneimittel auf eben diese
Dysharmonien Einfluß nehmen können. Ähnlich wie bei der Wahrnehmung des kranken
Menschen hat man festegstellt, dass auch die chinesischen Drogen verschiedene
Wirkrichtungen haben wie kalt und heiß, warm und kühl, anhebend und absenkend,
und mit ihren Geschmacksrichtungen süß, sauer, scharf, bitter und salzig haben
sie unterschiedliche Wirkungen auf den menschlichen Körper. So kann man den
Charakter und die Wirkung eines chinesischen Arzneimittels nutzen, um Störungen
im Menschen zu korrigieren.
Dies geschieht nach
dem Prinzip contraria contrariis curantur = eine Heilung durch Gegensätzliches.
Wenn z. B. ein Patient hohes Fieber,
starken Durst und Unruhe hat, wird dies nach der TCM einer „Hitze-Fülle“
zugeordnet und durch Arzneimittel behandelt, die vom Charakter kalt oder kühl
sind. Wenn aber ein Patient frostig ist und kalte Extremitäten, Bauchschmerzen
und klare wässerige Stühle, gehört dies zu der Kategorie „Kälte und Leere“ und
wird durch Arzneimittel mit warmem oder heißem Tempearturverhalten behandelt.
Bei Erbrechen, Aufstoßen, Asthma ect. werden Arzneimittel mit absenkendem
Charakter angewendet, weil die Krankheit sich in einem „widrigen Aufsteigen“
darstellt. Gegen Magensenkung, Hysteroptose, chronische Durchfälle und
Analprolaps werden Arzneien mit aufsteigender Wirkrichtung eingesetzt, da die
Symptome hier eine „absinkende Dynamik“ zeigen.
So können wir verstehen, dass die
chinesischen Arzneimittel nicht auf Grund eines Mangels an Substanzen oder
Nährstoffen im Körper oder nach pathologischen, biochemischen und immunologischen
Veränderungen eingesetzt werden, schon gar nicht denn nach bestimmten
Krankheitserregern. Ihre Anwendung geschieht nach der pathologischen Dynamik im
Sinne der traditionellen chinesischen Medizin. Grundsätzlich bedeutet dies
auch, dass man für eine TCM -Therapie nicht unbedingt eine westliche Diagnose
benötigt. Aus Gründen der Sorgfaltspflicht und der Verantwortung dem Patienten
gegenüber sollte der Behandler jedoch in der Lage sein, eine westliche Diagnose
zu stellen.
Die Schulmedizin leistet
Hervorragendes, wenn es um die Feststellung von organischen Krankheiten
geht und dort, wo sichtbare
Veränderungen, degenerative Prozesse, Tumorbildungen stattgefunden haben (also
ein Befund vorhanden ist). Ebenso sollten schwere Infektionskrankheiten der
Schulmedizin vorbehalten bleiben. Aber: Jede Erkrankung, die sich
materiell manifestiert hat, ist aus der Sicht der chinesischen Medizin ein
Spätzustand, ist bereits eine chronische Erkrankung! Denn jede organische
Erkrankung ist eine kulminierte, lang andauernde funktionelle Entgleisung. Da,
wo Organe oder Gewebe bereits zerstört sind, kann auch die chinesische Medizin
nur noch lindernd eingreifen. Sie kann weder degenerative Prozesse rückgängig
machen, noch kann sie fehlende Organe ersetzen. Sie kann aber solche Prozesse
aufhalten und Begleiterscheinungen mildern, in seltenen Fällen sogar beseitigen.
Die Stärke der
chinesischen Medizin und insbesondere der Arzneimitteltherapie liegt dort, wo
(noch) Funktionsstörungen vorherrschen. Sie kann Frühzustände erfassen und ist
damit die ideale Prophylaxe. Hier kann sie gezielt und treffsicher
Befindensstörungen des Patienten einordnen, bei denen die westliche Medizin oft
rat- und hilflos ist und nur symptomatisch behandeln kann. Alle
Krankheitsbilder ohne organischen Befund, alles, was psychosomatisch, vegetativ
bedingt ist, oft aber einen starken subjektiven Leidensdruck erzeugt, können
wir mit der chinesischen Medizin systematisch diagnostizieren und behandeln.
Das sind heute über 60% aller Patienten!
Autoren:
Dr. med. Xiaoyun Liang, Guangzhou,
China
Udo Lorenzen, Medizinhistoriker M.A.,
Kiel
AUSBILDUNGSZENTRUM
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